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Die Zeit, die Zeit

Südtirol tickt anders. Im Zug Richtung Bozen bleibt Zeit, die innere Uhr umzustellen.

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Bild: Flickr/Bündnis 90/Die Grünen

Martin Suters Buch „Die Zeit, die Zeit" in den Händen sitze ich im Zug in Richtung Südtirol und grüble über Zeit und Veränderung. Die Zeit existiere nicht, es seien nur die Dinge, die sich veränderten, will mir das Buch weismachen. Die Veränderung von einem Semesterende zum nächsten ist ja nur minimal: Aus fünf Prüfungen, die ich schreiben wollte, sind wieder einmal nur zwei geworden. Wegen Donauinselfest und Abschied und so. Unter österreichischen Studenten rechtfertigt man sich damit, dass „es sich nicht ausgegangen“ sei. Zum Semesterende hin gerät die Zeit eben immer völlig aus dem Takt – wie ein Metronom im Selbstmordversuch. Da kann man nur auf die Bremse treten und resignieren. Meine drei Seminararbeiten werden sich bis zum letzten Abgabetermin im September aber bestimmt noch ausgehen. Bis dahin ist ja massig Zeit.

Nur, dass die Uhren in Südtirol irgendwie anders gehen. Hier teilt sich der Tag in drei Phasen, alle orientieren sich am „RAI Sender Bozen": Das Mittagsmagazin markiert die erste Etappe, die Tagesschau um 20 Uhr und die Wiederholung um 10 nach 10 die zweite und dritte. „Schon wieder halb eins“ seufzt Frau Mama, wenn wir beim Essen sitzen und der Herr Nothdurfter aus dem Radio zu uns spricht. Und den Sonntag erkennt man daran, dass das ganze Land die „Zett" liest.

In Südtirol bekomm ich sie erst richtig zu spüren, die Zeit. Wenn ich mittags um kurz nach eins vor verschlossenen Ladentüren stehe beispielsweise. Oder vergesse, mir die Buszeiten zu notieren und eine halbe Stunde auf die SAD warte – die dann in jedes noch so kleine Dorf kriecht. Gut, dass zumindest die quietschvergnügten deutschen Touristen diese Zeit für Sightseeing nutzen. Hop on hop off mit öffentlichen Verkehrsmitteln und dem Busfahrer als Reiseleiter. Für sie (die Touristen) und nur für sie gelten auch die großzügigen Zeitangaben auf den Wandertafeln, die wir Südtiroler, wie wir ja in Loden und Bergschuhen auf die Welt kommen, stets bescheiden unterschreiten. Das ist findige Touristen-Verhätschelung. Ich geh in Zukunft einfach wandern, wenn mir die Zeit fehlt – da gewinn ich wenigstens etwas davon zurück.

Auch das Alter verändert die Zeit. Meine Oma zum Beispiel, die misst Zeit an uns Enkeln. Bist du groß geworden, hat es früher immer geheißen und damit war wieder Zeit vergangen. Seit ich nicht mehr wachse, hat sich auch ihr Maßstab verändert: Du wirst immer hübscher, heißt es jetzt. Das lässt mich zwar an ihrer Glaubwürdigkeit zweifeln, nicht aber am Ablauf der Zeit. Es ist eben nicht nur die Veränderung, die Zeit generiert: Auch die Routine, das Schon-wieder macht Zeit spürbar. Schon wieder ein Jahr um, schon wieder Sommerferien.

Kurz vor Bozen wird der Zug langsamer und die Entschleunigung setzt ein. Meine innere Uhr ist auf Südtiroler Zeit umgestellt.

Irina Ladurner

lebt in Wien. Ausgezogen, um die Welt kennen zu lernen. In Wien die (Südtiroler) Heimat gefunden. Mag den Südtiroler Exotenbonus, das Wiener Dorf und die Rückkehr in die eine oder andere Heimat.
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