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He says, she says

Gendersternchen – oder -kreuz?

Auch BARFUSS startete das Jahr mit einem guten Vorsatz: Artikel sollen bald nur noch in gendergerechter Sprache erscheinen. Doch nicht alle sind vom Gendern überzeugt.

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Bild: the body electric - Michael Prewett

He says:

Jetzt ist es amtlich: Auch auf BARFUSS werden bald alle Beiträge gegendert sein, mit der ehrenwerten Absicht, nicht nur Leser, sondern auch Leserinnen anzusprechen. Wie genau die Texte gegendert werden, muss noch geklärt werden. Das könnte, wohlgemerkt, noch eine Weile dauern. Denn wenn die Frage, ob überhaupt gegendert wird, bereits Kontroversen auslöst, dann ist die Frage, wie gegendert werden soll, bestens dazu geeignet, glückliche Ehen zu sprengen oder zumindest friedliche Redaktionen zum Schauplatz erbitterter rhetorischer Grabenkämpfe zu machen.

Die Doppelung (Leser und Leserinnen bzw. galanter: Leserinnen und Leser)? Zu lang. Das Binnen-I (LeserInnen), der Schrägstrich (Leser/innen), die Klammer (Leser(innen))? Eindeutig zu unästhetisch, eine Störung des Leseflusses und grammatisch häufig gar nicht möglich. Außerdem lässt sich anmerken, dass diese Formen allesamt die traditionelle binäre Geschlechterordnung fortschreiben. Wo bleiben aber Schreibweisen, die auf adäquate Weise auch andere Geschlechtsidentitäten miteinschließen? Das wäre ein Argument fürs Sternchen (Leser*innen), wenn man annimmt, dass das Sternchen für alle anderen Geschlechtsidentitäten steht.

Schrägstrich oder Sternchen, es ist auf jeden Fall ein Kreuz. Und das sage ich nicht nur, weil „geschlechtergerechte“ Texte für mich als Korrektor bei BARFUSS ein beträchtliches Maß an Mehraufwand bedeuten werden.

Macht es einen wesentlichen Unterschied, ob ich ein Schreiber oder eine Schreiberin bin?

Ich wage mal zu behaupten, dass Gendering im Grunde nichts anderes als die Fortsetzung veralteter Denkmuster ist, nach denen die Identität eines Menschen in erster Linie nach dem Geschlecht definiert wird. Macht es aber einen wesentlichen Unterschied, ob ich ein Schreiber oder eine Schreiberin bin? Ich würde gerne sagen: Nein. Deswegen spreche ich mich nach wie vor, auch wenn meine eigenen Beiträge auf BARFUSS in Zukunft „geschlechtergerecht“ formuliert sein werden, für eine einzige generische Form aus, die alle Geschlechteridentitäten miteinschließt. Nachdem als einheitliche Form jahrtausendelang das generische Maskulinum (Leser) verwendet wurde, wäre es durchaus nicht verkehrt, wenn jetzt das generische Femininum (Leserinnen) an die Reihe kommt.

Der Trend geht aber in die Richtung von Formen, die auf jede Geschlechtsidentität einzeln Rücksicht nehmen. Leser. Leserinnen. Leser*. Und das nicht nur bei BARFUSS. Schade, denn je mehr solche Schreibweisen zur Norm werden, desto mehr werden die generischen Schreibweisen ihrer inklusiven Eigenschaft beraubt. Wenn man „Leser“ sagt, wird bald kaum noch jemand auf die Idee kommen, dass damit auch „Leserinnen“ gemeint sein könnten. Das Geschlecht wird als kontingente Eigenschaft des Menschen somit nicht überwunden, sondern als Identifikationsmerkmal geradezu überhöht. All denen zum Trotz, die das Geschlecht für ein soziales Konstrukt halten.

She says:

„Macht es einen Unterschied, ob ich ein Schreiber bin oder eine Schreiberin?“ Da muss ich dir widersprechen, Teseo: Ja, es macht einen Unterschied. Ein Sternchen mit dem Suffix „-in” hinter einer in männlicher Form geschriebenen Berufsbezeichnung mag zwar banal klingen. Doch beim Lesen eines Artikels über „die Experten, die sich mit der Regierung über die sicherheitspolitische Lage im Nahen Osten beraten“, sorgt die stilistische Umschreibung „Experten und Expertinnen“ dafür, dass wir uns beim Lesen keinen runden Tisch mit Männern im Anzug vorstellen, sondern eine gemischte Gruppe an Menschen mit Fachwissen, mit oder ohne Vagina, bei der Frauen ebensoviel zur Außenpolitik eines Staates beitragen, wie ihre männlichen Kollegen.

