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Ein bisschen Frieden

Unsere Autorin versucht sich an einer Kolumne, gegen die kein Mensch was haben kann.

Eine Kolumne schreiben ist nicht so einfach, wie es vielleicht klingt. Ich will hier zwar nicht um Mitleid betteln, aber doch um ein wenig Gnade. Ich gebe mir immerhin Mühe, das ist doch was (obwohl niemand in seinem Zeugnis lesen will: „Sie hat sich stets bemüht“.) Das perfekte Rezept für die perfekten 3000 Zeichen habe ich noch nicht rausgefunden, denn irgendwie tretet man immer irgendjemandem auf die Füße: Erwähnt man in einem Nebensatz einen Ex-Freund, schickt der einem den Link der eigenen Kolumne zurück und meint, man wolle doch nicht etwa sagen, dass er damit gemeint sei. Erzählt man generell ein wenig von sich selbst und breitet persönliches Empfinden aus, des subjektiven Aspektes einer Kolumne wegen und so weiter, wirft einem ein zorniger User Ich-Versautheit vor; und dann tretet man auch noch der eigenen Redaktion zu nahe, obwohl man doch gegen keinen etwas hat und auch nur ein bisschen Frieden will.

Die Lage ist verzwickt. Also soll hier nun versucht werden, alles gut oder zumindest ein wenig besser zu machen. Erste Lektion meines Eigentutoriums: Klicks und Likes eines Texts sollen hoch sein und sich gleichzeitig proportional zueinander verhalten. Es braucht also etwas, das viele Leser anspricht und bei großer Resonanz gleichzeitig größtmöglichen Konsens hervorruft. Eine kleine (keinesfalls repräsentative) Untersuchung des Userverhaltens meinerseits hat ergeben, dass die beliebtesten und gleichzeitig ungefährlichsten Texte die sind, die sich mit dem Südtiroler-Sein auseinandersetzen. Diese Thematik funktioniert gut, damit kann jeder was anfangen. Der erfolgreichste Beitrag hier auf BARFUSS ist Lenz Koppelstätters Text Ach, Südtirol. Da kann ich aber nicht mithalten. Koppelstätter ist gestandener Journalist und so weiter, und mir fällt zu meiner Identität nicht viel ein, außer dass es sehr schön ist zwischen Bergen, manchmal aber auch ein wenig eng. Ich habe auch nichts dagegen, wenn man sich stolzer Südtiroler nennt, finde es aber auch nicht allzu schlau, wenn man sich in Vollzeit auf seine Herkunft einen runterholt. Mit solchen Sätzen gewinnt man aber natürlich keinen Pulitzerpreis. Das waren bloß meine zwei Cents zu der Sache. Aber ich merke schon, das wird so nichts.

Auf der weiteren Suche nach Aussagen mit Beifall- und Konsenspotential fiel mir der Klassiker der Aussagen ein, gegen die man nichts haben kann: Eine gute Basis ist die beste Grundlage für ein solides Fundament. Den Satz benutzte Peer Steinbrück gern – leider nur als Beispiel dafür, wie er im Wahlkampf nicht reden will. Er sah sich weniger als Mann der kleinen Leute (Wein unter fünf Euro kommt ihm nicht ins Glas), dafür aber der der klaren Worte. Seine Bereitschaft zu Ecken und Kanten wurde ihm jedoch nicht gedankt. Angela Merkel gewann die Wahl mit Diplomatie und Sätzen, an denen man sich kaum stören kann.

Weil die Wahlen nicht mehr weit sind, haben wir glücklicherweise auch hierzulande einen schier unermesslichen Fundus an rundgeschliffenen Sätzen vor der Nase, zart und weich wie ein Babyarsch. In den Wahlkampfprogrammen der hiesigen Parteien finden sich Aussagen mit Verwöhnpotential, das einem Wellnessprogramm gleicht: Mit dem zur Verfügung stehenden Grund und Boden müssen wir verantwortungsvoll umgehen. Wir wollen eine umsichtige und maßvolle ökonomische Weiterentwicklung zulassen. Steuerautonomie muss Solidarität zulassen. Politische Arbeit muss niederschwellig sein und fördert zugleich Fachwissen. Entbürokratisierung und Steuervereinfachungen sind dringend notwendig. Politiker und Politikerinnen fördern die Übernahme von Verantwortung, stärken Netzwerke und die Verantwortung für das Gesamte. Selbsthilfe und solidarisches Handeln müssen ermöglicht und gestützt werden. Würdiges und leistbares Wohnen für alle! (Drinks für alle! – der ist von mir.) Natürlich ist auch immer die Arbeitslosigkeit zu bekämpfen und der Jugend müssen Chancen geboten werden, und die Löhne müssen gerecht sein, das ist klar. Die Grünen sind auch „grundsätzlich für die Wahlmöglichkeit zwischen Familienarbeit und Erwerbstätigkeit.“ Danke, das ist lieb.

Bei einer Podiumsdiskussion in Innsbruck gestern Abend waren Südtiroler Politikgrößen wie Arno Kompatscher, Sven Knoll und Brigitte Foppa zu Gast. Es wurde viel geredet, das hat eine solche Veranstaltung so an sich. Der beste Satz war aber der von Jaime Venturini: „Ich bin ein Ladiner“, sagte er, und es klang kurz wie „Ich bin ein Berliner.“ Das sind die Worte, an die man sich erinnern kann. Vielleicht wäre auch die  allgemeine abweisende Haltung zur Medical School in Bozen eine andere, wenn eine rhetorisch versierte Version von Richard Theiner das Projekt an die Leute gebracht hätte. „Ich habe einen Traum“, hätte er sagen sollen, und mit großen Pathos erzählen sollen von einem großen grünen Campus zwischen Lauben und Talferwiesen, wo Studenten jeder Herkunft, mit Liebe und Hingabe zu den Göttern in weiß werden, die Ihnen (ja, Ihnen!) irgendwann mal das Leben retten. Er hätte davon erzählen können, wie der Hippokratische Eid zweisprachig in Friede und Einigkeit gesungen wird, und mit Herzblut Herzen transplantiert werden, bis wir zwischen Knödel und Kalterer See alle auf fast ewig leben.

Martin Luther King hat Leute auch nicht deshalb zum Weinen gebracht, indem er von Proporzen sprach und einer paritätischen Gleichstellungskommission. Er hatte einen Traum von Kindern, die sich an den Händen halten und gemeinsam spielen. Das sind Bilder, mit denen man die Massen kriegt. Nicole hat mit einem simplen Lied über „Ein bisschen Frieden“ den Eurovision Song Contest gewonnen, und das könnt ihr euch jetzt da oben anhören und euch alle an den Händen halten.

Vera Mair am Tinkhof

mag die deutsche Sprache, kämpft daher unermüdlich gegen notorische "besser als wie"-Sager. Barfüsslerin der ersten Stunde.
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