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Ein Platz an der Sonne

Ein selbsternannter Demonstrantenführer sonnt sich im Rampenlicht der Medien.

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Bild: Gustav Hofer

Seit Tagen füllen Nachrichten über die Blockaden und Demonstrationen der sogenannten „Mistgabel“-Bewegung die Zeitungen, Talkshows und Online-Seiten der italienischen Presse. Die Forconi wollen das Land stilllegen, sie demonstrieren gegen die hohen Steuern und haben das Ziel, die Regierung in Rom zu stürzen. Die Protestbewegung ist alles andere als homogen: Lastwagenfahrer, Rentner, Arbeitslose, Bauern, Einzelhändler und – man höre und staune – Rechtsextreme der Bewegung Casa Pound sind es, die demonstrieren. Dass es im Land ein großes soziales Problem gibt, ist unbestreitbar. Die politische Couleur aber lässt Zweifel aufkommen. Denn die populistischen Töne könnten schon bald bei Beppe Grillo und Silvio Berlusconi auf offene Ohren stoßen, die bekanntermaßen für baldige Neuwahlen Stimmung machen – und genau das fordern auch die Mistgabeln.


Eine explosive Mischung, die mit der großen medialen Aufmerksamkeit größer zu sein scheint, als sie wirklich ist. So zumindest der Eindruck, wenn man das feste Präsidium am Piazzale Ostiense in Rom besucht. Seit rund einer Woche harren hier junge und ältere Männer und Frauen aus, als Zeichen des Protests. Einige sitzen unter einem aufbaubaren Gartenpavillon aus Plastik und essen Pizza. Darüber weht die italienische Flagge, das einzige Symbol, das hier erlaubt ist – erzählt mir Danilo Calvani. Wie jeder medial wirksame Protest braucht auch dieser (selbsternannte) Anführer und der 51-Jährige mit der großen Sonnenbrille, die die dicken Augenbrauen verdecken, genießt es, sich im Rampenlicht zu sonnen.


Danilo Calvani war Landwirt aus Latina, wo er Obst und Gemüse anbaute. Noch vor dem „offiziellen“ Beginn der Wirtschaftskrise konnte er seine Schulden den Banken nicht mehr zurückzahlen und sein Unternehmen landete unter dem Hammer der Zwangsversteigerung. 2011 kandidierte er für das Amt des Bürgermeisters von Latina, doch nur 320 Bürger sahen in ihm den passenden Mann dafür. Dann wurde er in der Mistgabel-Bewegung aktiv und letzte Woche, bei den Protesten in Genua, erlangte er schließlich nationalen Bekanntheitsgrad. Nach den lauten Parolen durchs Megafon gegen Banken, Politiker, den Steuerdruck und den Euro verließ er die Kundgebung – im Jaguar. Die Luxuskarosse gehöre einem Freund, stellte er anschließend klar.


Auf den Piazzale Ostiense kommt Danilo vor allem, um Interviews zu geben. „Diese politische Klasse ist illegal, gefährlich und repräsentiert das italienische Volk nicht mehr. Wir wollen Neuwahlen“ – so lautet die Antwort auf die Frage nach seinem Anliegen. Für den gestrigen Mittwoch hat er eine große Aktion auf der Piazza del Popolo angekündigt, wo er sich über 40.000 Italiener erwarte, die, wie er, „alle Politiker nach Hause schicken wollen“. Doch ein Teil der Bewegung hat bereits unterstrichen, nichts mit der Initiative von Danilo Calvani zu tun zu haben und ist auf Distanz gegangen. Doch das kümmert Danilo nicht. Für ihn ist sein Moment gekommen, seinen Platz an der Sonne will er sich so schnell nicht nehmen lassen.

Gustav Hofer

lebt und arbeitet als Journalist und Filmemacher in Rom, doch ein Koffer steht immer abreisefertig. Was er dort mag: die Schönheit der Stadt, das Licht, die Menschen. Was er vermisst: die frische Bergluft, die Mehrsprachigkeit und den Apfelstrudel seiner Mutti.
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