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I`m Waiting

Warten ist Demut, Pünktlichkeit wird überbewertet: Die Sache mit der Zeit.

 

Warten ist ja immer Demut, der passive Teil eines sich anbahnenden Treffens. Kommt der andere, kommt er nicht, fragt man sich, während man devot auf die Uhr guckt. Der zu spät Kommende entgeht dieser Unterwerfungsgeste und ist schon zu Beginn des Zusammenkommens im Vorteil, weil er ja anscheinend ganz schrecklich busy und trotzdem nur zehn Minuten zu spät gekommen ist, und für einen Kaffee ja auch noch Zeit übrig hat. Da will man fast schon Danke sagen, trotz der Warterei. Ich will da niemanden verurteilen, ich gehöre selbst zu denen, die immer zu spät kommen. Mangelnder Respekt sei das, wird mir immer verärgert gesagt, wenn ich um 19.06 statt Punkt 19.00 auftauche, und ehrlich das Problem nicht verstehe. Da muss ich noch an mir arbeiten.

Trotzdem: Pünktlichkeit in der Freizeit wird gern überbewertet – ich rede da von kleinen zehn Minuten. Die sollten solange erlaubt sein, bis der Wartende einen Vollzeitjob und keine Zeit mehr für Faxen hat. Aber als Schüler, als Student (und als Lehrerin, wollte ich jetzt fast sagen – das tut mir leid), wer hat denn da nicht ein paar Minuten übrig, die man auch mal wartend allein verplempern kann.
Manche verkaufen sich auch gern für beschäftigter, als sie eigentlich sind. Stress als Statussymbol. Ich habe keine Zeit lang rumzuwarten, rufen sie dann verärgert, und ich will zurückrufen: Klar hast du die! Das ist eine Prinzipiensache, sagen sie dann. Prinzipien sind neben 50 Shades of Grey auch so ein Fetisch, der sich mir nicht ganz erschließt. Zum besseren Verständnis: Laut Wikipedia ist ein Prinzip eine „übergeordnete Gesetzmäßigkeit“ – als solche sicher geeignet, um den Überraschungsfaktor im Alltag möglichst gering zu halten. Unpünktlichkeit dagegen ist für den hauseigenen Blutdruck kontraproduktiv. Die fünf Minuten Warten, verbunden mit der Frage: Kommt der andere, kommt er nicht, und wann denn eigentlich? – sind fünf Minuten Ungewissheit, und die macht auch nicht jedem Spaß. Dass sich das Leben ab und zu der eigenen Kontrolle entzieht, ist an sich schon recht frech. Da muss man sich doch wenigstens auf eine verabredete Uhrzeit verlassen können. Wo kommen wir denn sonst hin.

Vera Mair am Tinkhof

mag die deutsche Sprache, kämpft daher unermüdlich gegen notorische "besser als wie"-Sager. Barfüsslerin der ersten Stunde.
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