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Ish bin kein Bearleener

Wer ist Berliner? Wer nicht? Ein Streit über Schwaben und andere Zugezogene.

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Bild: Flickr, Matt Raygun
„Ish bin ein Bearleener“, stand auf dem Zettel, von dem der damalige US-Präsident John F. Kennedy bei seinem Berlin-Besuch vor 50 Jahren die mittlerweile legendären Worte las. 
 
Berliner sein, wenn das so einfach wäre. Neulich bin ich blöd angemacht worden. Von einer Hundebesitzerin. Ihr Hund kam auf mich zu, blieb vor mir stehen, bellte und knurrte mich an. Die Besitzerin ging einfach an mir vorbei, so als ob nichts wäre. 
 
Ich: „Könnten Sie vielleicht mal Ihren Hund zurückrufen!“ 
Sie: „Geh doch zurück nach München, wenn es dir in Kreuzberg nicht passt!“
Ich: „Wie bitte?“
Sie: „Dein Dialekt hat dich verraten.“
 
Ich spreche keinen Münchner Dialekt, auch keinen bayerischen. Ich lebe nun seit rund zehn Jahren in Berlin, ich denke und träume auf Hochdeutsch. Ich spreche ziemlich akzentfrei, nur wenn ich mich aufrege, dann geht mein Südtirolerisch mit mir durch.
 
Meine Begegnung mit der unfreundlichen Hundebesitzerin steht für ein Phänomen, das sich in Berlin immer mehr bemerkbar macht: das Schwaben-Bashing. Der Begriff „Schwabe“ wird dabei abfällig verwendet und steht verallgemeinernd für Zugezogene aus dem Süden Deutschlands, aus Bayern oder Baden-Württemberg, die sich vor allem in den Stadtteilen Prenzlauer Berg und Kreuzberg niederlassen. 
 
Prenzlauer Berg wird mittlerweile „Schwabylon“ genannt. Oder „Pregnant Hill“, weil sich die einst verruchte Ecke in einen bürgerlichen Stadtteil mit jungen Familien und Kindern verwandelt hat. Früher gab es in Prenzlauer Berg viele Clubs, die gibt es dort jetzt nicht mehr. Dafür gibt es jetzt viele Bio-Märkte, frisch sanierte Wohnungen und Spielplätze. Die Menschen, die dort hingezogen sind, haben sich ein Stück Provinzidylle geschaffen, vor der sie eigentlich mal geflohen sind. 
 
Es gibt andere Menschen in Berlin, die wollen keine Bio-Märkte, die wollen nicht, dass Häuser saniert werden, dass alles teurer wird. Sie haben Angst davor, dass dieses einzigartig Unfertige verlorengeht an dieser Stadt, die jahrelang geteilt war. Sie haben Angst davor, dass Berlin eine stinknormale Metropole wird. 
 
Es wird hier nun viel darüber diskutiert, wer das Recht hat diese Stadt zu verändern, wer ein echter Berliner ist, und wer nicht. Es gibt Zugezogene, die fangen schon nach einer Woche an, sich darüber aufzuregen, dass zu viele Zugezogene nach Berlin kommen. Viele Zugezogene fangen auch schon nach weniger Tagen an zu berlinern. Die sagen dann „Icke“ und „wa“ – oft mit bayerischem oder schwäbischem Akzent.
 
Vor allem aber regen sich Zugezogene, die schon vor zehn oder zwanzig Jahren nach Berlin gekommen sind, über die Zugezogenen auf, die jetzt erst nach Berlin kommen. Gebürtige Berliner regen sich komischerweise über das alles meistens überhaupt nicht auf. Gebürtige Berliner haben so eine verzückend kaltschnäuzige Gelassenheit.
 
Dieser Streit um die Stadt ist natürlich ein bisschen normal, in New York und London gibt es das auch, und trotzdem ist das hier manchmal alles auch unfassbar: An Häuserwände in Prenzlauer Berg haben ein paar dumme Menschen „Tötet Schwaben“ und „Kauft nicht bei Schwaben“ gekritzelt. 
 
Ich fühle mich, wenn ich so darüber nachdenke, nicht als Berliner. Ich fühle mich nach wie vor als Südtiroler, der in Berlin lebt. Manchmal liebe ich diese Stadt, manchmal hasse ich sie. Wahrscheinlich muss das so sein. Überall. 

Lenz Koppelstätter

fühlt sich too old to young und too young to old. Außerdem lebt er in Berlin, wo er für Zeitungen und Magazine und an Buchprojekten arbeitet.
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865 Kilometer

Rund 865 Kilometer sind es von Bozen nach Berlin. Lenz Koppelstätter, Südtiroler in Deutschlands Hauptstadt, geht dorthin, wo was los ist und schreibt dort davon, was kurios ist. Kurz: Er berichtet über den ganz normalen Wahnsinn der Großstadt.

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