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Die „Gutmenschin“

Unsere Brigitte stellt sich die Frage: Was ist eigentlich ein Gutmensch?

Liebes Tagebuch,

was ist nicht alles passiert, seit ich mich das letzte Mal um dich gekümmert habe. Laut „Dolomiten“ scheinen wir kurz vor einem Bürgerkrieg zu stehen. An jeder Ecke lauern ausländische Schlägerbanden, die brave Einheimische aufmischen wollen. Da habe ich mich natürlich zu Wort melden müssen. Klar, ist ja Wahlkampf und das Thema können wir nicht den selbsternannten Patrioten überlassen, wäre ja noch schöner. Seither fliegt mir immer wieder das Wort „Gutmensch“ um die Ohren. Es ist ja nicht das erste Mal, dass ich das höre, ich bin ja Germanistin, Hispanistin und Skandinavistin. Mit Sprache kenne ich mich also aus! Was an dem Wort so schlimm ist, habe ich aber noch nicht ganz verstanden. „Gut“ ist schon mal ein sehr nettes Wort. Und was kann man schon gegen „Mensch“ haben? Ergibt zusammen: „Guter Mensch“. Habe mal bei Wikipedia nachgeschaut, und dort las ich: „Gutmensch ist sprachlich eine Verkehrung des ausgedrückten Wortsinns ‚guter Mensch‘ in sein Gegenteil, und gilt als politisches Schlagwort mit meist abwertend gemeinter Bezeichnung für Einzelpersonen oder Personengruppen (‚Gutmenschentum‘), denen ihr Attribut ‚Gutsein‘ oder ‚Gutseinwollen‘ als übertrieben oder naives Verhalten unterstellt wird.“ Mit „guter Mensch“ bin ich also schon mal richtig gelegen. Aber wie kann man „Gutseinwollen“ übertreiben? Und was daran ist naiv oder abwertend? Ich finde man kann gar nicht gut genug sein! Natürlich, ein bisschen daran glauben muss man schon – die Utopien sind bescheiden!

An meiner Verwirrung hatte sich nichts geändert, also habe ich weiter recherchiert und bin beim Online-Duden gelandet. Dort wird nicht mal gegendert: „Gutmensch, der“ – fertig! Da stellen sich mir die Nackenhärchen auf! Das habe ich erst mal verdauen müssen. Bei der Onlineseite von der „Tageszeitung“ habe ich „Gutmensch“ in das Suchfeld getippt und landete prompt bei Artikeln über Frei.wild. Meine ersten Bedenken bestätigten sich: Sogar die selbsternannten Retter von Moral und Werten scheinen Gutmenschen nicht zu mögen, das singen sie zumindest. Brigitte, da bist du richtig, ist es mir durch den Kopf geschossen. Die Finger sind dann nur so über die Tasten geflogen, ich bin von einer Seite zur nächsten gezappt. Ein Kampfbegriff der rechten Szene soll es sein, gleichzusetzen mit political correctness. Aha! Da haben wir es also: Die Braunen schon wieder! Machen so schöne Begriffe wie Gutmensch und politische Korrektheit einfach kaputt, trampeln mit ihren Springerstiefeln darauf herum. Das reicht, habe ich mir gedacht, jetzt erst recht: Ich, Brigitte Foppa, die politisch korrekte Gutmenschin mit ökosozialem Gewissen! Hier bin ich!

Apropos: Was sagst du eigentlich zu meinem neuen Look? Findest du die Perlenkette, die ich mir letzten Samstag umgehängt habe, zu spießig?

Magdalena Jöchler

lebt und werkelt in Wien. Sie erzählt gerne Geschichten, die hoffentlich auch gelesen werden. Nein, sie ist nicht mediengeil.
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Liebes Tagebuch

Die geheimen Gedanken unserer Politikerinnen. BARFUSS sind die Tagebücher von Ulli Mair und Brigitte Foppa zugespielt worden. Über die Echtheit besteht kein Zweifel ;-)

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