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Kommentar zum Eurovision Song Contest

In your face, Russia!

Wie der Sieg einer bärtigen Dragqueen die europäische Integration und Toleranz unter Beweis stellt.

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ESC-Gewinnerin Conchita Wurst

Bild: Albin Olsson

Ich war noch nie ein Fan von Song Contest Shows und erst recht nicht vom falschen Glamour, der mit solchen Sachen einhergeht. Mir war dieses Heileweltgetue immer zuwider. Der Eurovision Song Contest machte dabei keine Ausnahme – bis jetzt. Das, was sich am Samstag in Kopenhagen, dem Austragungsort des diesjährigen Wettbewerbs, abspielte, war einfach großartig. Der Eurovision Song Contest entwickelte sich seit dem Semifinale immer mehr zu einem Politikum. Als die 21-jährige Kandidatin der Ukraine Maria Yaremchuk und die beiden eineiigen Zwillinge Tolmachevy, die für Russland ins Rennen geschickt worden waren, das Finale erreichten, wusste man sofort, dass auf der Bühne und vor den Fernsehern nicht nur ein Musikwettbewerb ausgetragen werden würde.

Die Ukrainekrise war auch in Kopenhagen spürbar. Das Publikum machte seinem Ärger und seiner Frustration über die aggressive Expansionspolitik Putins auf der Krim bei jeder Gelegenheit Luft. Die Tolmachevy-Geschwister mussten ihren Song „Shine“ teilweise unter Buhrufen und Pfiffen performen. Schließlich landete Russland auf einem symbolträchtigen 7. Platz – einen Platz hinter der Ukraine.
Doch war es nicht nur die Kritik über die Belagerung der Krim, die Russland einholte. Der Sieg Wursts dürfte dem erzkonservativen Mütterchen Russland ein weiterer Dorn im Auge sein. Putins Russland geriet in den letzten Monaten immer wieder in scharfe Kritik aufgrund seiner homophoben Gesetzgebung und der Stigmatisierung von Schwulen und Lesben. Wursts Sieg schickte eine unmissverständliche Botschaft der Toleranz und Akzeptanz gen Osten.

Einige russische Politiker sorgten nach dem Sieg Wursts aufgrund ihrer verbalen Entgleisungen für Empörung. So äußerte sich Wladimi Schirinowski, ein rechts-nationalistischer LDPR-Abgeordneter, mit folgenden Worten: „Unsere Empörung ist grenzenlos, das ist das Ende Europas. Da unten gibt es keine Frauen und Männer mehr, sondern stattdessen ein Es", meinte er in Bezug auf die aus Wien stammende Travestiekünstlerin. „Vor 50 Jahren hat die sowjetische Armee Österreich besetzt, es freizugeben war ein Fehler, wir hätten dort bleiben sollen“, fügte er hinzu. 

Dass ein Volk nicht gleich denken muss wie seine Anführer, wurde spätestens dann klar, als die Ergebnisse des Publikumsvotings veröffentlicht wurden. In den eher als intolerant verschrienen Ländern Osteuropas wie Armenien oder Georgien war Wurst populär. Auch Russlands Zuschauer stimmten für und nicht gegen die Dragqueen.
Wursts Sieg war mehr als nur ein Sieg. Es war ein Statement. Ein eurovisionäres Statement gegen die homophobe Gesetzgebung in Russland und eine Botschaft für mehr Offenheit gegenüber Homosexuellen und Lesben, nicht nur im Osten Europas.
Choncita Wurst setzte sich souverän gegenüber den anderen Künstlern durch, nicht nur auf musikalischer Ebene. Sie war sympathisch, charismatisch und vor allem eines: authentisch. Österreich hätte keine bessere Wahl treffen können.

Thomas Tribus

Als Studierender schreibt, filmt und fotografiert er für mehrere Redaktionen dies- und jenseits der Alpen. Liebt gutes Essen und gute Musik.
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In your face, Russia!
was soll dieser Titel, ich dachte über dies Art des Nationalismus wären wir längst hinaus!
Übrigens die Ukraine war in Russland Nr.4 nach Österreich. Also trugen die Russen ihren Teil zum erfolg des (!) Wurst bei.
Umgekehrt betrachtet Votierte die Ukraine im Televoting Russland auf Platz 3 und Österreich auf Platz 5

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