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Geschäfte mit dem Regenbogen

Im Juni schmücken plötzlich Regenbögen die Geschäfte und Konzern-Logos. Haben die Unternehmen ihre soziale Ader entdeckt? Und wie fühlt sich das für queere Menschen an?

Regenbogen Marketing

Bild: Jonathan Kemper Unsplash

Alle Jahre wieder lässt sich in westlichen Staaten ein buntes Phänomen beobachten: Große Konzerne färben ihre Logos im Juni – dem „Pride-Month“ – in Regenbogenfarben ein oder bringen sogar eigene Pride-Produkte auf den Markt. Sie wollen damit allen zeigen, dass queere Menschen selbstverständlich Teil der Gesellschaft sind. Jedenfalls ist das die Botschaft, hinter diesen Aktionen.

Doch die Konzerne schmücken ihre Sozialen Medien nur in westlichen Ländern mit den Zeichen des Regenbogens. In beispielsweise vorderasiatischen Staaten verzichten sie darauf. Damit wird offensichtlich, dass die ganze Aktion lediglich ein  Marketing-Gag ist. Das bezeichnet man auch als „Pink-Washing“.

Als offen queere Person ärgert es mich ziemlich, wenn ich sehe, wie manche Konzerne sogar an ihren Läden etwa in der Inneren Stadt in Wien das Logo in Regenbogenfarben einfärben, aber anderswo darauf verzichten. Unsere Rechte sind kein billiger Marketing-Gag!

Wenn Firmen und große Konzerne sich der queeren Community wirklich solidarisch zeigen wollen, so sollten sie an queere Vereine und Initiativen spenden. Sie sollten zeigen, dass sie queere Angestellte vor Angriffen schützen, ihnen ein sicheres Arbeitsumfeld bieten. Ein Unternehmen, das  Diversität als Werbeaktion missbraucht aber die Anliegen der betroffenen Communities dahinter nicht berücksichtigt und unterstützt, kann ich nicht ernst nehmen.

Unsere Rechte sind kein billiger Marketing-Gag!

Es fühlt sich mies an, wenn Unternehmen den Kampf gegen Diskriminierung, die man selbst immer wieder erlebt, einfach nur als Werbeinstrument zu kapern versuchen. Als queerer Mensch und potenzieller Konsument, fühle ich mich auf den Arm genommen.

Es ist gut und wichtig, dass auch Unternehmen ihre soziale Verantwortung wahrnehmen und sich für eine offene, diverse und inklusive Gesellschaft einsetzen. Das sollte aber niemals ohne Rücksprache mit Betroffenen geschehen.

Besonders schlimm ist es, wenn Unternehmen nicht nur die Regenbogen-Flagge als Marketing-Gag verwenden, sondern zusätzlich kein Interesse an den Rechten der LGBTQIA+-Community zeigen, was man übrigens „Rainbow-Washing“ nennt. Da wird deutlich, dass queere Menschen als Zielgruppe einer Werbemasche gesehen werden und mehr nicht. Wobei der Unterschied zwischen „Pink-Washing“ und „Rainbow-Washing“ fließend ist.

Es fühlt sich mies an, wenn Unternehmen den Kampf gegen die Diskriminierung, die man selbst immer wieder erlebt, einfach nur als Werbeinstrument zu kapern versucht.

Vor allem ist es heuchlerisch, dass ausgerechnet im Juni, der als Pride Month gilt, die Produkte im Regenbogendesign zu sehen sind, diese aber an allen anderen elf Monaten im Jahr nicht zu finden sind. Da wird es einmal mehr ersichtlich, wie wir queeren Menschen und der Kampf um unsere Rechte für Werbezwecke missbraucht werden.

Würde den jeweiligen Unternehmen ernsthaft etwas daran liegen, die Gleichstellung der queeren Community zu erreichen und ein Bewusstsein für unsere Probleme zu schaffen, dann würden sie diese Produkte das ganze Jahr über – gut sichtbar – in ihren Läden präsentieren, und nicht nur dann, wenn gerade das öffentliche Interesse dafür größer ist.

Klar ist es schön zu sehen, dass Unternehmen durch das Verwenden von queeren Symbolen die Sichtbarkeit der  LGBTQIA+-Community erhöhen. Aber wenn diese Verwendung nach nur einem Monat wieder verschwindet und die betreffenden Unternehmen in ihrer Unternehmenspolitik queere Menschen nicht unterstützen, dann ist das ein Schlag ins Gesicht der Community.

Ganz schlimm ist es teilweise in der Textilindustrie, wo plötzlich Socken, T-Shirts oder Mützen im Regenbogendesign produziert werden, die dann nach einem Monat wieder aus den Läden verschwinden. Vor allem auch, weil der Gewinn aus diesen Produkten meist bei den Unternehmen selbst bleibt.

Schmerzhaft ist auch, dass solche Kampagnen nur dort gefahren und Regenbogen-Produkte nur dort vertrieben werden, wo der gesellschaftliche Konsens es bereits zulässt. Auch das zeigt einmal mehr, wie unsolidarisch Großkonzerne oft handeln. Das erzeugt in mir das Gefühl, dass gewissen Konzernen queere Menschen und deren Rechte etwa in Russland, Polen oder Saudi-Arabien weniger wert sind als zum Beispiel in Mitteleuropa. Dabei könnten diese Konzerne doch ihren Einfluss auf die Konsumenten und Konsumentinnen in den jeweiligen Ländern ausnutzen und auch dort Pride-Kollektionen anbieten und bewusst die queere Sichtbarkeit fördern.

Schmerzhaft ist auch, dass solche Kampagnen nur dort gefahren und Regenbogen-Produkte nur dort vertrieben werden, wo der gesellschaftliche Konsens es bereits zulässt.

Was können wir hier tun können ist es, genau hinzuschauen, wie die Unternehmen, die Pride-Produkte anbieten und ihre Logos vorübergehend in Regenbogenfarben setzen, generell mit queeren Angestellten umgehen und ob sie queere Initiativen und Vereine unterstützen. Wer die queere Community wirklich unterstützen möchte sollte sich lieber gut informieren und die Aufklärung queerer Lebensrealitäten fördern; im Zweifelsfall auch auf ein Pride-Produkt verzichten. Gute Verbündete stellen sich ohnehin nicht in den Mittelpunkt, sondern geben den marginalisierten Menschen den Raum, der ihnen zusteht.

Michael Keitsch

Interessiert sich für Geschichte und Geschichten. Mag es Fragen zu stellen und Neues zu lernen.
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Unser Autor Michael Keitsch beleuchtet in dieser Kolumne die vielfältigen Seiten der queeren Lebenswelten.

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