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Kinderg'schichten & Heiratssachen

Warum man mit Anfang 30 nur noch mit Babythemen und Kärtchenschreiben beschäftigt ist.

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Bild: Flickr, catlovers

Es gibt zwei Arten von Menschen Anfang 30. Es gibt die, die Kinder haben, und die, die keine haben. Die ohne, ich bin einer davon, sind von denen mit total genervt. Weil die nur noch über Kindersachen reden. Und die mit sind von uns ohne genervt, weil uns das alles nicht interessiert. 

Wenn jemand Anfang 30 Kinder kriegt, dann wird er von einem Tag auf den anderen zum Nerd. Zum Kinder-Nerd. Er hat plötzlich alles über Kinder gelesen, weiß alles über sie, redet nur noch von ihnen, trifft sich nur noch mit Menschen, die auch welche haben. Eben so, wie ein Computerspielnerd alles über Computerspiele weiß, sich nur noch mit anderen Computerspielnerds trifft und nur noch über Computersachen spricht. Ich bin Anfang 30 und fühle mich wie ein Mensch ohne Computer in einer Welt von World-of-Warcraft-Süchtigen, alle um einen herum spielen – und man selber hat nicht einmal einen Game Boy und will, vorerst, auch keinen haben. 

Ich finde, Anfang-30-Jährige, die Kinder bekommen, werden von einem Tag auf den anderen noch hysterischer als sie eh schon sind. Warum denn? Eigentlich müssten sie doch viel cooler mit Kindern umgehen als etwa Anfang-20-Jährige. Mit Anfang 30 sind sie ja im kinderkriegerischen Rentneralter. Alte Leute sind immer cooler als junge. Die haben die Ruhe weg. Die müssen keinem mehr was beweisen. Die sitzen morgens um elf vor der Bar und trinken ein Glas Weißwein. Ich kann es nicht erwarten, endlich alt zu sein. Alte Leute sind gelassen. Eltern mit Anfang 30 sind es nicht. Eltern mit Anfang 20 sind viel gelassener. 

Menschen mit Anfang 30 haben ständig Angst. Einerseits etwas zu verpassen, andererseits etwas zu verlieren. Sie wollen einerseits nicht verpassen erwachsen zu werden und eine Familie zu gründen. Andererseits wollen sie ihre Jugend nicht aufgeben, sie wollen sich nicht eingestehen, dass man jetzt auch mal die Sneakers mit Herrenschuhen eintauschen könnte und den Hoodie mit einem karierten Hemd. 

Die Kinder sind das eine. Das Heiraten ist das andere. Alle heiraten auf einmal mit Anfang 30 – ich auch. Alle wollen festen Boden unter den Füßen spüren, wollen Struktur, Gewissheit, das ganz normale Scheißleben, aber sie wollen zugleich auch noch unabhängig sein, ein letztes Mal eine Weltreise machen, wenn es sein muss mit Frau und Kind, noch einmal jung sein (oder sich zumindest so fühlen). 

Ich weiß nicht, wie das mit Anfang 50 ist, mit Anfang 30 hat man vielleicht keine Midlife-Crisis, aber irgendeine Crisis hat man bestimmt. Deshalb laufen (zumindest in Berlin, das ist die Stadt, in der ich lebe) ständig überall so Mitte-30-bis-Anfang-40-jährige Zwischenwesen herum. Sie tragen ihre Kinder in so komischen hippiemäßigen Tüchern vor der Brust und in der einen Hand halten sie ein Skateboard, weil sie gleich mit den Jungs noch Skaten gehen wollen. 

Auf jeden Fall bekommt man mit Anfang 30 irgendwann eine Sehnenscheidenentzündung. Vom vielen Briefeschreiben. Unsere Finger hatten sich ja mittlerweile an das Handy und an die Computertastatur gewöhnt. Wissenschaftler haben ja mal herausgefunden (zumindest glaube ich, das in irgendeinem Wissenschaftsteil gelesen zu haben), dass die Kinder der heute Anfang-30-Jährigen bereits mit mutierten Daumen auf die Welt kommen. Sie haben Handydaumen. Ihre Daumen können es mit dem Schimpansendaumen wieder aufnehmen. Und wir? Ja, wir schreiben jetzt wieder Briefe. 

Briefe! Herrgott! Aber gut. Man kramt also von irgendwo eine alte Füllfeder heraus, kauft sich in irgendeiner Papeterie teures Papier und teure Umschläge und fängt an zu schreiben. Am Anfang nimmt man sich noch vor, bei jedem etwas anderes zu schreiben, etwas Individuelles, und dann denkt man nach, und dann fällt einem zu den meisten nix Individuelles ein, also schreibt man überall das Gleiche hin und die Tinte tropft und die Hände zittern, weil man so lang schon nichts mehr Leserliches mit den Händen geschrieben hat. 

Aber jetzt schreibt man. Man schreibt die eigenen Hochzeitskarten und dann die Dankeskarten dafür, dass alle zur Hochzeit gekommen sind. Und dann schreibt man Dankeskarten, dass man zu anderen Hochzeiten eingeladen worden ist. Und man schreibt traurige Absagekarten, dass man leider nicht kommen kann und dann schreibt man noch Dankeskarten, dafür dass andere Anfang-30-Jährige einem Karten geschickt haben, auf denen steht, dass sie jetzt Kinder haben – und man weiß irgendwann nicht, was man mit all den Karten tun soll. Man steckt sie in eine Schublade und in die gleiche Schublade legt man auch den Verband und die Creme für die Sehnenscheidenentzündung. 

Mobilat, da ist Rosmarinöl drin, soll besonders gut und schnell helfen.

Lenz Koppelstätter

fühlt sich too old to young und too young to old. Außerdem lebt er in Berlin, wo er für Zeitungen und Magazine und an Buchprojekten arbeitet.
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