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40 Wochen

Happy Birthday!

Herzmensch wird heute ein Jahr alt. Wie sich das Leben unserer Kolumnistin seit seiner Geburt verändert hat, erzählt sie im letzten Teil ihrer Kolumne.

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Lizenz: CC by-nc-nd
Bild: 1st birthday smash cake., Tess Dixon

Er ist ein kleiner Junge, denke ich, als ich den nicht mehr so kleinen Herzmenschen beim Schlafen beobachte. Ein Gedanke, der mir die Kürze und Vergänglichkeit unseres Lebens für einen Moment noch einmal bewusster vor Augen führt. Herzmensch wird heute nämlich ein Jahr alt. Und so schnell wie dieses erste Jahr mit diesem kleinen Wunder vergangen ist, so schnell vergeht vermutlich auch ein ganzes Leben.

Ein Jahr ist es her, dass ich genau zu dieser Zeit in der Geburtswanne in meiner Wohnküche lag und ihm das erste Mal in die Augen schauen durfte. Wortwörtlich ein Augenblick, dessen emotionale Stärke ich nie mehr vergessen werde. Ein Augenblick, auf den die 365 intensivsten Tage meines Lebens folgten. 365 Tage, in denen sich ganz schön viel verändert hat. Nicht nur für mich, sondern auch für Herzmensch. Heute könnte ich vor Stolz platzen und möchte am liebsten der ganzen Welt erzählen, was dieser kleine Mann in diesem einen Jahr schon alles gelernt hat. 

„Angst davor, mich dabei selbst zu verlieren und nach der Geburt nie mehr die Lisa zu sein, die ich eigentlich bin.“

Auch wenn Veränderung am Ende meist positiv ausgeht, kann sie verdammt gruslig sein, wenn sie einem bevorsteht. Man weiß schließlich nie, was einem während und nach diesem Prozess so blüht. Und so hatte auch ich weit vor der Geburt schon ein wenig Respekt vor diesem neuen Lebensabschnitt. Nun stecke ich mittendrin, habe schleichend bereits die dazu passenden Muster angenommen und kann trotzdem mit Stolz sagen: Alle Sorgen waren umsonst, denn ich bin immer noch die Lisa, die ich eigentlich bin!

Wenn ich eines im vergangenen Jahr also verstanden habe, dann, dass Mama zu werden, nicht bedeutet, die eigene Identität für eine neue abzulegen und sich selbst dabei zu verlieren, sondern viel eher eine zweite dazuzugewinnen. Eine überaus exklusive sogar, die nur in Symbiose mit dem eigenen Nachwuchs existiert und die die alte mit so vielen neuen Erkenntnissen, Fähigkeiten und Facetten ergänzt. Wenn man es denn schafft, sie nicht Überhand nehmen zu lassen.

„Wir teilen uns die Zeit mit dem Baby einfach auf.“

Was so einfach klingt, ist in der Realität weit schwieriger als gedacht, auch das habe ich im vergangenen Jahr verstanden. Als Babys Milchbar, die für den Urinstinkt das Überleben sichert, ist vor allem in den ersten Monaten jede noch so kleine Baby-Freizeit eine hart erkämpfte Meisterleistung, die man entweder mit ewigen Schlafliedern, offenen Brustwarzen oder verzweifeltem Baby-Weinen bezahlt. Dabei versucht die neue Identität die alte fortwährend zu unterdrücken und dem eigenen Ich weiszumachen, dass doch alles so viel einfacher wäre, wenn man das eigene Leben doch für das des Kindes einfach auf Eis legen und sich dem neuen als Mama völlig hingeben würde. Wertvolle Tipps wie „Du musst jetzt halt mal nur für das Kind da sein“ geben ihren Rest dazu.

Es folgt ein harter Kampf gegen veraltete Rollenbilder, die sich klammheimlich immer und immer wieder einschleichen, obwohl man sich mit dem Partner doch einig war, dass man es anders machen wollte. Ein Kampf gegen den ständigen Druck, den eigenen Beruf und die eigenen Leidenschaften doch vorerst einfach mal in einer Schublade zu verstauen. Die könne man schließlich ja einfach später wieder ausüben. Ja, es ist ein Drahtseilakt, die Mama zu sein, die man immer sein wollte und doch auch die Lisa zu bleiben, die man immer bleiben wollte.

