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Erwachsenengeburtstag

Warum man mit Anfang 30 mittags zum Feiern einlädt.

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Bild: Flickr, r. nial bradshaw

Letztens hat ein Freund Geburtstag gefeiert. Es war an einem Samstag. Er hat mittags angefangen zu feiern. Weil viele abends nicht konnten. Weil abends müssen die Kinder ins Bett. Und außerdem würde man abends gerne „das aktuelle sportstudio” schauen. Und drittens kann man ja sonntags nicht den ganzen Tag den Rausch  ausschlafen, so wie früher. Weil man mit Anfang 30 sonntags etwas unternehmen sollte. So wie das Erwachsene eben machen: In eine Ausstellung gehen. Raus ins Grüne fahren. Sich mit Freunden zum Kaffee treffen.

Also mittags. Auf dem Tisch standen Kuchen, jeder hat welchen mitgebracht. Jeder hat jedem versichert, dass des anderen Kuchen wirklich einmalig schmecke, und dass man danach noch unbedingt Rezepte austauschen müsse. Das Geburtstagski..., äh, der Geburtstagserwachsene hatte ein paar Kisten Bier auf den Balkon gestellt. Es war kalt draußen, das Bier schmeckte gut, irgendwann hatten wir alle richtig schön einen sitzen. So schön, dass die Gedanken wonnig wurden, aber nicht so sehr, dass sie verrückt spielten.

Es war eine komische, perfekte Szenerie: Eine Geburtstagsfeier am Nachmittag. Alle Menschen um die 30, alle irgendwas zwischen jung und alt. Früher hatten wir alle zusammen in irgendwelchen WGs die wildesten Partys gefeiert. In ein paar Jahren würden wir uns nachmittags nur noch zu irgendwelchen Kindergeburtstagen treffen. Aber jetzt waren wir irgendwie in so einem Zwischenstadium. Geiles Alter! Geile Zeit! Der Geburtstagserwachsene holte eine alte Playlist raus, Technomukke, die wir früher immer gehört hatten, so laut, dass die Nachbarn irgendwann die Polizei riefen.

Jetzt hörten wir sie leise. Im Hintergrund. Technolounge-Musik. Wir standen in Grüppchen zusammen, sprachen darüber, was uns an unseren Jobs nervte. In den einen Händen Bier, in den anderen Smartphones, auf denen die, die schon welche hatten, Bilder ihrer Kinder hin und her wischten. Eine Zeit lang ging das so und dann, unweigerlich sprachen wir von den guten alten Zeiten, erzählten uns die immergleichen alten Geschichten, die von früher, als wir noch die WG-Partys feierten, und die Geschichten wurden ausgeschmückter, sie wurden lustiger, wir wurden sentimentaler.

Wir schwelgten bierbeseelt in Erinnerungen. Und wir schauten auf die Bilder der Kleinen. Und ich überlegte, ach, wenn doch nochmal früher wäre, und gleichzeitig, ach, vielleicht sollte ich jetzt auch mal Kinder und so … Und ich machte mir bewusst, dass dieses Jetzt, gepaart mit der gleichzeitigen Sehnsucht nach gestern und nach morgen, ein schöner Zustand war. Einer dieser schönen, kurzen Momente des Glücks. Was für ein schöner Nachmittag! Was für ein schöner Ü-30-Erwachsenen-Geburtstag! 

Lenz Koppelstätter

fühlt sich too old to young und too young to old. Außerdem lebt er in Berlin, wo er für Zeitungen und Magazine und an Buchprojekten arbeitet.
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Auch schon 30

Ab wann ist man eigentlich erwachsen? Wenn man mitternachts müde wird? Wenn einen 17-jährige Mädchen siezen? Wenn einen ständig die Sehnsucht packt, nach der Provinz, aus der man mal geflohen ist? Wenn alle um einen herum Kinder kriegen? Wenn man sich manchmal denkt: Scheiß doch auf alles, ich haue jetzt einfach ab! Unser Kolumnist Lenz Koppelstätter berichtet über die Tücken des Ü-30-Alltags.

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