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Sketch von Selma Mahlknecht

Ein alternativer Weihnachtsmarkt

Ein Text zum Schmunzeln und Nachdenken. Dieser bisher unveröffentlichte Sketch von Selma Mahlknecht stimmt auf Weihnachten ein. Er spielt im kleinen Städtchen B. in Tirol.

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Lizenz: CC0
Bild: Photo by Caleb Woods on Unsplash

Das Städtchen B. in Tirol. Der große Platz vor der Kirche ist für den traditionellen Christkindlmarkt reserviert. Aber hinter der Kirche, in einer Seitengasse, gibt es den alternativen Weihnachtsmarkt, Merkatino, mit K, um die Andersartigkeit zu unterstreichen. Dort steht auch ein Stand mit arabischen Süßigkeiten. Roman wollte nicht stehenbleiben, aber als die junge Frau mit dem wollenen Kopftuch, die hinter der Theke steht, jetzt eine CD mit Weihnachtsliedern auflegt, platzt ihm der Kragen.

Roman: Also das finde ich ... Schämen Sie sich denn gar nicht?

Die Frau dreht sich verwundert nach ihm um: Wie bitte?

Roman: Da – hier – Weihnachtslieder ...

Die Frau: Was? Die CD? Weihnachten mit dem Nockalm Quintett?

Roman: Schämen sollten Sie sich!

Die Frau: Wieso schämen? Ich spiele das ja nicht, weil’s mir gefällt. Ich spiele das hier nur, weil mein Vater gemeint hat, die Leute wollen so etwas hören. Weil das hier so Tradition ist.

Roman: Ja, natürlich wollen die Leute so etwas hören. Aber nicht von Ihnen!

Die Frau: Ja, ich wollte ja gleich Ella Fitzgerald spielen. Gefällt mir viel besser.

Roman: El Hafitz ... So ein Muezzin-Gekreische am Ende?! Soweit kommt’s noch! Wir sind hier immer noch ...

Die Frau: ... im Reich des Nockalm Quintetts.

Roman: Sehr richtig!

Die Frau: Deswegen spiele ich das ja.

Roman: Eben, schämen sollten Sie sich!

Die Frau: Ich passe mich nur an.

Roman: Nein, das tun Sie nicht. Sie passen sich überhaupt nicht an. Da mit diesem Kopftuch ...

Die Frau: Ist kalt heute.

Roman: Ein anständiger Mensch trägt eine Wollmütze und kein Kopftuch.

Die Frau: Mir gefällt aber das Kopftuch besser.

Roman: Soweit kommt’s noch! Am Ende müssen wir wohl alle ein Kopftuch tragen!

Die Frau: Nein, woher denn? Aber ich möchte eins tragen.

Roman: Das heißt es dann immer! Das kennen wir schon.

Die Frau: Ach ja, haben Sie da ein Beispiel?

Roman: Da mit den Kreuzen! Mit den Kreuzen in der Schule!

Die Frau: Ja, die finde ich auch unpassend.

Roman: Sie wollen wahrscheinlich lieber den Halbmond, oder was?

Die Frau: Sicher nicht. Ich finde, religiöse Symbole haben in der Schule nichts verloren.

Roman: Das sag ich auch! Weg damit!

Die Frau: Ich dachte, Sie wollen, dass das Kreuz bleibt.

Roman: Ja, aber das ist das Kreuz und kein religiöses Symbol.

Die Frau: Das sehe ich anders.

Roman: Das kann ich mir denken. Aber soweit kommt’s noch, dass Sie bestimmen, was bei uns im Land läuft!

Die Frau: Also genau genommen ... in einer Demokratie darf jeder mitbestimmen.

Roman: Aber Sie sicher nicht!

Die Frau: Doch, natürlich. Ich hab das Wahlrecht, genau wie Sie.

Roman: Na, das haben Sie ja schön eingefädelt!

Die Frau: Wieso eingefädelt? Das ist mein Recht.

Roman: Ja, solche wie Sie wissen immer ganz genau, was ihre Rechte sind, gell? Aber von Pflichten wollen Sie dann nichts hören.

Die Frau: Meinen Sie jetzt irgendwie Steuern zahlen oder ...

Roman: Anpassung! Anpassung meine ich! Sie sind ja integrationsunwillig!

Die Frau: Und das wissen Sie, weil ich ...

Roman: Na, dieser ganze Stand da ist doch eine Integrationsverweigerung! Dieses Zeug, das Sie da verkaufen!

Die Frau: Baklava. Mit Honig und Pistazien. Sollten Sie mal probieren! Mein Vater macht die selber.

Roman: Bleiben Sie mir vom Leib damit! Am Ende sind irgendwelche Drogen untergemischt!