Was ich deshalb im vergangenen Jahr noch einmal mehr zu schätzen gelernt habe, ist die Unterstützung meiner Familie. Omas, die spazieren gehen, Mittagessen kochen und mit Herzmensch Kaka überm Töpfchen machen und Opas, die mit allem, was der Hausrat zu bieten hat, ein Unterhaltungsprogramm inszenieren, stellen sich im Prozess der eigenen Identitätserhaltung einfach als unbezahlbar heraus. Deshalb plädiere ich als Mama in jeder weiteren Diskussion über die Schwierigkeiten des engen Zusammenlebens mit der eigenen Familie oder irgendeiner anderen Art der Community immer und immer wieder dafür. Das Leben im Stamm hat durchaus seinen Sinn und sollte – auch wenn es manchmal ganz schön anstrengend sein kann – eindeutig wieder Einzug in unseren modernen Alltag finden.

Immer schön cool bleiben, Mama!
Trotz jeder Hilfe liegt es aber doch immer an mir, das Bestmögliche rauszuholen aus den täglichen 24 Stunden, dir mir zur Verfügung stehen und das, ohne mich selbst zu sehr dabei zu stressen. Als Mama gilt dabei: Immer schön cool bleiben!

Den Zeitplan regieren seit einem Jahr nämlich nicht mehr meine Termine, Tages-Vorhaben oder Prioritäten, sondern viel eher die von Herzmensch. Ob ich Hunger habe, müde bin oder auf die Toilette muss, zählt schon lange nicht mehr. Denn das, was ich will, muss ich irgendwie um den Regieplan des kleinen Sturschädels herumbauen, der mich im vergangenen Jahr übrigens ganz schön auf Trab gehalten hat. Runden über Runden um den Küchentisch und Spazierstrecken eines Marathonläufers mit Tragetuch und elf Kilo Herzmensch darin – so fit wie seit seiner Geburt war ich in meinem ganzen Leben noch nicht!

All den Prophezeiungen, dass das eigene Leben mit Baby zu Ende wäre, kann ich jetzt jedenfalls mit Stolz widersprechen. Im Gegenteil: Es bedarf nur reichlich mehr Organisation und Vorbereitung und etwas Vertrauen darin, dass schon alles gut gehen wird, irgendwie. Im vergangenen Jahr war ich mit Herzmensch (und dem passenden Tragetuch ;) ) nicht nur auf Swing-Parties und Festivals, beim Kirtan singen, auf Vorträgen, Bergwanderungen und Spieleabenden, die bis in die Morgenstunden gedauert haben, wir haben es sogar zwei Mal in den Kurzurlaub geschafft. Und das, obwohl der kleine Racker Autofahren abgrundtief hasst!

Sicherlich waren das die Ausnahmen. Insgesamt ist mein Alltag im vergangenen Jahr wirklich etwas eintöniger geworden. Routinen schleichen sich schnell mal ein, weil sie Mama und Kind einfach gut tun. Aber wenn, dann zwingt mich nicht Herzmensch, sondern nur meine eigene Faulheit in die Knie. Dann entscheide ich mich gegen den vollen Glühweinstand oder die laute Pizzeria und kuschle mich doch lieber mit meinen Männern auf die heimelige Couch. Denn dort kann ich mich, falls das Baby zufällig mal früher wegratzt, gleich auch selbst in die Kiste schmeißen.

„Vom Zen braucht mir heute keiner mehr was zu erzählen.“

Der Schlafmangel ist nämlich das, was mich im vergangenen Jahr am meisten aus der Bahn geworfen hat. Gepaart mit der ständigen Aufmerksamkeit für Herzmensch sorgt er seit 365 Tagen für einen Dauerzustand, der mein Hirn in ein Nudelsieb verwandelt hat. Zusammenhängende Sätze, die nicht nur schön klingen, sondern auch Sinn ergeben, sprießen manchmal wirklich schwer aus Mund und Fingern und lassen die Tastatur deshalb auch gerne mal verstauben. Und neulich habe ich mit dem neuen Nudelsieb-Gehirn das erste Mal in meinem ganzen Leben sogar einen Termin vergessen. An diese Art eigener Unzuverlässigkeit habe ich mich bis heute noch nicht gewöhnt und versuche mit eiserner Disziplin und einem Haufen Geduld ständig dagegenzuhalten.

