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Die Casting Show

Jungmayer läuft zu Hochtouren auf und das Casting für die blonden Performer des Wahlkampfsongs begeistert die ganze Schwammelpartei.

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Bild: Flickr, foilman
Harry Jungmayer genoss das Medienspektakel um die Gründung der neuen Arbeitnehmerpartei. Er las gerade den Leitartikel eines kahlköpfigen Redakteurs eines Wochenmagazins, der in ausschweifender Interpretation darüber schrieb, wie sich jetzt eine lang schon abzeichnende, nun definitiv stattfindende, soziologisch unausweichliche, proletarische Revolution im Land der Blauschürzen vollzog. Dabei kam bei Jungmayer das Almgrinsen zurück. Und als gäbe es eine karmische Verbindung, klingelte sein Handy und Walter Vorlackner, der Musiker von der Alm, war dran. 
 
„Servus Olter, alles Rottscher? Wollt dir nur sagen, dass i schon im Studio war, samt zwei supper Hasen mit geilen Stimmen. Alles im Kasten, tolles Produkt.“ Dann wurde Walters Stimme leiser und erklärte weiter, dass es da ein kleines Problem mit seinem Manager gebe, der gerade neben ihm stehe. Jungmayer bedankte sich und begrüßte den Manager.
 
„Jo Griassti! Bin der Jonny. Super Gschicht der Wahlkampfsong. Nur, der Walter hat sein Problem no nit wirklich im Griff und deswegen wärs sicher nit gescheid, wenn der Walter den Song performed. Verstehst eh wos i mein?“ Der Agenturchef drückte sein vollstes Verständnis aus und sagte dem Manager, dass er dem Walter viele weitere erholsame Wochen auf der Alm von Herzen gönne. Er verabschiedete sich von beiden mit der Überzeugung, dass er dafür schon eine Lösung finden werde. 
 
Kreative Problemlösung
 
Das war ganz klar ein Fall für das Landeshauptmannkandidatenteam. So stand es tatsächlich an der Tür des Sitzungsaales in der Zentrale der Schwammelpartei, das zum Großraumbüro umfunktioniert wurde. Unter den Mitarbeitern nannte man es schlicht den „Betriebskindergarten“. So weit ging der Agenturchef nicht. Für ihn waren es weniger Kindergartenkinder als Tanten. Dille-Tanten um genau zu sein. Die improvisierte Besprechung nutzte Jungmayer um einen weiteren, strategischen Hammer zu platzieren. Er spielte kurz auf seinem Tablet-PC die neue Stimmungshymne „Doppelspaß“ an und ließ damit auch die Berufsjugendlichen mit offenem Mund dasitzen. Nur ein überwältigtes „Wow“ hauchten sie und zeigten ihre Daumen hoch. Für mehr reichte ihre Sprachlosigkeit nicht. 
 
„Ich habe keine Mühen gescheut, bin bis an die Grenzen meines Bewusstseins gegangen und habe den Besten ins Studio gebracht. Das hier meine Damen und Herren ist das Ergebnis.“
Spontaner Applaus brannte auf und Jungmayer versuchte noch mehr Timbre in seine Stimme zu legen.
 
„Aber leider können wir dem Song, unserem Wahlkampfsong, kein Gesicht geben. Der große Entertainer und diese Engelsstimme, die Sie da hören, können nicht die Strapazen eines Wahlkampfes auf sich nehmen.“
 
Die Stimmung im Raum sackte merklich ab. Jetzt lief der Agenturchef zur Hochform auf.
„Aber! Politisches Kampagnenmanagement heißt auch: aus der Defensive heraus, kreativ das Ziel vor Augen, jede Situation zum Vorteil zu drehen." Jungmayer überlegte, ob er nicht, wie sein großes Vorbild, jetzt den Saal verlassen sollte, um nach einer kurzen Pause im weißen Bademantel zurückzukehren. Er verwarf die Idee, weil er das Gefühl hatte, in der Provinz aufzutreten.
„Darum, meine Lieben, machen wir es wie die Großen der Showbranche: Wir casten uns die Band!“
„Oh Madonna!" schlug die blonde Protokollführerin die Hände über den Kopf.
„Das wäre natürlich der perfekte Typ Frau. Wenn‘s geht a bissl jünger", reagierte Jungmayer.
 
