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Guter Junge, böser Junge

Bushidos Weg vom Rüpel-Rapper zum Politik-Maskottchen – und zurück.

Es gibt einen neuen Song von Bushido. Der Berliner Rapper beleidigt darin den Regierenden Bürgermeister Klaus Wowereit schwulenfeindlich. Er beschimpft Comedian Oliver Pocher. Über die Grünen-Chefin Claudia Roth rappt er: „Ich schieß’ auf Claudia Roth, und sie kriegt Löcher wie ein Golfplatz“.

Das Lied reimt sich nicht so richtig, im Video überschütten Bushido und zwei seiner Kumpels ein Auto mit einer Flüssigkeit, die wohl Benzin sein soll, aber aussieht wie Wasser, und dann tun sie so als würden sie das alles anzünden.

Der Text wurde auf YouTube zensiert, jetzt reimt er sich noch weniger, weil an den zensierten Stellen nichts mehr zu hören ist. Zensur im Internet: süß irgendwie. Zwei Klicks und man hört sich das Lied unzensiert woanders an. Noch zwei Klicks und man findet alte Bushido-Texte. Würden bei denen alle schwulen- und frauenfeindlichen Passagen zensiert, wäre gar nichts mehr zu hören.

Bushido wird nicht verboten, wie manche Naziband. Bushido wird nicht ausgegrenzt, wie Freiwild. Bushido hat vor zwei Jahren den Bambi für Integration bekommen. Denen, die sich damals mit ihm gebrüstet haben, ist das nun alles schrecklich peinlich. 

Im Berliner Regierungsviertel sprechen jetzt alle über Bushido. In den Abendnachrichten auch. Bei N24 spricht er selbst. Er wirkt wie ein vorlauter Lümmel, der beim Kiffen auf dem Klo erwischt wurde und nun beim Rektor vorsprechen muss. Warum man ihn nicht ausweisen könne, fragen die Boulevard-Zeitungen in großen Lettern. Das wird immer sehr schnell gefragt, wenn in Deutschland einer Mist baut, der nicht so aussieht als wäre er in Deutschland geboren.

Anis Mohamed Youssef Ferchichi, geboren 1978 in Bonn, Sohn eines Tunesiers und einer Deutschen. Aufgewachsen in Berlin-Tempelhof. Immer wieder vor Gericht: wegen Drogen, wegen Sachbeschädigung. Er fängt an zu Rappen. Schafft es nach oben. Dicke Autos, jede Menge Kohle, Kontakte zur Unterwelt. Ein bisschen Bronx-Feeling auf den Straßen Berlins.

Dann die Mainstream-Falle: Bushido wird vom bösen Jungen zum Vorzeige-Integrations-Maskottchen zurechtgebogen. Bambi, Kinofilm, ein Praktikum bei der CDU, ein gemeinsamer Song mit Karel Gott. Karel Gott ist der Mann, der mit dem Lied von der Biene Maja bekannt wurde.

Und Bushido? Die Musik: verkauft sich immer weniger. Die Konzerte: längst nicht mehr ausverkauft. Jetzt ein neuer Song. Dazu ein Skandal. 1,2 Millionen Klicks in 48 Stunden. Will er sich die Street-Credibility zurückholen?

Weg vom Regierungsviertel, weg von den Abendnachrichten. Dahin, wo Bushido ein Großer war. Unterwegs in Berlin-Neukölln, in dem Teil von Neukölln, der noch nicht hip ist. Dorthin, wo Neukölln noch ein hartes Pflaster ist.

Heruntergekommene Häuserfassaden, Nagellackstudios, Massagestudios, Spielhöllen, Kneipen, in denen ein Bier plus ein Schnaps 2,50 Euro kostet. Hier liegt noch Hundedreck auf dem Bordstein, hier teilen sich die Clans die Straßenzüge auf. Ein zubetonierter Hinterhof, ein Bolzplatz, drei Jugendliche. Sie sind hier geboren, sie sind Neuköllner Jungs, ihre Eltern kommen aus Syrien, aus dem Libanon, aus der Türkei.

Bushido? Sie schauen einen an, so als ob man sie gerade gefragt hätte, wie sie das neue Album der Beatles finden. Sie holen ihre Smartphones raus, lassen einen ihren Gangsta-Rap hören. Bushido ist längst nicht mehr auf der Playlist.
 

Lenz Koppelstätter

fühlt sich too old to young und too young to old. Außerdem lebt er in Berlin, wo er für Zeitungen und Magazine und an Buchprojekten arbeitet.
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865 Kilometer

Rund 865 Kilometer sind es von Bozen nach Berlin. Lenz Koppelstätter, Südtiroler in Deutschlands Hauptstadt, geht dorthin, wo was los ist und schreibt dort davon, was kurios ist. Kurz: Er berichtet über den ganz normalen Wahnsinn der Großstadt.

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