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Läuft!

Warum Sport mit Anfang 30 zur Qual wird.

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Bild: Flickr, whologwhy

Ich bin viel gelaufen in meinem Leben. Ich war im Laufverein und immer einer der Schnellsten. Später, als ich in Berlin (das ist die Stadt, in der ich auch heute noch lebe) studiert habe, bin ich hier auch mal einen Marathon gelaufen. Ich habe ein bisschen dafür trainiert und dann, ja,  lief es eigentlich ganz gut. Es war sehr heiß, die letzten Kilometer waren zach, aber es war kein Problem.

Da war ich noch keine 30, eher Mitte 20. Jetzt mit Anfang 30 läuft es sich nicht mehr so gut. Als Kind rennt man den ganzen Tag herum, man klettert auf Bäume, man spielt Fußball, man rauft, man hat viel zu viel Energie. Als Jugendlicher und bis irgendwann Ende 20 zehrt man von dieser Energie. Anfang 30 ist sie dann aufgebraucht. Mit Anfang 30 muss man wieder was machen, um halbwegs in Form zu sein, um nicht dick zu werden. 

Ich jogge also. Ich laufe im Park, der nahe meiner Wohnung liegt, den Fluss entlang. Ich mag es, zu joggen. Da bekomme ich den Kopf frei und neue Ideen. Da denkt man darüber nach, was man bislang so gemacht hat und was man in Zukunft machen will. Man soll nicht zu viel über die Vergangenheit grübeln und in die Zukunft planen, aber ein bisschen soll man es doch. Weil es schön ist, dem Hier und Jetzt manchmal zu entfliehen. Weil man ja sonst nicht mehr so viel träumt ab 30. 

Beim Joggen träume ich, das ist die schöne Seite vom Joggen. Das ist der Hinweg. Der Rückweg ist anders. Beim Rückweg fängt einem an, die Luft wegzubleiben, die Beine wollen nicht mehr, sie tun weh, man fragt sich, warum man das macht. Man muss ja nicht fit sein. Man darf ja jetzt ruhig auch mal endlich einen Bauch bekommen, oder? Warum quält man sich? Was soll das? 

Auf dem Rückweg nervt einen alles: Die Fußgänger, um die man einen Bogen laufen muss, die Fahrradfahrer, die knapp an einem vorbeifahren, die Hundebesitzer, die ihre Hunde nicht im Griff haben. Die anderen Jogger, die einem grinsend begegnen und zum Gruß zwei Finger heben. Andere Jogger, die einen überholen. Die alten Damen, die Nordic-Walking machen und einen verabscheuend und kopfschüttelnd anschauen, weil ihnen irgendein Fitnessguru erklärt hat, dass Nordic-Walking viel gesünder sei als Joggen. Sie quatschen, während sie walken, und lassen die Stöcke hinter sich herbaumeln. 

Zuhause auf der Couch, versucht man sich zu erholen und denkt nach. Man fragt sich, was man eigentlich will im Leben: es genießen, es richtig leben, ohne Bedauern oder versuchen, möglichst gesund zu leben und dadurch möglichst lang? 

Man will immer alles oder nichts. Das Eine oder das Andere. Marathonlaufen oder vollgefressen wochenlang auf der Couch liegen. Warum ist es nur so wahnsinnig schwierig, das Mittelmaß zu finden? Wahrscheinlich weil man sich mit Mittelmaß zu Tode langweilen würde.

Lenz Koppelstätter

fühlt sich too old to young und too young to old. Außerdem lebt er in Berlin, wo er für Zeitungen und Magazine und an Buchprojekten arbeitet.
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Auch schon 30

Ab wann ist man eigentlich erwachsen? Wenn man mitternachts müde wird? Wenn einen 17-jährige Mädchen siezen? Wenn einen ständig die Sehnsucht packt, nach der Provinz, aus der man mal geflohen ist? Wenn alle um einen herum Kinder kriegen? Wenn man sich manchmal denkt: Scheiß doch auf alles, ich haue jetzt einfach ab! Unser Kolumnist Lenz Koppelstätter berichtet über die Tücken des Ü-30-Alltags.

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