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Ich bin nicht Muhammad Ali

Warum man mit Anfang 30 in den Ring steigen sollte.

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Bild: Flickr, Charles LeBlanc

Ich mag Boxen. Obwohl die Zeit der großen Boxer ja vorbei ist. Heute stehen sich Männer wie die Klitschkos im Ring gegenüber, fast breitbeinig möchte man meinen, und hauen sich gegenseitig in die zur Deckung gehobenen Fäuste. Irgendwann fällt einer von den beiden um, oder die Ringrichter küren den zum Sieger, von dem der Fernsehzuschauer in zwei Zeitlupen zwei Schläge gesehen hat, die das Unterkiefer des anderen zum Biegen brachten.

Ich mag das Boxen von früher. Muhammad Ali. Nicht seine als legendär verklärten Schwergewichtskämpfe. Nicht „The Rumble in the Jungle“. Nicht den Kampf, in dem er sich zwölf Runden lang hat zusammenschlagen lassen, um dann einmal zu explodieren, zurückzuschlagen, zu gewinnen. Nein, ich liebe die früheren Kämpfe. Die älteren. Als er noch mehr tanzte als boxte. Als er noch keinen Klitschko-Körper hatte. Ich war damals noch nicht auf der Welt. Ich bin mit Henry-Maske-Boxkämpfen aufgewachsen. Mit Gentleman-Boxkämpfen. Mit Langweiler-Boxkämpfen. Dann mit Mike-Tyson-Boxkämpfen. Tötungsmaschinen-Boxkämpfen.

Die alten Kämpfe von Muhammad Ali, als der noch Cassius Clay hieß, kenne ich nur von YouTube. Ich habe sie mir alle angeschaut. Ich brauche ein Hobby, hatte ich mir gesagt, vielleicht wäre Boxen etwas. Ich sehe nicht aus wie ein Boxer. Wenn ich zwei vollbepackte Einkaufstüten nach Hause trage, habe ich am nächsten Morgen Muskelkater. In den Oberarmen und im Schulterbereich. Aber auch Arnold Schwarzenegger ist nicht als Bodybuilder auf die Welt gekommen. Er war ein schmächtiges Kerlchen aus der Steiermark.

Ich stehe vor einem Boxclub in Kreuzberg, einem Viertel mit vielen Türken, Studenten, junger Bohème in Berlin – Berlin ist die Stadt, in der ich wohne. Schon im unverputzten Treppenhaus riecht es nach altem Schweiß. Keine Musik. Nur das Puff-Puff vom Schlagen gegen die Sandsäcke. Ich passe hier nicht hin. Der große Glatzkopf mit Tätowierungen mustert mich nicht. Er drückt mir die Hand, fester Händedruck, aber nicht angeberfest. Kannst gerne hier anfangen, sagt er ohne Vorbehalte. Ich schaue skeptisch. Er nicht. Hier bei uns kann jeder Boxen, nur keinen Stress machen, sagt er.

Ich sage, ich überlege es mir. Und traue mich dann doch nicht wiederzukommen. Ich melde mich in meinem Fitnessstudio beim Boxkurs an. Der findet Samstagvormittags statt. Als ich da stehe, inmitten all der anderen, alle tragen bunte Klamotten, merke ich: Hier boxt man paarweise. Fast alle sind zu zweit da. Fast alle, außer mir und einer jungen Studentin. Kurzhaarschnitt, drahtige Arme und Beine, einmeterfünfzig. Sie lacht und stellt sich vor mich. Ich versuche auch zu lachen. Sie sei hier schon seit zwei Jahren dabei, sagt sie. Dann schlägt sie los. Immer nur auf die Schulter. Das macht man so hier, im Fitnessclub-Boxkurs. Sie trifft meine Schulter, immer wieder. Ich treffe ihre nie.

Es läuft Samba-Musik. Es riecht nach Schweiß, vermischt mit billigem Parfüm. Hugo Boss. Patchouli. Nach zehn Minuten bin ich völlig fertig. Aber die Einheit geht noch 40 Minuten. Am Ende sollen wir noch Liegestütze machen. 50 Stück. Zu ein paar Mädchen sagt die Kursleiterin, sie dürfen die Liegestütze auch mit den Knien am Boden machen. Zu mir sagt sie das auch. Die mit den kurzen Haaren und den drahtigen Armen und Beinen macht 70 Liegestütze. Natürlich richtige. Ich schleiche mich aus dem Raum. Gehe nie wieder hin. Unter der Dusche fällt mir ein Zitat von Norbert C. Kaser ein. Irgendwie so lautet es, zumindest habe ich es so in Erinnerung: Ich wäre so gerne Faust – und bin noch nicht mal Norbert.

Ich wäre so gerne Muhammad Ali und schaffe noch nicht einmal 50 Mädchen-Liegestütze. Zwei Wochen später muss ich zur Osteopathin. Meine Schulter. Die Osteopathin drückt dran herum. Verschreibt mir elf weitere Sitzungen. „Wird es wieder?“, frage ich. „Wissen Sie“, antwortet sie. „Sie kommen jetzt langsam in ein Alter, da wird manches nicht mehr. Da geht manches, was weh tut, nicht mehr weg. Das ist halt so. Finden Sie sich damit ab!“ Das trifft. Härter als die Schläge gegen die Schulter. Härter als ein Schlag von Ali, Maske, Tyson oder Klitschko. 

Lenz Koppelstätter

fühlt sich too old to young und too young to old. Außerdem lebt er in Berlin, wo er für Zeitungen und Magazine und an Buchprojekten arbeitet.
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Auch schon 30

Ab wann ist man eigentlich erwachsen? Wenn man mitternachts müde wird? Wenn einen 17-jährige Mädchen siezen? Wenn einen ständig die Sehnsucht packt, nach der Provinz, aus der man mal geflohen ist? Wenn alle um einen herum Kinder kriegen? Wenn man sich manchmal denkt: Scheiß doch auf alles, ich haue jetzt einfach ab! Unser Kolumnist Lenz Koppelstätter berichtet über die Tücken des Ü-30-Alltags.

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