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Hurra, wir grillen!

Eine Rauchwolke hängt über der Stadt. Smog? Nein, ganz Berlin ist im Grillfieber.

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Bild: Flickr/Tim

Als ich vor knapp zehn Jahren nach Berlin gekommen bin, musste ich mich erst an einiges gewöhnen. Zum Beispiel, dass die Menschen hier nicht „Kasten“ sagen, sondern „Kleiderschrank“. Dass sie nicht „Polster“ sagen, sondern „Kissen“. Dass sie im Restaurant die Rechnung lieber getrennt zahlen – auch Pärchen, die seit Jahren zusammen sind. Und ich habe gelernt, dass die Berliner für ihr Leben gerne grillen. Ich habe diese Faszination bis heute nicht verstanden. Ich gehe auch gerne raus, einfach so. In den See springen. In der Sonne liegen. Bisschen Fußball spielen. Aber mir ist es zu anstrengend, vorher noch Holzkohle kaufen zu müssen, Fleisch kaufen zu müssen, Soßen kaufen zu müssen, Salate machen zu müssen, den Grill sauber machen zu müssen, das alles rumzuschleppen. Doch ich füge mich. Ich habe keine andere Wahl. Will ich den Sommer nicht alleine verbringen, muss ich da durch. Ein paar meiner Freunde sind sogar richtige Hardcore-Griller. Nur im Sommer grillen, das ist für sie etwas für Warmduscher. Sie grillen auch im Winter. Angrillen im Februar. Auf dem Balkon.

Deutschland ist eine Grillnation. Es gibt hier Grillmagazine, die der permanenten Medienkrise trotzen und sich glänzend verkaufen. In Bau- und Supermärkten gibt es eigene Grillabteilungen mit Supergrilltools und Supergrillfleisch. Ein Anruf beim mehrmaligen Grillweltmeister, natürlich ein Deutscher. „Grillen ist längst mehr als Bratwurst auf den Rost legen und zwei Mal umdrehen“, sagt er. Was er alles grillt? Lachsfiletrollen, Spinatröllchen auf Wasabicreme, Zucchini-Schinken-Röllchen. „Und ganz wichtig“, fügt er hinzu, „kein Bier aufs Fleisch! Das wirbelt nur die Asche auf.“ Auch das habe ich gelernt, als ich nach Berlin kam: Sobald die Deutschen etwas für sich entdeckt haben, wollen sie es perfekt machen. Die perfekte Bratwurst, der perfekte Grill, das perfekte Wochenende.

Die libanesische Familie im Görlitzer Park hat es nicht so mit Bratwürsten. Schweinefleisch ist im Islam tabu. Bier auch. Grillen tun sie trotzdem. Jeden Sonntag trifft sich die ganze Verwandtschaft. Das können bis zu vierzig Leute sein. Sie essen Hühnerspieße mit Muskatnuss, Ingwer, Zimt und Curry. Dazu Köfte, Fladenbrot und Tsatsiki. Getrunken wird Tee. Grillen ist, wenn man so will, kulturübergreifendes Kulturgut in Berlin. Jahrelang war der Tiergarten der Grill-Hot-Spot der Stadt, die wahrscheinlich größte Grilloase der Welt. Doch seit zwei Jahren ist Schluss damit. Zu viel Dreck, zu viel Rauch, zu viele liegengelassene Essensreste, meinten die Stadtoberen. Das Grillen im Tiergarten wurde verboten. In den vielen anderen Parks sind jetzt eigene Grillzonen vorgesehen. Parkwächter kontrollieren penibel, dass die Griller aller Nationen ja innerhalb dieser vorgesehenen Flächen ihrer Leidenschaft frönen. Vor allem das habe ich in Berlin gelernt: Es muss immer alles schön seine Ordnung haben.
 

Lenz Koppelstätter

fühlt sich too old to young und too young to old. Außerdem lebt er in Berlin, wo er für Zeitungen und Magazine und an Buchprojekten arbeitet.
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865 Kilometer

Rund 865 Kilometer sind es von Bozen nach Berlin. Lenz Koppelstätter, Südtiroler in Deutschlands Hauptstadt, geht dorthin, wo was los ist und schreibt dort davon, was kurios ist. Kurz: Er berichtet über den ganz normalen Wahnsinn der Großstadt.

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Super Bericht, ich freu mich immer auf deine Artikel. Vor Allem der Volkspark Friedrichshain ist wohl das Grill-Epizentrum Europas, ich kann die Bratwürste jedes Wochenende vom Balkon aus riechen :)

Echt? Es muss immer alles schön seine Ordnung haben? Ich dachte während meines in Berlin verbrachten Lebensabschnitts eigentlich gelernt zu haben, dass die Ordnung eher im Süden Deutschlands, jedenfalls aber nicht in der Hauptstadt anzusiedeln ist. Arm, undiszipliniert und schlampig — aber sexy. Aber vielleicht haben ja die vielen Schwaben inzwischen auch die Ordnung mitgebracht...

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