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Die Intervention

Das geht sogar unserem Agenturchef zu weit: Die Macher der Schwammelpartei wollen die lokalen Medien wieder auf die richtige Spur bringen.

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Bild: Flickr/Stefan Eissing

„Dieser eitle Schnösel!“, fluchte der Agenturchef Jungmayer, als er schon wieder den Meinungsforscher Dr. Huber im Radio anhören musste. Jetzt war es trotz aller Widrigkeiten gelungen, mit dem Lustslogan und dem schwedischen Blitzbürokratiewunder in Sachen Staatsbürgerschaft neuen Schwung in die Kampagne zu bekommen. Und jetzt das. Da hatte man doch versucht, die geheime Umfrage, die das Institut aus der Heimat des Agenturchefs erwartungsgemäß abgeliefert hatte, häppchenweise an die Medien durchsickern zu lassen.

Jungmayer hatte die Strategierunde überzeugt, dass dies die Funktionäre motiviere und die Gegner durcheinanderbringe. Tatsächlich fiel der althippe Politikredakteur des einzigen pseudointellektuellen Boulevardblattes der Welt auf die Daten herein. Und mit ihm Grüne und Blaue. Erstere hatten zweitere laut dieser Umfrage „überholt“ und damit war Feuer am Dach. Jetzt brauchte nur noch der smarte Kronprinz eine Koalitionsabsage an die Blauen formulieren und schon beschäftigte sich die Opposition mit sich selbst. Wäre da nicht dieser leise sprechende, hin und wieder lispelnde Dr. Huber mit seinem prognostischem „Politikwisseng´schafftler-Gchmuss“. Obwohl er Sätze manchmal nicht zu Ende sprach, tat er so als hätte er die Relativitätstheorie erfunden und relativierte die Umfragewerte. Jungmayer kochte innerlich und wünschte sich auf die Alm zu seinem Freund Walter zurück.

Gehässige Kommentare

Das Vorgefallene lieferte natürlich Gesprächsstoff für die große Macherrunde in der Parteizentrale. Vorerst war aber eine kurze Situationsanalyse angesagt: Der Kronprinz gab sich so verkrampft gelassen wie immer und begann davon zu reden, dass zunehmend mehr Menschen hinter ihm standen. Seine weiteren Ausführungen waren leider nicht mehr verständlich, weil der Parteichef anfing, sich lautstark zu räuspern und zu husten. Er hörte erst wieder damit auf, als der Spitzenkandidat zu sprechen aufhörte. Jetzt ging das Wort an den Ehrenamt-Wahlkampfmanager, der sich dermaßen verklärt äußerte, wie man nur konnte, wenn man am Ende seiner Politikerlaufbahn angekommenen war. „Ich finde diese komischen Experten weit weniger schlimm als diese ganzen Onlinesachen. Die gehässigen Kommentare bei den Nachrichtenportalen sind ja schlimm. Die wollen uns nichts Gutes.“

Während sich die Truppe in gegenseitiges Bedauern verstieg, piepste Jungmayers Smartphone. Eine SMS der Dame, mit der er die Blackout-Nacht verbracht hatte, erschien auf seinem Display: „Sind wir Blauen echt so tief gestürzt? Magst mich trösten kommen?“ stand da. Vor Schreck fiel Jungmayer das Handy aus der Hand und rutschte unter den Stuhl der blonden Protokollchefin. Die sich blitzschnell duckte und es aufhob, nicht aber ohne einen Blick darauf zu werfen. Mit einem keifenden Blick reichte sie Jungmayer das Handy.

Nun war es wieder der Kollege der lokalen Agentur, der Jungmayers momentane Verwirrung ausnutzte, um den größten Feind für den Wahlsieg kundzutun: das Schuhfetisch-Onlinemagazin. Er bot auch sofort eine Generallösung für nervige Meinungsforscher und Zündlern in Onlinecommunities: Anrufen und ordentlich drohen, so sein Rezept. Bei den Medien und den Onlineportalen. „Mitten im Wahlkampf?“, rief Jungmayer regelrecht in die Runde. „Seid‘s deppat g´worden? I komm aus dem Land, wo sie die Medienintervention erfunden haben, aber selbst bei uns macht des keiner mehr!“

Die Runde hob wie professionelle Synchronschwimmer gleichzeitig die Schultern. Der Spitzenkandidat bewies mit einem entschlossenen „Aahh, i woas nit ...?“ wieder einmal seine Leadership. Trotz dieser Skepsis ließ seine Standhaftigkeit ihn mit der Mehrheit stimmen.Wie übrigens immer in letzter Zeit. Da abgesehen vom Agenturchef, der eine Sturzdepression nahe war, klar war, was zu tun war, sprach der Landessekretär nur drei Worte: „Ich übernehme das!“ Wieder schienen die Macher Synchronschwimmer zu sein: „Nein!!“, riefen sie gleichzeitig und so laut, dass die Scheiben der Fenster im Sitzungssaal wackelten. Der kleine lokale Agenturwuzzi meldete sich freiwillig und alle waren überzeugt, dass er mit seiner geschmeidigen sozialen Art wohl der Richtige war.

Entspannung muss sein

Jungmayer fing entgegen seinen Gepflogenheiten an zu beten. Obwohl er wenig Übung darin hatte, war er unglaublich erfolgreich. Denn draußen im Empfangsbereich der Schwammelpartei wartete nämlich sein alter Freund Walter Vorlackner auf ihn. Der Musiker mit der Vorliebe für eine exaltierte Küche war gekommen, um mit Harry Jungmayer seinen persönlichen Almabtrieb gebührend zu feiern. Dazu hatte er Unmengen an Häppchen mitgebacht. „In zartem Blätterteig gehüllter Bergziegenkäse mit edler Pilzfüllung. Ein Spezialrezept“, wie er sie den anwesenden Herrschaften in seiner lockeren Art und samt Augenzwinkern anbot. Jungmayers zunächst irritierten Blick quittierte Walter mit den Worten: „Auch die härtesten Wahlkämpfer müssen sich mal entspannen.“

Dem war tatsächlich so. Das ganze Wahlkampfteam und nahezu alle Kandidaten, die zu einem Meeting in die Partei kamen, waren in kürzester Zeit plötzlich nicht mehr nervös und angespannt. Sie lagen sich in den Armen, fanden sich gegenseitig unglaublich wählbar und begannen Vereinbarungen für gemeinsame Wahlpartys zu treffen.

Einige von ihnen gingen an dem Tag nach Hause und formulierten ihre Strategie und Wahlkampfslogans. Darüber amüsierten sich Jungmayer und sein Freund Walter besonders. So hatte nämlich das ganze Land seinen Spaß an den Schwammeln.

Weitere Folgen

Hansi Klein

Hat keinen Bock mehr auf Tagesjournalismus. Nachdem er die Umtriebe der Schwammelpartei im Wahlkampfjahr beschrieben hat, widmet er sich jetzt dem neuen Chef im Land der Blauschürzen.
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Es ist Wahljahr und die Prognosen sind alles andere als rosig für die Großpartei. Da muss Hilfe her, koste es was es wolle. Der beste Wahlkämpfer aus dem Norden soll die Kohle aus dem Feuer holen: Harry Jungmayer, smarter Agenturchef mit dem Blick aufs Wesentliche. Lest auf BARFUSS Woche für Woche, wie es ihm erging im Land der Blauschürzen.

Wichtiger Hinweis: Es handelt sich hier um reine Fantasie des Autors. Ähnlichkeiten mit real existierenden Personen wären rein zufällig. Beim Entstehen dieser Fortsetzungsgeschichte wurden keine Tiere verletzt.

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