Unglaublich, aber wahr: Geduld ist mittlerweile mein Steckenpferd. Ein Finger im Nasenloch, ein Tritt in den Busen, ein Löffel, den ich zum 12. Mal vom Boden aufhebe, ein Teppich, den ich zum 100. Mal vom Essens-Schlachtfeld reinige. Oder auch nur der Anziehmarathon, bevor ich's mit dem Kleinen in hoffentlich sauberen Klamotten und ohne Frühstücksbrei im Gesicht endlich aus dem Haus schaffe – und das ohne einen einzigen Blick in den Spiegel geworfen zu haben. Vom Zen braucht mir heute keiner mehr was zu erzählen. Da können sich die Meister wohl eher was von uns Müttern abschauen!

Ruhe bewahren stellte sich im vergangenen Jahr jedoch nicht nur im Zusammenleben mit Herzmensch als hilfreich heraus, sondern auch bei all den schlauen Erziehungsratgebern, die mir begegnet sind oder, wenn ich einmal ohne Baby aus dem Haus gehe, und im Gegensatz zu Jakob, gefühlte hundert Mal danach gefragt werde, wo ich den Kleinen denn heute gelassen habe.

Partner in crime
Die Menschen würden sich wundern, wenn ich ihnen sagen würde, dass ich die Zeiten, in denen ich im vergangenen Jahr ohne Herzmensch unterwegs war, vermutlich an meinen zehn Fingern abzählen kann. Hat man erstmal ein Kind, gewöhnt man sich schnell daran, so gut wie nie mehr alleine zu sein. Was auf der Toilette, beim Kochen oder Schlafen, wenn Herzmensch im Halbschlaf so gerne auf meinem Kopf herumturnt, manchmal ganz schön anstrengend sein kann, stellt sich in anderen Situationen als das Gegenteil heraus. Nie mehr möchte ich auf all die Freude verzichten, die er in mein Leben gebracht hat oder auf den versabberten Morgenkuss und die nicht ganz so zarte Streicheleinheit. Oder auf einen zur Musik wippenden Beifahrer, der meine Selbstgespräche im Auto plötzlich zu Dialogen macht. Herzmensch und ich verstehen uns aber auch ohne große Worte. Wenn ein Herz erst Mal unter dem anderen groß geworden ist, genügt ein Blick, eine Berührung, ein Laut. Einzigartige Zweisamkeit.

Mama sein hat mir im vergangenen Jahr die Augen geöffnet für die Wunder dieser Welt und für all das, was eigentlich noch in mir steckt. Es hat mich so viel stärker gemacht und zur gleichen Zeit so viel verletzlicher. Immerhin lebt ein Teil von mir jetzt im Außen weiter. Und auch wenn ich es noch so sehr wollte, kann ich Herzmensch in und vor dieser Welt niemals beschützen wie mich selbst und muss mich deshalb tagtäglich in Vertrauen üben.

Und auch wenn meine Mama ständig behauptet, dass das alles noch gar nichts war, hat es das vergangene Jahr für mich in sich gehabt. Noch keines meiner 27 Lebensjahre war so voll von Emotionen, Lernprozessen, Tief- und Höhepunkten und vor allem von Liebe. Denn so sehr ich es auch wollte, so wie Herzmensch konnte ich noch niemanden in meinem Leben lieben. Ein unbeschreibliches Gefühl, eine Kraft, die jede noch so große Anstrengung und Hürde meisterbar macht und das ich nie mehr missen möchte.
Eines steht nach diesem ersten Jahr mit Herzmensch auf alle Fälle für mich fest: Wer Kinder hat, kann die Unendlichkeit unseres Seins begreifen. Denn diese einzigartige, bedingungslose Liebe kann nichts und niemand zerstören, sie besteht für immer, egal was passiert. Da bin ich mir sicher.

Lisa Maria Kager

ist ein Plappermaul. Hat immer eine Antwort parat und schweigt eigentlich nur beim Schreiben. Verbraucht durchschnittlich mehr Wolle und Kaffeepulver als Luft und trinkt lieber ein kühles Bierchen als schicken Prosecco.
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