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He says, she says

Krisensexismus

Schwierige Zeiten legitimieren ungewöhnliche Reaktionen. Dazu gehört anscheinend auch Sexismus, denn in Zeiten von Corona erlebt er eine Blütezeit.

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Bild: averie woodard - unsplash

She says:

Humor ist wichtig. Vor allem in einer Zeit des gesamtgesellschaftlichen Unbehagens. Er nimmt der Krise zumindest einen Teil ihrer Schwere und entlockt der Gesellschaft wenigstens ein kurzes Lachen. Die etlichen lustigen Corona-Videos und Memes, die zurzeit soziale Medien und Whatsapp heiß laufen lassen, sind Beweis für die heilende Wirkung von Witz und seiner essenziellen Rolle in Notsituationen.

Doch die „humorvollen“ Einfälle über das Coronavirus zeigen leider auch: Sexismus ist in unserem Alltag noch lange nicht besiegt. Sexismus darf aber nicht toleriert werden. Auch nicht, wenn er in Humor gehüllt ist. Und in schweren Zeiten rechtfertigt Humor offensichtlich einige Aussagen unter der Gürtellinie. Da erreichte mich zum Beispiel kürzlich ein Meme, auf dem ein Mädchen den Jungen, der neben ihr sitzt, nach seiner Arbeit fragt. Der Junge antwortet: “Ich habe ein Unternehmen, das Schutzmasken produziert”. In darauffolgenden Bild ist das Mädchen beim oralen Geschlechtsverkehr mit dem Jungen zu sehen.

Auch beliebt unter den Corona-Memes sind jene, die im Groben das Geschlechterstereotyp der nörglerischen, emotionalen und schwer zu ertragenden (Ehe-)Frau bedienen. Hier ein Beispiel von vielen:

Bild: Meme - BARFUSS

Dabei wären diese humorvoll karikierten Darstellungen der Schwierigkeiten, die (Ehe)paare in dieser Zeit der Zwangsquarantäne durch die erzwungene Nähe erleben, gar nicht mal so schlimm. Denn dass es nicht leicht ist, das Zusammenleben unter den derzeitigen Umständen neu zu gestalten und auszuhalten, ist ein reales Problem. Ein bisschen Witz lockert das Ganze auf und zeigt den Paaren und Familien dieser Welt: Ihr seid nicht allein. Doch fällt der Humor in diesem Fall nicht auf Kosten beider Seiten aus.

Wo bleiben bitte die Memes, die den Mann mit Bierbauch auf der Couch sitzend zeigen und der Schrift „mio marito rompe i coglioni“, um nur eines der männlichen Geschlechterstereotype zu nennen? Und so kommt es zu einer ungleichen überspitzten Darstellung der Geschlechterverhältnisse zum ausschließlichen Nachteil der Frau, und verfestigt wieder alte Rollenmuster.

Meine Freunde sagen mir: Nimm es nicht so ernst. Das ist doch nur ein Witz.

Zusätzlich zu den geschmacklosen Entwürdigungen müssen Frauen auch noch ertragen, dass sie von den Maßnahmen gegen das Coronavirus mehr betroffen zu sein scheinen, als Männer, wie eine jüngste Studie der UNO zeigt. Denn Angewohnheiten, wie etwa jene, dass Frauen hauptsächlich für Haushalt und Kinder zuständig sind, gehen durch das Coronavirus nicht einfach verloren. Somit fällt bei Frauen nun neben Homeoffice auch noch die zusätzliche Kinderbetreuung an.

Meine Freunde sagen zu mir: Nimm es nicht so ernst. Das ist doch nur ein Witz. Doch wenn ich die Zahlen der UNO-Studie sehe (70 Prozent der ArbeiterInnen im weltweiten Gesundheits-und Sozialwesen sind Frauen, die nun mit der Überlastung zu kämpfen haben. Gleichzeitig verdienen Frauen weltweit 28 Prozent weniger in dieser Branche, wie Männer), und dann täglich auf Memes stoße, die Frauen zu unausstehlichen Wesen degradieren, die sich zu jeglicher sexueller Handlung herabwürdigen, um an Gesichtsmasken zu kommen, anstatt sie für ihre Betreuungsarbeit anzuerkennen, vergeht mir das Lachen.

He says:

Da muss ich dir ganz klar widersprechen, Julia. Das Mädchen aus dem Meme lässt sich wohl kaum wegen der Masken zu ihrer frivolen und im Übrigen völlig unhygienischen Dienstleistung hinreißen; vielmehr sind es die finanziellen Vorteile, die sie sich davon verspricht. Wer heute im Besitz eines Unternehmen ist, das Atemschutzmasken produziert, ist schließlich ein reicher Mann – beziehungsweise eine reiche Frau.

Aber du hast recht, solche Memes bedienen natürlich abgedroschene Klischees: die Frau, die vom materiell erfolgreichen Mann angezogen ist und im Gegenzug nichts als ihre körperlichen Reize anzubieten hat. Nichtsdestotrotz – oder vielleicht gerade deshalb – bringen sie viele Leute zum Lachen, nicht nur Männer. Du selbst bezeichnest sie als „humorvoll“.

Anstatt jetzt also Prohibition zu praktizieren (davon erleben wir zurzeit schon genug) und solche Witze von vorneherein als frauenfeindlich und menschenverachtend abzulehnen, frage ich mich, warum mir bisher keine “männerfeindlichen” Memes untergekommen sind? Du hast es bereits angesprochen: Es gibt genügend männliche Klischees, die sich im aktuellen Zusammenhang des kollektiven Hausarrests bedienen lassen. Warum macht ihr Frauen nicht etwas daraus?

Geschlechtergleichheit ist wichtig. Es wäre aber bedauerlich, sie zu erreichen, indem man bestimmte Dinge wie sexistisch gefärbten Humor verbietet oder verteufelt.

Vielleicht sind Frauen einfach nicht so fleißige Meme-Produzenten? Oder sie finden wenig Reiz darin, Bilder mit sarkastischem Inhalt zu teilen? Es kann jedenfalls nicht allein daran liegen, dass Frauen aufgrund der patriarchalischen Unterdrückungsmaschine dazu gezwungen sind, stattdessen den Abwasch zu machen oder den Kindern systemreproduzierende Gute-Nacht-Geschichten über mutige, starke Prinzen und wehrlose, hübsche Prinzessinnen zu erzählen.

Geschlechtergleichheit ist wichtig. Es wäre aber bedauerlich, sie zu erreichen, indem man bestimmte Dinge wie sexistisch gefärbten Humor verbietet oder verteufelt. Stattdessen könnte man Gleichheit auch erreichen, indem beide Seiten die Freiheit nutzen, übereinander zu lachen. In diesem Sinne, Julia, seist du aufgefordert, ein Meme zu gestalten, das alle männlichen Klischees von Faulheit, Trunkenheit, Unfähigkeit, Überheblichkeit und Egoismus in sich vereint. Dann haben wir beide etwas zu lachen.

 

Autorin: Julia Tappeiner
Seit ihrer Zeit im patriarchalen Kasachstan eine überzeugte Feministin. Steht nichtsdestotrotz auf rasierte Achseln, hasst keine Männer und lässt sich von ihrem Freund auch mal einladen. Der nächste Aperitivo geht dann wieder auf sie.

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