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Klappe!

Warum man Freiluftkinos mit Anfang 30 nicht mehr cool finden muss.

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Bild: Flickr, decafinata

Freiluftkinos nicht zu mögen, das muss man sich erst einmal trauen. Freiluftkino, Inbegriff des Guten! Freiluftkino, das ist wie Flohmarkt. Oder Bioladen. Freiluftkino fühlt sich irgendwie richtig an. Letztens wollte ein Freund von mir ins Freiluftkino. Ich wollte nicht. Ich verstehe das Prinzip „Freiluftkino“ nicht. Ein wichtiges Fußballspiel gemeinsam vor großer Leinwand schauen – okay! Bin ich kein Fan von, ich schaue lieber zu Hause, in Ruhe, damit ich nichts verpasse, aber ich verstehe das. Die Emotionen und so. Freiluftkino verstehe ich nicht. Ich bin trotzdem mit. Wollte ja mal wieder was mit dem einen Freund machen. Ich hätte es nicht machen sollen.

Lange Schlange vor dem Eingang im Berliner Volkspark Hasenheide. Alles Freiluftkino-Menschen. Flohmarkt-Menschen, die auch gerne ins Freiluftkino gehen. Bioladen-Menschen, die auch gerne auf den Flohmarkt und ins Freiluftkino gehen. „Ist das das Ende der Schlange“, fragt mich ein Mädchen. Vor mir stehen Menschen in einer Reihe. Ich stehe ganz hinten, bin der letzte in der Reihe. Ich schaue das Mädchen an. Ich drehe mich um. Vergewissere mich noch einmal. Nein, hinter mir steht niemand. Die anderen Leute stehen alle vor mir. Ich denke nach, wie sie bloß auf die Idee kommen konnte, dass das nicht das Ende der Schlange sein könnte. „Nein, das ist das Ende der Welt“, sage ich. Sie versteht nicht. Oder findet es nicht witzig. Oder beides. Ich fand den Spruch lustig, aber egal. Sie stellt sich hinter mich. 

Mein Freund ist schon da, sitzt bereits auf einer der harten Holzbänke. Hinter uns sprüht sich die Masse mit Mückenspray ein. Wir haben keinen Spray dabei. Neben uns drängt sich ein chinesisches Pärchen in die Bank, es ist zwar schon total eng alles, aber „Nein“ sagen geht ja irgendwie auch nicht. Der Mann öffnet seine Tasche, ein Malteser schaut heraus, er hat ihn ins Kino geschmuggelt. Der Freund von mir hat Angst vor Hunden. Auch vor Maltesern. Schaut verängstigt. „Keine Angst“, sagt der Chinese, „der tut nichts.“ Was meinem Freund aber auch nicht weiterhilft. Der Hund bellt. Mein Freund erschrickt. „Kein Wunder“, sagt der Chinese. „Der merkt natürlich, dass du Angst hast.“ (Das Freiluftkino ist ein Duz-Ort, würde man Siezen, würde man sich als Freiluftkino-Laie outen.) 

Ich bin durstig, aber die Schlange an der Theke ist so lange, dass ich beim Anstehen den halben Film verpassen würde. (Es ist immer wieder ein Phänomen, wie langsam Thekenkräfte in Berlin aufschenken können). Der Film geht los. Mit tut nach fünf Minuten schon der Arsch weh. Sind das die Boxen, die so knacksen? Nein, das ist der Schwarm Mücken, der über der Leinwand surrt, eine Mücke setzt sich auf eins meiner Brillengläser, ich erwische sie, verwische mir mit meinen verschwitzen Fingern die Sicht, muss jetzt erst einmal meine Brille putzen, der Chinese neben mir („Sorry, keine Absicht!“), lässt die Chilisoße seiner Nachos auf meine weiße Sommerhose tropfen. Das macht mir alles nicht so viel aus, wie das Mädchen, das vor mir sitzt, in die Arme ihres Freundes gekuschelt, und ständig etwas zu kommentieren hat, flüsternd, aber so, dass man es hört: „Ist das jetzt Brad Pitt? Krass, ich wusste ja gar nicht, dass Brad Pitt auch mitspielt.“ Oder, immer kurz bevor es spannend wird: „Sssssssssssss, jetzt wird es aber gleich spannend!“ 

Ich gehe nie wieder ins Freiluftkino, das schwöre ich mir gegen Mitte des Films, zumindest nicht freiwillig. Ich habe mir vor einigen Wochen einen neuen Fernseher gekauft. Vor ein paar Monaten eine neue Couch. Ich bin jetzt Anfang 30, das ist ein Alter, in dem man aufhören sollte, sich immer die billigsten Sachen zu kaufen, die nach zwei Monaten wieder kaputt sind. Ich habe jetzt also einen neuen Fernseher, eine neue Couch. Es kostete Überwindung, die zu kaufen. Es war so ein Erwachsenen-Kauf. Investition fürs Leben. Oder zumindest – hoffentlich – für einen längeren Lebensabschnitt. Es hat aber auch gut getan. Früher habe ich immer gedacht, erwachsen ist man dann, wenn man ein eigenes Auto hat. Ich habe immer noch keins. Brauche keins. Ich wohne in der Stadt. Mitten in Berlin. Ich fahre Rad (ungern), U-Bahn oder wenn, dann mit einem Carsharing-Auto. Ich hätte gerne ein Auto, einfach um mich endlich erwachsen zu fühlen, um den Traum zu leben, den man als Jugendlicher hat, den Traum vom eigenen Auto, den Traum von der großen Freiheit. Ich habe mir einen Fernseher gekauft. Eine Couch. Mein Fernseher, meine Couch, geben mir mein Ersatz-Erwachsen-Sein-Gefühl. Kleine Freiheit.

Das Bier ist warm. Es ist Hochsommer. Alle schwitzen, alle stinken. Vor mir raucht einer. Er kifft. Der Rauch nervt mich. Der Typ riecht nach Schweiß. Noch mehr als alle anderen. Noch mehr als ich. Ich finde Leute bescheuert, die sich über Leute aufregen, die draußen rauchen. Ich sage nichts. Ich möchte nicht, dass ich mich selbst bescheuert finde. Der Chinese neben mit raschelt mit seiner M&M’s-Tüte, sein Hund streift um mich herum. Komischerweise bellt er den gesamten Film über nicht, ein Kino-Nerd-Hund. Der Film wir langsam spannend, vorne in den ersten Reihen kippt einer um. Zu schwül, zu eng. „Wir brauchen einen Arzt“-Rufe, ein Arzt klettert über die Holzbänke, dem da vorne geht es schon wieder besser, die spannende Szene habe ich trotzdem verpasst, jetzt läuft der Abspann. „Toller Film“, resümiert mein Freund. „Ja“, sage ich und sehne mich nach meiner Couch, meinem Fernseher.

Lenz Koppelstätter

fühlt sich too old to young und too young to old. Außerdem lebt er in Berlin, wo er für Zeitungen und Magazine und an Buchprojekten arbeitet.
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Auch schon 30

Ab wann ist man eigentlich erwachsen? Wenn man mitternachts müde wird? Wenn einen 17-jährige Mädchen siezen? Wenn einen ständig die Sehnsucht packt, nach der Provinz, aus der man mal geflohen ist? Wenn alle um einen herum Kinder kriegen? Wenn man sich manchmal denkt: Scheiß doch auf alles, ich haue jetzt einfach ab! Unser Kolumnist Lenz Koppelstätter berichtet über die Tücken des Ü-30-Alltags.

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