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Girls and Boys

Prosecco oder Bier? Ist an stereotypen Rollenbildern vielleicht doch was dran?

Am Wochenende waren wir wandern, im schönen Unterland – Kaltern, St. Pauls, was weiß ich, wo genau. Da bin ich eher passiv. Ich setz mich halt ins Auto und fahr mit, und wenn wir ankommen, sind wir da. Ich bin nicht immer so, nur sonntags. Auf jeden Fall ist die Gegend unter Bozen für uns Pustra ja immer sehr aufregend, allein schon deshalb, weil man da mal keine drei Jacken braucht, und das schon im April. Wahnsinn! Alles war also gut, bis auf den Heuschnupfen, aber ich will nicht meckern. Wir gingen also hoch den Berg und durch den Wald und zu einer Burg und wieder zurück, es war sehr beschaulich. Und warm war es auch, hab ich das schon gesagt?

Die Ruhe wurde kurz gestört, als beim Spazieren auf dem Waldweg eine Gruppe von Mamas mit ihren Töchtern auftauchte. Eines der kleinen Mädchen fing plötzlich an, ganz laut zu weinen und zu schreien, weil ihre Freundin sie gezwickt oder getotscht oder getschippelt hatte oder so was ähnliches, so erzählte sie es zumindest der Mutter unter Tränen. So war das aber nicht, ich hab das nämlich gesehen. Ich habe Augen wie ein Sperber (das war einer von drei Sätzen meiner einzigen Rolle am Schultheater, aber das jetzt nur am Rande.)

Das andere Mädchen hatte unvorsichtigerweise mit einem Ästchen ein wenig in der Gegend rumgefuchtelt und ihre Spielkameradin kurz gestreift. Es war halb so schlimm. Auf jeden Fall musste sie sich trotzdem förmlich entschuldigen, was aber kaum jemand hörte, weil das Opfer der Attacke immer noch sehr laut am Weinen war. Das war ein großes Drama. Ich aber pfiff auf jede Zivilcourage und hielt mich da raus, und wir gingen also weiter.

Die nächste Gruppe, die wir auf dem Weg kreuzten, hatte zwei Jungen mit, etwa im selben Alter wie die beiden Mädchen. Einer der beiden rannte den steilen Waldweg runter, wurde immer schneller und schneller und schrie und juchzte: „I konn nimmer bremsen!“ Das gefiel ihm richtig, und er hatte den größten Spaß, als seine Beine schon alleine liefen. Halt, wurde er ermahnt, und dass er auf die Nase fallen würde, aber das hörte der kleine Wilde schon nicht mehr, und war ihm vermutlich auch egal.

Wollten mir die beiden Szenen vielleicht was sagen? Sorgen sich Frauen wirklich um ihre Fingernägel, und Männer legen sich gern mal auf die Nase, weil es lustig ist? Ich wusste nicht, wie weit die beiden Kinder in ihrer gesellschaftlichen Sozialisation schon waren, aber darüber muss man an einem schönen Sonntag auch nicht nachdenken.

Ich erinnerte mich aber an zwei Kolumnen in der Sonntagsausgabe der Tiroler Tageszeitung.  Die habe ich letztes Wochenende geklaut und gelesen. Ich lebe sehr gefährlich. Eine der Kolumnen hieß Frauenzimmer und die andere Männerrunde, glaube ich. Auf jeden Fall schrieb im Frauenzimmer-Text eine Frau darüber, wie uneinig sie sich doch mit ihrem Freund bei der Urlaubsplanung sei: Sie will Wellness und Cocktails und Palmen und Prosecco, und er natürlich Abenteuer und ein kaltes Bier! Da wird an Klischees nicht gespart. Die Männer-Kolumne spielte mit denselben Rollenbildern. Von mir aus, dachte ich, so stimmt das ja gar nicht, und pflückte mir ein Gänseblümchen.

Am nächsten Tag ging ich mit meiner Schwester einkaufen. Wir zerstritten uns wegen eines Kleides. Es gefiel uns beiden, war aber nur noch einmal in der richtigen Größe da. Solche Situationen holen nicht das Beste aus einem raus, und ich entschuldige ich mich nochmal recht förmlich auf diesem Wege. Ich denke nicht, dass Brüder sich mal über eine Hose zerworfen haben, aber wenn doch, dann lasst es mich doch wissen.

Vera Mair am Tinkhof

mag die deutsche Sprache, kämpft daher unermüdlich gegen notorische "besser als wie"-Sager. Barfüsslerin der ersten Stunde.
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