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Enjoy The Silence

Im Kinosaal sitzen für gewöhnlich noch mehr Menschen, und das kann zum Problem werden.

 

Den Liedtitel müsste man im Kino anbringen, rechts und links von der Leinwand in meterhohen Lettern. Mindestens. Seid leise, soll das heißen, Stille ist hier was Gutes. Warum? Man geht gut gelaunt ins Kino und freut sich, endlich den Film zu sehen, auf den man schon wochenlang gewartet hat. Und dann setzt man sich hin, der Raum wird dunkel, die Vorstellung fängt an, und mit ihr das große Elend. Links neben mir teilen sich drei Leute eine Popcorntüte, und ich sehe im Augenwinkel nur noch eine wilde Choreografie von Armen, die gierig nach den Dingern greifen. Hören kann man auch nichts mehr, weil alles nur noch knistert und raschelt. Weiter rechts haben ein paar Mädchen nach zehn Minuten schon genug vom Film, wegen dem sie doch eigentlich hier sind, und spielen lieber mit ihren Handys rum. Im Kino leiden plötzlich alle an ADHS. Hinter einem sitzt dann noch meist jemand, an dem laut Selbsteinschätzung ein Filmkritiker verloren gegangen ist und der seine verpasste Karriere mit schlauen Kommentaren kompensieren muss. Wenn man mal was nicht verstanden hat, ist das kein Problem, das wird einem gleich ungefragt erklärt.

Der Kinosaal als Jahrmarkt der Eitelkeiten. Bei „Moonrise Kingdom“ saß einer in der Reihe hinter mir, der lachte bei jedem kleinsten Gag, laut und gezwungen, auch wenn ein Schmunzeln schon gereicht hätte. Der Mann plagte sich nur noch ab, mit Spaß hatte das nichts mehr zu tun. Jedes Lachen signalisierte: Ich hab den Witz verstanden! Ich bin intellektuell, kein Humor ist zu subtil für mich, der Wes Anderson und ich, wir sind voll auf einer Wellenlänge! Da war der Film nur noch Mittel zum Zweck zur Selbstdarstellung, und wir durften alle dabei zusehen, ob wir nun wollten oder nicht.

Dabei ist das Konzept Kinobesuch der Abgesang an jede Egozentrik. Da geht es nicht um einen selbst, da geht es um das, was auf der Leinwand passiert. Da setzt man sich hin und ist still und guckt gerade aus. Das mag langweilig klingen, aber man wusste ja, auf was man sich einlässt. Wenn man schon zehn Euro bezahlt und freiwillig eine dämliche Brille aufsetzt, kann man doch wenigstens so tun, als wäre man aus freien Stücken hier. Für interaktive Unterhaltung kann man später ja immer noch feiern gehen.

Vera Mair am Tinkhof

mag die deutsche Sprache, kämpft daher unermüdlich gegen notorische "besser als wie"-Sager. Barfüsslerin der ersten Stunde.
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One Song One Story

Geschichten liegen auf der Straße oder im Radio. One Song One Story – ein Liedtitel und viele Gedanken, die sich zur Geschichte zusammenfügen. 

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