Der Vorsitzende traute sich nun als erster, die abwartende Haltung der Runde zu brechen. „Das würde uns im besten Fall auch das Problem mit den letzten drei Kandidatenplätzen lösen …" Dabei blickte er den Kronprinz an, als wolle er ihm eine lästige Aufgabe übertragen. Dieser übernahm sie im spätjugendlichen Übereifer mit fliegenden Fahnen: „I kümmer mi, i kümmer mi! Die Band such i!"
Man beschloss sich in einer Woche zur ersten Vorauscheidung wiederzusehen. Erst als alle im Begriff waren, den Raum zu verlassen, merkte der ehrenamtliche parteiinterne Wahlkampfmanager, dass er das Ganze nicht wirklich verstanden hatte. „Praktisch machen wir sowas wie Boney M.? Wobei mir persönlich ABBA besser gefallen würde. Nicht wegen dem Lied Waterloo, das könnten wir auch gar nicht gebrauchen, aber wegen dem schwedischen Charme der Damen." Jungmayer blickte ihn leicht verstört an, während der Kronprinz ihm auf die Schulter klopfend dankte: „Super Idee!"
 
Die begeisterte Kandidatenvorstellung
 
Die Woche verging wie im Flug und Jungmayer war auf der Hinreise nach Südtirol zum ersten Mal fast sowas wie glücklich. In der Zentrale hatten die jungen Freiwilligen indes den Sitzungssaal umdekoriert. Vorne in der Mitte stand ein Tisch, an dem der Kronprinz, der große Vorsitzende und die Chefin der Frauenorganisation mit ihrem spröden Charme Platz genommen hatten.
 
Dem Jurypult gegenüber waren in rund drei Metern Abstand die Zuschauerstühle aufgestellt. Der  Platz dazwischen war wohl für die Casting-Anwärter vorgesehen. Harry Jungmayer kam wie üblich etwas „nach pünktlich" und ergatterte nur mehr einen Stuhl neben der Dame mit den hochtoupierten blonden Haaren. 
 
Der Kronprinz begrüßte die Anwesenden zur ersten Entscheidungsrunde und machte, seiner partizipatorischen Grundhaltung gemäß, keinen Hehl aus der Tatsache, dass nun seine Favoritin erscheine, die es absolut auf die Liste zu setzen galt. 
 
Die Tür öffnete sich, eine junge aparte Erscheinung betrat den Raum und stellte sich mit leichtem schwedischen Akzent vor. Ihr Name war Agnetha Watervogel. Als sie erzählte, dass sie neben ihrem Job im aufreibenden Betriebsansiedelungsgewerbe in einer Band spiele, war das Eis unter den Strategen gebrochen. Der Spitzenkandidat machte vor Entzückung einen spitzen Mund und sprach: „Wie das passt! Du hast doch sicher den Doppelpass?" Das musste das Mädchen mit den langen blonden Haaren leider verneinen. „Wurscht, kriegen wir hin", gab sich der künftige Landeschefchecker sicher.
 
Jungmayer kam nicht umhin, die Dame neben ihm zu fragen, wo der Kronprinz denn so plötzlich dieses Fräuleinwunder herhabe. „Aus dem Blondinen-Laden Südtirol“, keifte die Frau und warnte Jungmayer, dass es jetzt gleich noch heftiger würde. Der Chef der Schwedin habe sich nämlich auch angemeldet und stehe draußen. Der Agenturchef machte große Augen und fragte nach: „Auch blond?“ „Und wie!“, flüsterte die Dame ihm zu.
 
Die Spannung stieg. Dann öffnete sich die Tür und ein blonder, relativ jung wirkender, vor Selbstbewusstsein strotzender Mann kam zur Tür herein. Er trug jenes Outfit, das Elvis Presley 1976 bei seinem Auftritt in Las Vegas trug. Jungmayer schloss die Augen und war froh, in einer Partei mit christlichen Wurzeln zu sitzen, denn alle machten es ihm nach und dankten dem lieben Gott, dass draußen noch zwei Frauen saßen und die göttliche Vorsehung für die Frauenquote gesorgt hatte.

Weitere Folgen

Hansi Klein

Hat keinen Bock mehr auf Tagesjournalismus. Nachdem er die Umtriebe der Schwammelpartei im Wahlkampfjahr beschrieben hat, widmet er sich jetzt dem neuen Chef im Land der Blauschürzen.
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Schicksalsjahr der Schwammelpartei

Es ist Wahljahr und die Prognosen sind alles andere als rosig für die Großpartei. Da muss Hilfe her, koste es was es wolle. Der beste Wahlkämpfer aus dem Norden soll die Kohle aus dem Feuer holen: Harry Jungmayer, smarter Agenturchef mit dem Blick aufs Wesentliche. Lest auf BARFUSS Woche für Woche, wie es ihm erging im Land der Blauschürzen.

Wichtiger Hinweis: Es handelt sich hier um reine Fantasie des Autors. Ähnlichkeiten mit real existierenden Personen wären rein zufällig. Beim Entstehen dieser Fortsetzungsgeschichte wurden keine Tiere verletzt.

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