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Die „Ente“ muss weg

Was haben ein Telefongespräch mit Matteo Renzi und ein übergewichtiges Murmeltier mit dem Ende der Stiftung Vital zu tun? Die Politsatire klärt auf.

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Bild: Flickr/bmills

Die Bilanz-Inszenierung der ersten hundert Tage war zur Zufriedenheit des neuen Landeschefs abgelaufen. Besonders stolz war er darauf, dass er das leidige Pensionsthema zwar angesprochen, aber dazu nicht wirklich etwas gesagt, und es dann noch als versteckte Botschaft getarnt hatte. So gut, dass sie nicht erkannt wurde. „Nun mag es zwar sein, dass ein weißes Murmeltier mein ständiger Begleiter ist und nur ich es sehen kann“, dachte der neue Landeschef an diesem dämmernden Morgen Ende April. „Aber von schlechten Eltern bin ich definitiv nicht.“ Draußen am Hochplateau war ein Kuckuck zu hören, deren Laute unseren Helden der Macht wieder auf den Boden der Realität zurückholten. Dabei schoss ihm sofort das Thema Geld in den Kopf, weil er seit Wochen Angst davor hatte, dass der Gerichtsvollzieher die Eingangstür zu seiner Schwammelpartei versiegeln würde. Gott sei Dank war die Frage des Vorsitzenden vom Tisch. Das lag ihm seit Wochen auf dem Magen. Mit dem einzigen Kandidaten in Person des ehemaligen Geschäftsführers der Partei war garantiert, dass das Problem wenigstens stabil bleiben würde.
Das stellte Zufriedenheit her und ließ ihn über die nächsten Projekte nachdenken und dabei kam er immer wieder in einen gedanklichen Flow, der ihm ein Grinsen auf die Lippen zauberte und ein Gefühl verlieh, das alle Widrigkeiten dieses Jobs vergessen ließ. „Yes i konn“. Das fühlte sich gut an. So gut, dass er, weil er so im Fluss war, sofort an seinen nationalen charismatischen Zwillingsbruder, den Matteo, denken musste und kurzerhand entschloss ihn anzurufen.

„Pronto, khi ccazzo rompe a quest’ora”, stöhnte es in der unverkennbaren dialektalen Färbung aus dem Telefon.
„Sono io, i bin’s."
„Ouhh… amico mio, jetzt erkenn ich diche.“ Dem Toskaner kam natürlich seine Vergangenheit als studentischer Nachtwächter in einer Florentiner Jugendherberge mit dominant deutschsprachigem Besucherklientel zugute.
„Sai khi sono, erkennsch mi schun …“ vergewisserte sich der Neo-LH. „E chome no! Wenn einer den selbe Name hält wie unser Fluss in meiner cittá! Werde ich nie vergessen. Sai quante risate. Alles Ok? Wasse geht ab?“
„Naja“, antwortete der junge Mann aus dem Norden seinem Ministerpräsidenten, „viel zu reformieren halt“. Dann folgten einige Minuten des gegenseitigen Bedauerns über das Parallel-Schicksal, der schmalztriefenden Verständnisbekundung, abgerundet mit dem gegenseitigen Mutzusprechen. Am Schluss gelang es unserem Landeshauptmann sogar noch, einen kurzen Input aus dem geschäftigen und sich schon verabschiedenden Matteo herauszulocken. Er hatte in einem Halbsatz noch etwas von „ente inutile“ geplappert. Das wurde natürlich sofort notiert.

Der neue Landeschef dachte den ganzen Weg von zu Hause bis zur wöchentlichen Regierungssitzung über die Tragweite dieser Idee nach und natürlich auch über die grundsätzliche Bedeutung des Begriffspaares. Es beschäftigte ihn so sehr, dass er sogar in dem morgendlichen Willkommensgruß an die Kollegen sofort die Frage dranhängte: „Haben wir ente inutili im Lande?“.
Betroffenes Schweigen im Raum. Einer der anwesenden Landesräte war zugegebener Maßen etwas unaufmerksam, weil er gerade über sein Smartphone seinen Facebookfreunden zu danken hatte, weil sie ihn für die anstehende Oberschwammel-Wahl unterstützten. Gleich daneben saß ein kaum über die Tischkannte reichender italienischer Kollege, der nur kurz ansetzte, um etwas zu sagen, es dann aber wieder ließ, weil er vermutete, dass sein Gedanke medialen Druck auslösen würde.
Noch einen Stuhl weiter saß ein Herr mit Dreitagebart, der das Gesagte innerlich nochmal zu wiederholen schien und dabei nicht wirklich wusste, wie es einzureihen war. Zudem verwirrte ihn die Tatsache, dass der Mann mit dem gutmütigsten Politiker-Gesicht im Land der Blauschürzen und dem lustigen Akzent achselzuckend und grinsend neben ihm saß.
Bevor die Situation aber ins Peinliche zu kippen drohte, ergriff die einzige Frau im Raum das Wort mit dem eindeutigen Sager: „Ma pa mir ente, waas i nit? Hobmer eigentlich schun vorgsorg ass es ette war. Oder?“, und dabei richtete sie das Wort an ihren Vorgänger im Amt. Dieser verfiel aber just in dem Moment in eine Spontan-Amnesie. Was den Landeschef aber nicht sonderlich verwirrte, weil er soeben einen entscheidenden Hinweis erhalten hatte: „Vorsorge“.
 
Just in dem Moment, als dem Landeschef klar wurde, welche Einrichtung unnütz war, betrat ein Mann in einigen hundert Metern Luftlinie Entfernung stolz und frustriert mit der festen Absicht das Büro, es an diesem Tag allen zu zeigen. Wochenlang war er über einer Stellungnahme gesessen, die es in sich haben sollte. Lange schon ging ihm dieser Sparzwang auf den Geist und als einziger Experte des Landes für gesunde Prävention entschloss er sich, auf dem linksgedrehten Online-Sprungportal sein Manifest zu veröffentlichen. Er verstand den Text als Präventionsmaßnahme, falls seine Rolle bei der Förderung der Gesundheit von der neuen Führungselite im Lande wieder nicht richtig verstanden wurde.
Nach dem Drücken der Enter-Taste strich sich der Mann über sein kahles Haupt und wusste, dass er wohl das einzig Richtige getan hatte. Gleichzeitig legte sich in einem Haus knapp unterhalb des Symbolberges ein Murmeltier neben dem Kühlschrank, den es gerade geleert hatte, auf einem Papierstapel. Dabei fiel ihm eine Broschüre auf, die ihn zu mehr Bewegung animieren sollte. Anton das Murmeltier drehte sich auf seine Einschlafseite und murmelte etwas von Käse.

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