Anzeige
Gastbeitrag zur Brenner-Demo

Symbolische Grenzüberquerung

250 Demonstrierende, 300 Polizisten. Die Demonstration am Sonntag am Brenner zeigt ein weiteres Mal Europas Politik der Grenzen und Kontrollen. Ein Gastbeitrag.

img_20160424_134123.jpg

Bild: Antifa Meran

Als wir uns am Sonntagmorgen von Bologna zum Brenner aufmachten, wussten wir noch nicht so recht, was uns an der italienisch-österreichischen Grenze erwarten sollte. Das „Teatro Polivalente Occupato“ (TPO), ein Kulturzentrum aus Bologna, hatte am 24. April zur Demonstration gegen die von Österreich geplante Grenzschließung aufgerufen, gegen die europäische Politik der Abschottung, für ein Europa der Solidarität und des Friedens. An die 250 Protestierende versammelten sich um 12 Uhr am Bahnhof Brenner, ein symbolischer Treffpunkt, der derzeit für viele Geflüchtete die Endstation ihrer Reise nach Nordeuropa markiert. Dort wurden Schwimmwesten verteilt, um der vielen Menschen zu gedenken, die immer noch tagtäglich im Mittelmeer ertrinken, die ihr Leben riskieren, um vor Krieg, Verfolgung und Unterdrückung zu fliehen. Jedem von uns wurde außerdem ein sogenannter „World-Passport“, ein Weltreisepass, ausgehändigt. Als Symbol für die Gleichstellung aller Menschen, unabhängig von Hautfarbe, Herkunft oder Ausbildung und als Zeichen dafür, dass wir als Protestierende für ein Europa der Gemeinschaft und Nächstenliebe einstehen und nicht für ein Europa der Verschlossenheit und des Misstrauens. Mit unserem universellen Reisepass machten wir uns vom Bahnhof auf den Weg, um gemeinsam die Brennergrenze zu überqueren. Empfangen genommen wurden wir von mehr als 300 österreichischen Polizisten und Polizistinnen, die uns 150 Meter nach der Grenze den Weg versperrten. Als einige der Demonstrierenden trotzdem versuchten die Blockade zu durchbrechen, setzte die Polizei Pfefferspray ein und fuhr mit zwei Wasserwerfern vor, um die Protestierenden zurückzudrängen.

Bild: Antifa Meran

„Lasst uns ein Europa der Verbundenheit sein, ein Europa frei von Grenzen und Vorurteilen.”

Das, was am Sonntag am Brenner passierte, reflektiert, welche Politik gerade in Europa angestrebt wird, eine Politik der Grenzen und der Kontrolle. Wir leben in einem Europa, das sich seiner historischen Verantwortung entzieht und lieber die Augen verschließt vor dem, was außerhalb seiner Grenzen passiert. Ein Europa, das die Globalisierung nutzt, um sich wirtschaftlich zu bereichern, sie aber ablehnt, wenn Menschen weltweit auf Hilfe angewiesen sind. Es reflektiert aber auch, dass es sehr viele Menschen gibt, die der politischen Tendenz Europas trotzen und sich den künstlich errichteten Grenzen widersetzen. Menschen, sowohl jung als auch alt, haben sich nun schon zum zweiten Mal am Brenner versammelt, um ein Zeichen zu setzen, ein Zeichen für Freundschaft und Solidarität. Ein Zeichen für eine europäische Zukunft der Vielfalt und des Friedens.

Bild: Antifa Meran
Daher an alle Weltbürger/innen: Wir leben in einer solch privilegierten Wohlstandsgesellschaft, in einer Provinz, in der wir weder mit Krieg, Hunger, noch Armut konfrontiert sind. Wir leben in einer Konsumgesellschaft, die sich die Ausbeutung der weniger privilegierten Regionen zu Nutze macht und ihren Reichtum auf anderer Leute Mangel aufbaut. Nutzen wir die Chance, um zu zeigen, dass wir auch eine Gesellschaft der Menschlichkeit sind. Eine Provinz der Freundlichkeit und Herzlichkeit. Zeigen wir uns solidarisch und willensstark, lasst uns die Werte der Gemeinschaft, auf die einst die europäische Union ihre Grundpfeiler aufgebaut hat, leben, und lasst uns ein Europa der Verbundenheit sein, ein Europa frei von Grenzen und Vorurteilen.

von Mara Stirner
Anzeige
Anzeige

Hinterlasse einen Kommentar

Mehr Artikel

 | 
HIV und AIDS in Südtirol

Das Leben mit dem Tod

25 Menschen stecken sich in Südtirol jährlich mit dem HI-Virus an. Sicheres Todesurteil ist das keines mehr, aber Garant für Scham und Ausgrenzung.
0    

Resist

Mit „Resist“ legt die junge Rittner Rockband „Last Chance“ ihre erste eigene Single vor. Der Song handelt von Selbstvertrauen und Selbsthass.
 | 
Interview mit Spitzenkoch Roland Trettl

„Ich bin und bleibe Südtiroler“

Roland Trettl über First Dates, seine Hassliebe Südtirol und sein neues Buch „Nachschlag“, in dem er zu allem, was ihm nicht passt, seinen Senf dazugibt.
0    
 | 
Straßenzeitung Zebra

„Hopp, es geht weiter!“

Stephan verkaufte zebra. ab der ersten Stunde. Das gab ihm die Stabilität, um weitere Schritte zu wagen. Heute kann er sagen, dass er es geschafft hat.
0    
 | 
Wuttext über den Klimawandel

Sorry for my generation

Was wir unseren Kindern mit dem Klimawandel zurücklassen, ist das schwerste Erbe seit Menschengedenken. Wacht endlich auf!
0    
Anzeige