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Die rote Bibel

Jetzt wird’s heiß: Unser Agenturchef steigt mit dem Feind ins Bett und will mit einem roten Buch den frustrierten Parteivorsitzenden wieder in den Mittelpunkt rücken.

Harry Jungmayer, der Tags zuvor noch tief in die Lebenswelt der Landjugend eingetaucht war, traute seinen Augen nicht, als er die schwarze Ziege so nah an seinem Gesicht sah. In weniger als einer Sekunde stand er aufrecht da und bemerkte, dass er fürchterlich stank. Die Stallluft hatte ganze Arbeit geleistet, obwohl sein dröhnender Kopf ihm sagte, dass er nicht allzu lang geschlafen hatte in dieser Nacht.

Mit Unterhose und Sakko

Auf dem Weg zum Parkplatz bemerkte er tatsächlich, dass es bereits Nachmittag war. Am Wagen angekommen, zog er erstmal die Hose und das Hemd aus, streifte sich das Sakko über und setzte sich ans Steuer. Dabei fiel ihm auf, dass sein Unterarm bekritzelt war. Darauf stand: „War eine geile Nacht“ und eine Handynummer. Da war aber nichts in seinem Kopf, er hatte keine Erinnerung daran, wer das gewesen sein könnte.

Jetzt noch Richtung Norden zu fahren brachte wohl nichts, dachte er und entschloss sich, wieder in die Hauptstadt zu fahren. Die Fahrt dauerte eine Ewigkeit, da er auch noch von einer Carabiniere-Streife aufgehalten wurde. Jungmayer verlor viel Zeit damit, den kaum der deutschen Sprache mächtigen Staatsdienern zu erklären, dass ihm der kubikstarke SUV gehörte, obwohl er wie eine Herde Schweine stank und nur ein Sakko über einer Unterhose trug.
Als einer der Beamten bemerkte, dass er am Hals jede Menge Lippenstiftreste hatte, verwandelte sich die Skepsis der Beamten in Solidarität: „Hai dovuto scappare via è? È sposata?“ Jungmayer verstand kein Wort, bemerkte aber zufrieden das plötzliche Wohlwollen der Ordnungshüter.

Später im Hotel speicherte er die Nummer auf seinem Unterarm auf sein Handy. Dann fiel er in einen langen Schlaf. Noch am Sonntagabend bekam der Agenturchef ein besorgt klingendes SMS des Vorsitzenden der Schwammelpartei, der um einen raschen Termin bat. Da ein solches Treffen nur im Landtag möglich war, marschierte der Agenturchef entspannt am nächsten Morgen dort ein.

Mit dem Feind im Bett

Es war gerade Sitzungspause und die Abgeordneten kamen schön der Reihe nach aus dem Saal. Jungmayer stand am Eingang und hielt Ausschau nach dem Vorsitzenden. Dabei blickte er in zwei stahlblaue Augen, die ihm zuzwinkerten. Der Agenturchef hatte das Gefühl, dass er das Lächeln der Dame mit den glatten schwarzen Haaren irgendwo schon mal gesehen hatte. Die Dame setzte sich mit einigen Kollegen im Foyer auf einen der Ledersessel und schaute permanent Jungmayer an.

Dieser wiederum entdeckte den Vorsitzenden, der gerade auf ihn zukam: „Setzen wir uns kurz“, forderte er Jungmayer auf. Der Agenturchef wollte sich schon unweit der Frau mit den schwarzen Haaren setzen, als ihn der Vorsitzende abrupt festhielt und ins Ohr flüsterte: „Aber nit so gleim pa die Blauen.“ Jungmayer folgte dem Vorsitzenden ans andere Ende des Foyers. Während der Parteichef in seiner unnachahmlichen rhetorischen Fertigkeit anfing, seine Einschätzung der Lage loszuwerden, bemerkte der Agenturchef, dass die Frau mit den schwarzen Haaren ihn immer noch lächelnd fixierte.

Da Jungmayer weiterhin das Gefühl hatte, nach Tierkot zu stinken, schnüffelte er sich immer wieder selbst ab. Den Vorsitzenden störte das in seinen Ausführungen nicht und fuhr einfach fort: „… und dieser feine Spitzenkandidat glaubt jetzt mit seiner Südtirol-Tour die Partizipation erfunden zu haben.“ Dann nuschelte etwas Unverständliches, um schließlich in einem deutlichen crescendo den Höhepunkt zu erreichen: „Dabei haben wir immer schon dem Wähler beim Jammern zugehört. Obwohl sui oft gor nit wissen wos sie wellen.“

Das rote Buch

Mit einem Nicken signalisierte Jungmayer Aufmerksamkeit. In Wirklichkeit hatte er gerade eine Eingebung: Ruf die Nummer an, die auf dem Unterarm stand, schoss es ihm durch den Kopf.
Sein Gegenüber wurde inzwischen noch weinerlicher: „Wir brauchen eine Aktion, die mich ins Zentrum der Medienaufmerksamkeit rückt.“

Jungmayer legte sein Handy auf den Tisch, wählte die eingespeicherte Nummer und beobachtete die Frau mit den schwarzen Haaren. Sie begann in ihrer Handtasche zu kramen und zog ein Handy heraus, das klingelte. Dem Agenturchef wurde plötzlich ganz heiß. Der Vorsitzende fuhr derweil fort: „Und diese Aktion muss zeigen, dass ich das Heft in der Hand habe!“

Jungmayer unterbrach sofort den Anruf und bekam einen hochroten Kopf. Der abwartende Blick des Vorsitzenden, dessen eben gesagter Satz und die Farbe seines Gesichtes konnten nur zu einer einzigen Idee führen.
„Herr Oberschw... äh Vorsitzender, wir sollten sie mit allen Kandidaten und einem roten Buch präsentieren, in dem sie künftig alle Wünsche der Wähler, diesen Suis, notieren und versprechen, sich darum zu kümmern.“
„Herr Jungmayer“, sagte ein plötzlich entspannter Vorsitzender, „ich bin so froh, sie bei mir zu haben.“ Zwei Tage später standen sie da mit ihrer roten Bibel vor den Kameras der Journalisten.
 

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Wichtiger Hinweis: Es handelt sich hier um reine Fantasie des Autors. Ähnlichkeiten mit real existierenden Personen wären rein zufällig. Beim Entstehen dieser Fortsetzungsgeschichte wurden keine Tiere verletzt.

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