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He says, she says

Ist der Weltfrieden weiblich?

In allen Ecken der Welt wird gemetzelt, geschossen, gesprengt. Liegt es daran, dass am Ende der Zündschnur immer Männer stehen?

She says:
Die Welt scheint zu zerfallen. China und die USA streiten beim Handel, Putin punktet durch Vorführungen seiner Militärmacht, die Rhetorik zwischen Pakistan und Indien wird kriegerischer, und Donald Trumps Sanktionen gegen den Iran setzen sich anstelle diplomatischer Schlichtungsversuche der EU durch. Beobachtungen der Weltbühne führen zwangsläufig zur Frage: Gäbe es weniger Krieg, wenn Frauen statt Männer an den Machtschaltern säßen?

Darüber diskutierte ich letztens mit Studienkollegen und -kolleginnen und sehr schnell wurden Beispiele ins Feld geführt, die diese These widerlegten. Die ehemalige britische Premierministerin Margaret Thatcher, bekannt unter dem Namen „Eiserne Lady“, war alles andere als nachgiebig und diplomatisch, sondern suchte, ähnlich wie Trump, Vorteile für das eigene Land um jeden Preis durchzusetzen. Auch die künftige Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen verdankt ihre Popularität zum Teil der Bereitschaft, Truppen im Osten Europas aufzustellen und eine europäische Armee aufzubauen. Zum Frieden mit Russland wird das sicher nicht führen.

Von Männern wird typischerweise Stärke, Mut, Durchsetzungsvermögen erwartet. Frauen attribuieren wir stattdessen die Stereotype „emotional“, „nachgiebig“, „leidenschaftlich“. 

Diese Einzelfälle zeigen, worauf es ankommt: nicht auf das Geschlecht der Politikerinnen und Politiker, sondern vielmehr auf deren Charakterzüge. Was die Weltpolitik dringend nötig hat, sind nicht mehr Frauen, sondern mehr „klassisch weibliche“ Attribute. Was ist damit gemeint? Nun, von Männern wird typischerweise Stärke, Mut, Durchsetzungsvermögen erwartet. Männer werden als weniger emotional und als distanzierter wahrgenommen. Frauen attribuieren wir stattdessen die Stereotype „emotional“, „nachgiebig“, „leidenschaftlich“. Frauen gelten gemeinhin als empathischer, einfühlsamer und die „pflegende“ Kraft, weshalb Kindererziehung oder Altenbetreuung vermehrt von weiblichen Mitgliedern der Gesellschaft übernommen werden.

Die Politik wird im Moment aber nach männlichen Regeln gespielt, weil von Politikern und Politikerinnen eher maskuline Eigenschaften wie Dominanz, Stärke oder emotionale Distanz erwartet werden. Doch stellt euch vor, die amerikanische Regierung würde im Handelskrieg mit China nachgeben? Stellt euch vor, europäische Politiker würden beim Anblick der Flüchtlinge emotional werden und leidenschaftlich nach Lösungen suchen? Wäre die Welt besser, würden wir Mitgefühl und Nachgiebigkeit, Emotionalität und gegenseitiges Aufeinander-Aufpassen im Verhalten von Staaten nicht als lächerlich abtun, sondern fördern?

He says:
Das Szenario ist wohl bewusst utopisch angestrichen und klingt auf den ersten Blick ja auch sehr reizend. Doch seien wir realistisch: Ein Handelskonflikt ist kein Nachbarschaftsstreit, in dem der Klügere nachgibt. Genauso wenig sind Flüchtlinge mit ihren konkreten Bedürfnissen und Forderungen ein Grund, emotional oder gar leidenschaftlich zu werden. Im Gegenteil. Zu einem großen Teil lässt sich die zunehmende Spaltung der Gesellschaft gerade durch eine übertriebene Emotionalisierung der politischen Debatte erklären. Statt Analyse und Besonnenheit treten Angst und Impulsivität auf den Plan. Was sind das nun für Eigenschaften? Gehören nicht auch sie zum weiblichen Attribut der Emotionalität, das im ersten Augenblick so attraktiv klingt?

Viele der klassisch weiblichen Eigenschaften, zum Beispiel Emotionalität oder Leidenschaftlichkeit, sind für den Weltfrieden auch nicht hilfreich.

Als Mann finde ich es natürlich wenig schmeichelhaft, dass bei den klassisch männlichen Attributen hauptsächlich an Rüpel-Eigenschaften wie „Dominanz“, „emotionale Distanz“ oder „Durchsetzungsvermögen“ gedacht wird. Deswegen fand ich es wichtig, darauf hinzuweisen, dass viele der klassisch weiblichen Eigenschaften, die du genannt hast, zum Beispiel Emotionalität oder Leidenschaftlichkeit, für den Weltfrieden genauso wenig hilfreich sind. Nehmen wir das Beispiel Migration: Menschen, die auf der Flucht sind (wovor auch immer), stellen die Aufnahmestaaten vor gewaltige Herausforderungen. Es geht um handfeste Verteilungsfragen, um ökonomische Kosten, um Kulturkonflikte. Das sind Probleme, die mit den Eigenschaften „Leidenschaft“ und „Emotion“ wohl kaum gelöst werden können. Wer diese Herausforderungen angehen will, sollte einen kühlen Kopf bewahren und sachlich bleiben. Leidenschaftlichkeit ist dabei ein Hindernis.

Wo wir uns restlos treffen, Julia, ist die Aussage, dass es nicht auf die Geschlechter ankommt, sondern auf die Eigenschaften, die jeweils männlich oder weiblich assoziiert werden, die aber jeder Mensch in sich trägt. Barack Obama zum Beispiel passte nicht in das übliche Rollenbild, als er bei Reden vor der amerikanischen Öffentlichkeit in Tränen ausbrauch (was insgesamt sieben Mal geschah). Den entscheidenden Unterschied macht die richtige Mischung klassisch männlicher und klassisch weiblicher Eigenschaften. Angela Merkel gilt aufgrund ihrer offenen Einwanderungspolitik und passend zu ihrem Geschlecht als empathisch, präsentiert sich aber gleichzeitig sachlich und distanziert. Das ist eine seltene und in der Politik sehr wohltuende Mischung.

Diese Mischung zwischen männlichen und weiblichen Attributen kann freilich auch weniger vorteilhaft ausfallen. Man denke an Trump: Er verbindet männliches Dominanzdenken mit weiblicher Emotionalität, man möchte fast sagen: Sprunghaftigkeit. Sehr ähnlich die Populisten der Stunde à la Salvini oder Orban. Sie verbinden „männliche Werte“ wie Stärke und Durchsetzungsvermögen mit dem „weiblichen Attribut“ der Leidenschaftlichkeit, die sich auch in den pathetischen Selbstbeschreibungen als „Retter des Abendlandes“ niederschlägt. Die Bedrohung des Weltfriedens resultiert also nicht aus zu viel Männlichkeit, sondern einer fatalen Kombination von Männlichem und Weiblichem.

Die Autorin
Julia Tappeiner: Seit ihrer Zeit im patriarchalen Kasachstan eine überzeugte Feministin. Steht nichtsdestotrotz auf rasierte Achseln, hasst keine Männer und lässt sich von ihrem Freund auch mal einladen. Der nächste Aperitivo geht dann wieder auf sie.

Der Autor
Teseo La Marca: Progressiv mit Vorbehalten. Glühender Verfechter der echten Gleichberechtigung. Ärgert sich aber insgeheim, wenn er im Haushalt mehr machen muss als seine Freundin.

 

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