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Kommentar zur Gleichberechtigung

Die Sache mit der Waschmaschine

Ulli Mair fordert, den „Gender-Unsinn" abzuschaffen. Von einer gleichberechtigten Gesellschaft sind wir aber noch weit entfernt.

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Bild: Wecandoit2

Geht es um Chancengleichheit, sind wir alle Experten. Immerhin leben wir Gleichberechtigung jeden Tag, sowohl bei der Arbeit im Büro als auch bei der Arbeit zu Hause. Wir leben sie, wenn Frauen weniger bezahlt bekommen – im Durchschnitt 30,1 Prozent weniger, das sind pro Tag 31,60 Euro (Astat). Und wir leben sie, wenn Frauen doppelt bis dreimal so viel Hausarbeit als Männer erledigen, in Italien immerhin 205 zu 70 Minuten pro Tag (für jene, die das nicht gelten lassen: in Österreich 170 zu 80 Minuten). Wir sind eine gleichberechtigte Gesellschaft, und wer hier noch weiter gleichstellen will, fordert Unsinniges. So sieht es jedenfalls Ulli Mair, die in ihrer letzten Presseaussendung einen Aufruf zu Abschaffung des  „Gender-Unsinnes” macht. Der würde Frauen „herabwürdigen“.

Tatsächlich finde ich es aber „herabwürdigend“, wenn eine Frau die Realität der Gleichberechtigung in unserer Gesellschaft leugnet – und sich damit nicht beschäftigt. Ulli Mair fordert die Abschaffung des Gender-Unsinnes und zeigt damit nur, dass sie nicht weiß, was das bedeutet. Gender bezeichnet all das, was Männer und Frauen nach Ausklammerung des biologischen Geschlechts unterscheidet und ungleich macht. Gleichberechtigung entsteht, wenn diese gesellschaftlich zugewiesenen (und irrationalen) Unterschiede aufgelöst werden. Sozialwissenschaftler analysieren diese Unterschiede, damit Politiker wie Ulli Mair für die Entwicklung unseres Landes gute Entscheidungen treffen können. Das Ignorieren dieser Untersuchungen ist problematisch. Denn dann werden Entscheidungen nach persönlicher Meinung und dogmatischen Ideen getroffen. Entscheidungen über Frauen, Männer und Gleichberechtigung.

Machen wir also den Job von Ulli Mair und schauen uns die Analyse der Beziehungen zwischen Männer und Frauen an. Die Soziologin Angelika Wetterer nennt unsere Gleichberechtigung eine „rhetorische Modernisierung“. Das bedeutet: Wir gehen davon aus, dass wir in einer gleichberechtigten Gesellschaft leben. De facto ist das aber nicht so. Unsere Ideale sind unserem Alltag vorausgeeilt. Nun müssen sie zusammengeführt werden ­– von Politikern. Tatsächlich können diese nämlich sehr viel dafür tun.

Angelika Wetterer hat herausgefunden, dass wir Frauen den Männern gleichberechtigt sind, aber nur solange wir jung sind. Wir Frauen Mitte zwanzig haben dieselbe Ausbildung wie unsere männlichen Freunde genossen, haben uns frei unser Studium und unsere Arbeit ausgesucht und dürfen tun und lassen, was uns gefällt.
Bis zum ersten Einschnitt, der das Leben der Frauen wieder ein bisschen ungleicher macht: Der Kauf der ersten gemeinsamen Waschmaschine eines Paares. Klingt absurd, ist aber so: Im Moment, wo ein Paar zusammenzieht, muss es sich mit der Frage auseinandersetzen, wer wie viel im Haushalt erledigt. Vorher hat jeder seine Wäsche gewaschen, aufgehängt, gebügelt (oder eben nicht), geputzt, gekocht usw. Beim Zusammenziehen kollidieren Gewohnheiten miteinander und müssen irgendwie zusammengeführt werden. Warum, wieso und wie Frauen dazu kommen, automatisch mehr zu tun, kann Angelika Wetterer sich höchstens mit der Tatsache erklären, dass sie das eher anerzogen bekommen haben. Frauen „sehen“ meist eher, was zu tun ist. Und tun es dann.
Für Paare, die eigentlich an das Gleichheitsprinzip glauben, ergibt sich nämlich ein Problem: Zu oft kann diese Diskrepanz nicht ausdiskutiert werden, sonst entwickeln sich aus Diskussionen Streits und aus Streits wird eine mögliche Gefährdung der Beziehung. Da waschen Frauen dann doch lieber die Wäsche.

Der zweite Punkt im Leben, in dem unser Glaube an Gleichheit auf die Probe gestellt wird, ist die Geburt des ersten Kindes. Gleichberechtigt, wie sie sind, setzen sich Mann und Frau an den Tisch und überlegen: Wer soll zu Hause bleiben? Naja, derjenige, der weniger verdient. Wer verdient mit großer Wahrscheinlichkeit weniger? Die Frau. Vereinbarung getroffen: Frau bleibt zu Hause. Sie verpasst wichtige Jahre im Berufsleben, verdient bei der Geburt des zweiten Kindes natürlich wieder weniger, bleibt wieder zu Hause. Geht in Teilzeit, weil der Mann in Teilzeit ja prozentuell gesehen wieder mehr Geld verlieren würde.
Der Gender Pay Gap steigt im Alter zwischen 30 bis 45 Jahren von 10 auf 18 Prozent. Hier ergibt sich der erste große Bereich, in dem Politiker etwas tun könnten und müssen. Indem sie beispielsweise den Vaterschaftsurlaub verpflichtend einführen, und zwar nicht nur für drei Tage. Das würde den Vätern mehr Zeit mit ihren Kindern schenken. Und ihnen die Rechtfertigung vor den Arbeitskollegen ersparen, warum sie freiwillig Windeln wechseln gehen.

Männer und Frauen entscheiden sich zwar ihrer Meinung nach in aller Freiheit dafür, dass die Frau zu Hause bleibt. Doch das hängt größtenteils mit der strukturellen Ungleichverteilung im Verdienst zusammen. Und die können durch politische Maßnahmen verändert werden. So, dass Frauen nicht mehr durchschnittlich 31,60 Euro weniger pro Tag verdienen, bei derselben Arbeitsleistung (oder erhöhten Arbeitsleistung, sie schmeißt ja de facto auch noch den Haushalt). Diese 31,60 Euro sind am Ende vom Jahr 9.000 Euro, will ich mal kurz anmerken. Damit könnte man sich beispielsweise ein Auto kaufen – und davon würde nicht nur die Frau profitieren, sondern ihre ganze Familie.

Durch das Ignorieren der bestehenden Probleme kann sich nichts ändern. Wenn wir diese Diskrepanzen im Alltag ignorieren, dann ist das verständlich – wer denkt schon an Gleichberechtigungsideale, wenn man mit dem Leben beschäftigt ist. Wenn Politiker dies tun, dann ist das folgenreich. Sie sind nämlich diejenigen, die uns mit Regeln dabei helfen können. So, dass wir nicht nur mehr in Gedanken gleich sind – sondern auch im Alltag.

Mara Mantinger

durchforstet als Soziologin mit Freude Statistiken und liebt es, die Geschichten hinter den Zahlen zu erzählen. Gerne in der Ferne, schaut aber noch lieber von einem Südtiroler Berggipfel in die Welt.
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