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Griaßd enk!

Start der neuen Kolumne: Unser Autor stellt erstaunt fest, dass sich ausgerechnet die Piefke-Grußformeln schlechthin in Südtirol verbreiten.

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Bild: th/barfuss

Ich bin Deutscher. Das ist der Satz, den ich in Südtirol nie sagen muss, weil es eh jeder sofort merkt, schon bei den ersten zwei Silben. Ich habe noch nie „Grießdi“ oder „Nummidag“ gesagt, ohne dieses verstehende Blitzen in den Augen meines Gesprächspartners zu sehen: Ach je, ein Draußiger.
Dabei muss ich klarstellen, dass ich ein Meister der Anpassung bin. Geradezu ein sprachliches Chamäleon. Als Student habe ich ein paar Jahre in Kalifornien verbracht. Nach wenigen Monaten war ich Kalifornier, akustisch gesehen. Kein Einheimischer (von denen es in Kalifornien sowieso nicht viele gibt) kam noch auf die Idee, ich sei fremd dort. Ich gewöhnte mir sogar an, mit betont deutschem Akzent zu reden, um meine Exotik hervorzukehren.


Auch in München, wo ich wohne, bin ich sprachlich integriert, obwohl ich eigentlich ein gänzlich ungeografisches Hochdeutsch spreche. Spätestens nach der dritten Halben Bier bemerken viele Münchner oder Oberbayern nicht mehr, dass ich mit ihnen in einer Fremdsprache rede. Die Begrüßung „Hawedeere“ geht mir glatt von den Lippen. Auch das bairische „Greasde“ oder „Serwas mitnond“ – kein Problem. Die Phonetik des Südtiroler „Griießdi“ hingegen scheint mir geradezu darauf ausgelegt, Zugereiste zu entlarven. Aus meinem Mund klingt es unweigerlich wie „Christi“.
Das ist ein bisschen ungerecht. Immerhin bin ich seit Jahren Wahlteilzeitsüdtiroler, habe eine Tochter, eine Wohnung und einige gute Freunde in Südtirol und verbringe einen guten Teil meiner Zeit dort. Die Brunecker Schützen haben mich wegen Mitarbeit beim Herz-Jesu-Feuer auf dem Sambock zum „Südtiroler ehrenhalber“ ernannt. Sogar das Andreas-Hofer-Lied habe ich mitgesungen, unter Missachtung des Loyalitätskonflikts, in den dessen Text mich als gebürtigen Bayern hätte stürzen müssen. Aber mit jenem Prädikat verhält es sich ähnlich wie mit dem Ehrendoktortitel, es betont noch, dass das echte Ding fehlt.


In letzter Zeit beobachte ich jedoch eine Entwicklung, die auf den ersten Blick das Potenzial hat, mich von meinem phonetischen Stigma zu befreien: ein wachsendes Aufkommen von „Hallo“ und „Tschüss“. Das ist praktisch für mich, aber auch rätselhaft. Ausgerechnet die Piefke-Grußformeln schlechthin verbreiten sich in Südtirol. In Bayern hingegen ist „Tschüss“ ziemlich uncool. Ein Merkmal der Fischköppe und Zuagroastn. Man sagt „Servus“ oder „Pfiat eich“. Bayern versteht sich als „Tschüss-freie Zone“, eine Passauer Mittelschule hat sich sogar offiziell dazu erklärt.
In München sage ich meistens „Ciao“ – aber damit betritt man in Südtirol kulturell schwieriges Terrain. Grußtechnisch sitze ich also zwischen allen Stühlen. Vielleicht sollte ich es machen wie der Wiener, dessen Telefonat ich letzthin unfreiwillig mitgehört habe. Alle Optionen offenhalten: „Pfiati ciao tschüss servus baba!“.

Tobias Hürter

Tobias Hürter lebt zwischen München, Bruneck und Hamburg. Auf diese Städte sind seine Kinder und seine Arbeit verteilt.
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Der Piefke

Tobias Hürter ist eingefleischter Münchner, verbringt aber seit Jahren einen beträchtlichen Teil seiner Zeit in Südtirol. Er stolpert immer wieder über die manchmal feinen, manchmal eklatanten Kulturunterschiede und berichtet darüber jetzt regelmäßig auf BARFUSS.

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