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Die Balzveranstaltung

Die Schwammelpartei feiert ihre alljährliche Landesversammlung als große Party. Unser Agenturchef nutzt die Gelegenheit und macht den ultimativen Kandidatencheck.

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Bild: Flickr, leoglenn_g
Schon die ganze Woche über herrschte rege Geschäftigkeit in der Zentrale der Schwammelpartei. Und am Ende der Woche war es endlich so weit: Die große Wahlkampfauftaktveranstaltung. Für Harry Jungmayer, den taffen Wahlkampfberater, klang das Ganze etwas eigenartig. Die Party trug einen Namen und hieß „Landesversammlung". Der Veranstaltungsort schien Jungmayer etwas zu „ehemals mondän“ und passte so gar nicht zu den vielen jungen Kandidaten mit ihrem „Ich-bin-ja-so-furchtbar-modern-Habitus“. Wurscht, dachte Jungmayer, die Burschen hier sind eh Weltmeister im Verbiegen. 
 
Am Samstagmorgen standen am Eingang zu diesem Jugendstilgebäude alle Kandidaten Spalier. Es schien so, als hätten sie Neigungsgruppen gebildet: Da stand die Gruppe der Bürgermeister eng beim Spitzenkandidaten, dort die Gruppe der Rest-Regierung. Dann eine ganze Reihe neuer Kandidaten, die noch etwas deplatziert wirkten. Dazwischen pendelte einer hin und her, der – so schien es – versuchte, die Truppe aufzuheitern. Dass er mit seiner Leibesfülle und seinen Körperhaltungen etwas pummelwitzig wirkte, schien ihn nicht zu stören. 
 
Jetzt kam aber der Auftritt des Dandy, der die Truppe etwas aufmischte. Er erschien mit seiner Assistentin, die sofort alle Blicke der Damen auf sich zog, weil sie wieder mal ihrem liebsten Hobby frönte: bekleidungstechnisch alle anwesenden Geschlechtsgenossinnen fad aussehen zu lassen. Ganz im Sinne ihres Blogs, der ihre Welt und ihren Horizont beschrieb. Ihr Chef schien es wohl deshalb als seine Aufgabe anzusehen, die Damenwelt entsprechend zu trösten und bot hierfür, unaufgefordert und moralisch unbegrenzt, seine entsprechenden Dienste an. Die meisten Anwesenden kannten ihn aber schon, das war wohl der Grund, weshalb er sich auf die Riege der neuen Damen, allen voran natürlich das schwedische Fräuleinwunder, stürzte.
 
Jungmayer und der Kandidatencheck
 
Jungmayer beobachtete die Szenerie aus der Distanz. Er saß in einem gegenüberliegenden Straßencafé. Da es nur mehr vier Wochen bis zur Wahl waren, dachte er sich, es ein guter Moment, um alle Kandidaten einzeln zu beobachten und vielleicht auch sowas wie eine innere Prognose zu stellen.
 
Als erster stach da ein großgewachsener junger Mann ins Auge, zu dessen Ausstrahlung sein Babyspeck im Gegensatz zu seinen gut 1 Meter 90 stand. Der schien aus der Wirtschaftsecke zu kommen, dachte Jungmayer. Unweit von ihm begann sich gerade der Dandy mit einem geschleckten und nach Verbandsheini oder „Lebenslangbeamten-Aussehenden“, lautstark über die Handelspolitik zu streiten. Der Geschleckte mit Brille sah irgendwie aus, als hätte sich ein Steuerberater in eine amerikanische Soap mit reichen und schönen Menschen verirrt. Er stellte andauernd nur Fragen. Das schien seine Strategie zu sein, wie Jungmayer auf seinem Twitter-Profil erkennen musste. Die Strategie erschloss sich ihm trotzdem nicht ganz. Als der Agenturchef die beiden Streithähne so betrachtete, dachte er daran, dass es gut möglich sei, dass das Riesenbaby der lachende Dritte werden könnte.
 