Die Frau: Naja, es gibt schon Leute, die behaupten, dass Zucker süchtig macht, aber ...

Roman: Wenn ich was Süßes will, kaufe ich mir einen schönen Apfelstrudel. Tiroler Apfelstrudel, das passt hierher.

Die Frau: Der Apfelstrudelstand ist auf dem Kirchplatz. Das hier ist der alternative Weihnachtsmarkt.

Roman: Schon die Idee! Wer braucht sowas? Entweder gibt es einen Christkindlmarkt, und dann ist das der traditionelle Christkindlmarkt wie man ihn kennt, oder es ist kein Christkindlmarkt, aber dann hat es auch nichts hier zu suchen, weil dann ist es nur ein Multikulti-Mischmasch und eine reine Geschäftsmacherei.

Die Frau: Der traditionelle Christkindlmarkt ist auch eine Geschäftsmacherei.

Roman: Ja, aber eben eine alteingesessene.

Die Frau: Ja, mein Vater sagt auch immer, dass ...

Roman: Der Herr Vater hat ja ganz schön viel zu sagen bei euch in der Familie, oder?

Die Frau: Naja, er ist halt der Chef hier.

Roman: Das ist so ein Pascha, so ein Patriarch, gell? Aber hier bei uns dulden wir keine Patriarchen. Hier sind Männer und Frauen gleichberechtigt!

Die Frau: Ach ja, stimmt, das ist ja auch so ein alter Tiroler Brauch.

Roman: Sehr richtig! Oder ... eigentlich ... Also jedenfalls ist das jetzt so! Und das werden wir auch nicht mehr ändern, nur weil solche wie Sie sich unterdrücken lassen wollen! Das schreiben Sie sich mal hinter die Ohren, junge Dame.

Die Frau: Ich werd’s mir merken.

Roman: Dass so etwas wie Sie hier überhaupt verkaufen darf! Da werde ich mal bei der Gemeinde müssen eine Eingabe machen. Das passt ja hinten und vorne nicht zusammen!

Die Frau: Weil wir keine Strohsterne und keinen Glühwein verkaufen? Das machen doch andere schon. Dieser Stand ist eben für Leute, die auch mal was anderes probieren wollen.

Roman: Ich weiß nicht, warum immer alle etwas anderes probieren wollen. Die Leute sind nie zufrieden mit dem, was sie haben. Na, sie werden schon sehen, wie weit sie damit kommen!

Die Frau: Also unser Geschäft läuft nicht schlecht.

Roman: Das glaub ich! Den anderen alles kaputtmachen, das könnt ihr ja gut!

Die Frau: Wir machen doch niemandem etwas kaputt ...

Roman: Doch, natürlich, weil ihr euch hier so breit macht! Total breit macht ihr euch! Sogar in der Kirche! Da wollten sie heuer sogar diese orientalische Krippe aufstellen mit den Kuppeln und den Palmen!

Die Frau: Ich weiß. Da gab’s doch diese Unterschriftenaktion dagegen.

Roman: Zum Glück! Da konnten wir das noch verhindern! Jetzt steht wieder die schöne Trachtenkrippe wie immer. Mit dem Tirolerhaus und nicht mit solchen ... Mohammedanerbauten. Das ist doch kein Märchen aus 1001 Nacht!

Die Frau: Sie wissen aber schon, wo Bethlehem ist, oder?

Roman: Was soll jetzt das heißen? Natürlich weiß ich das. Ich hab ja auch immer das Bethlehem-Licht bei mir zu Hause! Das brennt bei uns in der ganzen Weihnachtszeit.

Die Frau: Und ich nehme an, Sie backen auch Kekse.

Roman: Sicher. Also nicht direkt ich selber. Meine Frau ist da die Meisterin. Sie macht das wunderbar. Die Rezepte sind noch von ihrer Großmutter. Sehr traditionell.

Die Frau: Lebkuchen? Mit Honig und Zimt und Nelken und so?

Roman: Ganz genau. Wie sich’s gehört. Sie macht die besten Zimtsterne und Vanillekipferln weit und breit. Und nicht da so ein arabisches Zeug da.

Die Frau: Und der Zimt ist aus der eigenen Ernte, oder was?

Roman: Wie meinen Sie ...

Die Frau: Oder wenigstens die Vanille? Für die Vanillekipferln? Im Unterland haben sie ja ganz tolle Plantagen, hab ich gehört. Direkt neben den Orangenhainen und den Erdnussfeldern. Ich kauf immer nur die einheimischen Erdnüsse. Wäre ja kein richtiger Nikolaus so ganz ohne Erdnüsse, nicht?

Roman: Hören Sie ...