Eine progressive Wahrnehmung von der Rolle der Frau in einer Gesellschaft beginnt im Denken jedes Einzelnen. Und wie denken wir über Konzepte nach und geben sie weiter? Genau, durch Sprache! In seinem Buch „Homo Sapiens” beschreibt Yuval Noah Harari, wie die Entwicklung der Sprache das soziale Verhalten unserer Vorfahren revolutionierte. Unser simpler, zum Überleben nötiger Wortschatz, der zunächst aus Begriffen wie „Essen“ oder „Gefahr“ bestand, reifte allmählich zur abstrakten Kommunikationsform heran, die den Menschen heute ausmacht. Erst durch Geschichten über gemeinsame Kulturelemente und überlegene Weltanschauungen fingen fremde Individuen an, miteinander zu kooperieren, Nationen aufzubauen, oder andere Kulturen zu erobern. Denn abstrakte Konzepte wie Religion oder Geld existieren in der sinnlichen Realität nicht. Doch Sprache lässt sie uns benennen, und dadurch werden sie zu Wirklichkeit. Eine komplexere Sprache lässt die Welt komplexer werden, eine gerechtere Sprache macht sie gerechter.

Mädchen können sich einen typisch männlich konnotierten Beruf eher zutrauen, wenn auch von Feuerwehrfrauen oder Ingenieurinnen die Rede ist.

Meine These wird auch durch eine Studie belegt, bei der herausgefunden wurde, dass Mädchen sich einen typisch männlich konnotierten Beruf eher zutrauen, wenn auch von Feuerwehrfrauen oder Ingenieurinnen die Rede ist. Umgekehrt können sich auch Jungen besser vorstellen, typisch weibliche Berufe auszuüben, wenn von Geburtshelferinnen und Geburtshelfern die Rede ist.

Eine andere Studie widerlegt deinen Traum, Teseo, vom „inklusiven Maskulinum“ und deine Hoffnung, beim Wort „Professoren“ wisse die Leserschaft, dass auch Frauen gemeint sind: SPD-Mitglieder zählten auf die Frage, wen sie sich als Bundeskanzler vorstellen könnten, nur männliche Kandidaten auf, während jene, die gefragt wurden, wen sie als künftigen Bundeskanzler bzw. künftige Bundeskanzlerin sehen, auch weibliche Politikerinnen nannten. Es ist sicherlich keine Absicht, doch lesend vergisst man oft, was zwischen den Zeilen gesagt werden soll und sieht vor seinem inneren Auge nur das, was schwarz auf weiß steht.

Um hingegen deine Bedenken bezüglich stilistischer Ästhetik aus dem Weg zu räumen, Teseo, könnte man das Gendern doch einfach als neue sprachliche Kunstform betrachten, deren avantgardistischer Charakter sich erst in der Gewohnheit der Lesenden verfestigen muss, um zu gefallen. Jeder hat die Chance, elegante Formulierungen fürs Gendern zu finden und so zu einem neuen Sprachstil beizutragen. Auf der Seite „Geschickt Gendern” gibt es erste Ansätze, wie man das Dilemma (Leserinnen und Leser, oder Leser*innen oder doch LeserInnen?) ganz einfach mit eleganten und neutralen Umschreibungen wie Leserschaft, Lesende oder Publikum umgeht. Das könnte doch glatt noch den Redaktionsfrieden retten, oder?

Autorin: Julia Tappeiner
Seit ihrer Zeit im patriarchalen Kasachstan eine überzeugte Feministin. Steht nichtsdestotrotz auf rasierte Achseln, hasst keine Männer und lässt sich von ihrem Freund auch mal einladen. Der nächste Aperitivo geht dann wieder auf sie.

Autor: Teseo La Marca
Progressiv mit Vorbehalten. Glühender Verfechter der echten Gleichberechtigung. Ärgert sich aber insgeheim, wenn er im Haushalt mehr machen muss als seine Freundin.

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