Unter den Damen fiel Jungmayer eine aus der Ferne recht jugendlich wirkende Mittfünfzigerin auf, die sich heute in einem roséfarbigen Zweiteiler präsentierte. Sie schien es nicht mehr zu wagen, im Dirndl zu erscheinen, seit sich die Kollegin aus Schweden auch immer wieder im Bergfräulein-Outfit zeigte und an den entscheidenden Stellen punktete. Gleich neben ihr stand eine Frau, die der Agenturchef zwar schon einige Male gesehen hatte, die ihm aber dennoch immer wieder einen leichten Schauer über den Rücken jagte. Ihr schwarzes, langes Haar und dazu dieser Blick ... Jungmayer lenkte seinen Blick sofort weiter auf die Dame im Dirndl daneben. Nicht die Schwedin, wie er sofort erkannte, sondern die Moderatorin, die mit ihrem Lächeln alle Zahnarztbekundungen, wonach nur eng stehende Zähne nett aussehen würden, Lügen strafte. Wird aber doch nicht allzu viel nutzen, dachte der Agenturchef, weil ihr „Wählerpotenzial"  zu wenig schien: Rustikal-ländlich-intellektuelle Kultur-Attitüde war eine seltene Mischung.
 
„Ausflipp Mobil! Nr. 5" 
 
Unter den Herren Kandidaten entdeckte Jungmayer etwas, das er im Jahr 2013 nicht mehr für möglich hielt. Da gab es tatsächlich einen mit Oberlippenbart. Vom Verhalten her erinnerte er den Agenturchef an den Bürgermeister der Ösi-Hauptstadt. Ein latenter Polterer, war sich Jungmayer sicher. Das muss der Chef der falschen Sozis sein, dachte der Agenturchef und beobachtete weiter die Geschehnisse.
Plötzlich schien alle die blanke Wut zu packen. Sie schauten alle in dieselbe Richtung. Weiter oben an der Straße tauchte ein weißer Lieferwagen auf, in dem eine Gruppe junger Mädels saß. An der Seite prangte eine riesige rote Aufschrift: „Ausflipp Mobil! Nr. 5" 
 
Der Wagen stoppte abrupt. Der Motor verreckte. Das Mädchen am Steuer öffnete das Fenster und schrie in Richtung der Kandidaten: „Neu starten!" Dann fuhr der Wagen weitere 20 Meter vor und stoppte wieder. Jetzt sprangen fünf Mädchen aus dem Wagen und begannen an die langsam eintreffenden Funktionäre Frühstücksgipfel zu verteilen. All das unter dem Argwohn von 34 giftenden Augenpaaren der Mitbewerber. 
Jungmayer nahm seinen letzten Schluck Kaffee und der dazu passende philosophische Gedanke begleitete ihn zur Veranstaltung: Er war unendlich froh den Motivationsspot mit dem Slogan „Wir wählen Südtirol" versehen zu haben. Denn „Kandidaten" zu wählen ist hier wirklich keine leichte Übung.

Weitere Folgen

Hansi Klein

Hat keinen Bock mehr auf Tagesjournalismus. Nachdem er die Umtriebe der Schwammelpartei im Wahlkampfjahr beschrieben hat, widmet er sich jetzt dem neuen Chef im Land der Blauschürzen.
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Schicksalsjahr der Schwammelpartei

Es ist Wahljahr und die Prognosen sind alles andere als rosig für die Großpartei. Da muss Hilfe her, koste es was es wolle. Der beste Wahlkämpfer aus dem Norden soll die Kohle aus dem Feuer holen: Harry Jungmayer, smarter Agenturchef mit dem Blick aufs Wesentliche. Lest auf BARFUSS Woche für Woche, wie es ihm erging im Land der Blauschürzen.

Wichtiger Hinweis: Es handelt sich hier um reine Fantasie des Autors. Ähnlichkeiten mit real existierenden Personen wären rein zufällig. Beim Entstehen dieser Fortsetzungsgeschichte wurden keine Tiere verletzt.

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