Die Frau: Nein, ich bin schon Ihrer Meinung. Raus mit dem ganzen orientalischen Plunder aus unserem schönen Weihnachtsfest. Ich meine, die Weisen aus dem Morgenland, wer braucht sowas? Die ziehen nur von Haus zu Haus und betteln die Leute an, wie weit kommen wir denn da?

Roman: Ganz genau. Oder, nein, nicht ganz genau. Das ist ... Also das mit den Weisen aus dem Morgenland, das ist natürlich eine Metapher. Ein schöner alter Tiroler Brauch. Mein Sohn geht da auch immer mit. Er ist immer der Schwarze, da freut er sich jedes Jahr drauf.

Die Frau: Sie wissen aber schon, dass Blackfacing nicht gern gesehen wird?

Roman: Was?

Die Frau: Wenn man sich das Gesicht braun anmalt und so tut, als wäre man ein Schwarzer. Das nennt man Blackfacing. Geht gar nicht.

Roman: Also, wir malen uns das Gesicht so an, wie wir wollen! Das wäre ja noch schöner, wenn wir jetzt nicht einmal mehr unsere schönen alten Bräuche ... nur weil so eine mit einem Kopftuch ...

Die Frau: Die Maria hat ja auch immer ein Kopftuch auf den Bildern.

Roman: Jetzt wird es immer schöner! Sich mit der Maria vergleichen!

Die Frau: Der Jesus ist sogar beschnitten. Haben Sie das gewusst? Steht in der Bibel.

Roman: Jetzt hören Sie aber auf mit Ihren Behauptungen, was soll denn das?

Die Frau: Ich mein ja nur. Wenn wir schon dabei sind, alles Orientalische aus der Weihnachtsgeschichte rauszurechnen. Da bleiben ja am Ende nur noch Ochs und Esel übrig. Und die stehen übrigens nicht in der Bibel.

Roman: Bibel, Bibel, was wissen Sie schon über die Bibel?

Die Frau: Ich weiß, dass es ein literarisches Werk ist von wechselnder poetischer und philosophischer Qualität. Und dass sich viel zu viele Menschen darauf berufen, die es gar nicht gelesen haben.

Roman: Die Bibel ... ein literarisches Werk?

Die Frau: Ganz genau. Menschenwort, nicht Gotteswort. Das glaube ich.

Roman: Ach, aber der Koran ist wohl ...

Die Frau: ... noch so ein literarisches Werk mit zweifelhaftem pädagogischen Wert. Die Menschen sollten lieber Kierkegaard lesen oder Watzlawick. Das könnte uns gesellschaftlich weiter bringen.

Jetzt hat es Roman tatsächlich die Sprache verschlagen. Daher atmet er ganz erleichtert auf, als er seinen alten Bekannten Michael nahen sieht, der ihn schon von Weitem lachend zuwinkt.

Michael: Roman, dass man dich auch mal sieht! Ich hätte ja nicht gedacht, dass dieser alternative Markt etwas für dich ist.

Roman: Genau genommen ist er das auch nicht ...

Michael, unterbrechend: Und dann stehst du auch noch genau vor meinem Stand. Was sagst du zu meinen Baklava, Roman? Hast du sie schon probiert? Phantastisch! Ich habe letztes Jahr eine Fortbildung in Marokko gemacht und biete die jetzt in meiner Konditorei an. Die Leute sind ganz begeistert. Endlich mal was anderes, oder?

Roman: Ja, aber ...

Michael: Und mit meiner Tochter hast du auch schon Bekanntschaft gemacht! Ich hoffe, sie hat dich nicht zu sehr aus dem Konzept gebracht. Sie provoziert nämlich gerne, die Jenny, nicht wahr?

Roman: Jenny? Was? Ach so. Nein, nein, die ist schon in Ordnung, deine ... Tochter. Aufgeweckt. Hut ab.

Michael: Ja, aufgeweckt kannst du laut sagen. Immer das letzte Wort. Die lassen sich nichts mehr vormachen, unsere jungen Leute. Ganz anders als wir damals. Aber was will man machen? So haben wir sie uns eben erzogen. Und ist ja auch gut, wenn sie ein bisschen kritisch sind.

Roman: Ja, sicher, ohne Weiteres. Bravo. Gratuliere.

Und damit geht er weg, der Roman. Ein bisschen scheint es, als wanke sein Schritt. Michael ruft ihm nach, will ihm ein paar Baklava anbieten, „die gehen aufs Haus“. Aber Roman hört ihn nicht mehr. Wenn er nach Hause kommt, wird er die Tür hinter einer Welt schließen, die ein bisschen fremder geworden ist. Und zum ersten Mal werden die Vanillekipferln seiner Frau ihn nicht aufheitern können. 

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