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Deutschland für alle

Warum man mit Anfang 30 noch demonstrieren sollte.

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Bild: Flickr, philippe leroyer

Früher, als ich noch in Bologna studiert habe, da gehörte demonstrieren zur Tagesordnung. So wie Teetrinken. Oder Mittagessen. Vormittags ein bisschen Uni, mittags Mensa, nachmittags ein bisschen demonstrieren, dann wieder ein bisschen Uni. Demonstrieren war cool. Ich demonstrierte gerne. Und gegen alles. Gegen Berlusconi. Gegen die Globalisierung. Dagegen, dass das Menü in der Uni-Mensa um zwanzig Cent teurer werden sollte. Mal fuhren wir nach Rom, um bei einer Gewerkschaftsdemo mitzulaufen. Mal nach Florenz. Demonstrieren war gut. Gut für die Welt. Gut für das eigene politische Gewissen.

Als ich später in Berlin studiert habe, habe ich auch noch manchmal demonstriert. Meistens hat mich ein Kumpel aus Kreuzberg mit auf Demos geschleppt. Wir demonstrierten gegen die Bebauung des Spreeufers. Gegen steigende Mietpreise. Für Asyl. Für die Legalisierung von Marihuana. Gegen Nazis sowieso. Manchmal hatten wir die Nacht in irgendwelchen Clubs durchgefeiert und wussten am nächsten Tag gar nicht mal genau, wogegen die Demo nun gerade wieder war, auf der wir mitliefen. Meistens eh gegen alles. „Scheiß Mensa! Scheiß Uni! Scheiß Staat“, hatte mein Kumpel als Lebensmotto auf seiner WG-Zimmertür kleben.

In Bologna, da war ich so 18, war Demonstrieren für mich ein politischer Akt des Widerstands. In Berlin, da war ich so 22, sah ich das alles lockerer. Draußen, in der kalten Luft ein bisschen durch die Gegend laufen, das tat gut gegen den Kater, den man noch von der durchzechten Nacht hatte. Wenn dabei nur nicht ständig einer seine Parolen durch den Lautsprecher gebrüllt hätte. Wenn da nur nicht dauernd der Krach von Ton Steine Scherben aus den Boxen gedröhnt hätte.

Nun bin ich über 30, demonstriert habe ich schon ewig nicht mehr. Unter der Woche arbeite ich, am Wochenende will ich meine Ruhe haben. Und ändern kann man eh nichts, denke ich mir. Und was soll das eigentlich, denke ich mir. Und wenn du mit 20 nicht links bis, dann hast du kein Herz, und wenn du mit 30 noch links bist, dann hast du kein Hirn – fällt mir ein. Das ganz normale Scheißleben packt einen, der Zynismus durchdringt einen, da bleibt für ein bisschen die Welt retten kein Platz mehr.

Aber in letzter Zeit sind Demos ja wieder in Mode. Nicht nur in Berlin, wo immer schon mehr demonstriert wurde als anderswo in Deutschland. Nein, überall. In Dresden demonstriert Pegida. Überall sonst Pegida-Gegner. Und in Berlin haben vor wenigen Wochen, ein paar Tage nach den Anschlägen von Paris, muslimische Verbände zu einer Kundgebung aufgerufen. Sie wollten Stellung beziehen gegen den Terror. 

Mich hat das schon immer gewundert, dass bislang in Deutschland kaum Muslime gegen den Terror auf die Straße gegangen sind. Schließlich sind es Muslime, die in aller Welt am meisten unter dem Terror zu leiden haben. Schließlich ist es ihre Religion, ihr Gott, ihr Glaube, den der Terror in den Schmutz zieht. Ich bin hin zum Brandenburger Tor. Es war regnerisch an dem Abend, es wäre zu Hause viel gemütlich gewesen, ich hätte die letzten Folgen von Homeland anschauen können. Mir war klar, dass das dort, am Brandenburger Tor, zwischen der amerikanischen und der französischen Botschaft, an dem Abend für einen Terroristen der beste Ort für einen Anschlag war – aber ich bin hin.

Um mich herum standen Frauen mit Kopftuch, alte Frauen und junge Frauen. Um mich herum standen türkische Männer. Sie alle standen da im Regen. Auch sie hätten zu Hause bleiben können. Auf der Couch. Sie hätten sagen können: „Was geht mich das an? Ich habe mit Terrorismus nichts zu tun. Nur weil ich Moslem bin, bin ich noch lange nicht in der Bringschuld, gegen den Terrorismus zu demonstrieren.“ Aber sie waren da. 

Joachim Gauck, der Bundespräsident der Republik Deutschland, sprach, und wir hörten ihm zu. Ich mag Gauck nicht besonders. Ich mag seine übereitle Art nicht. Aber da war diese besondere Stimmung. Es war leise. Kein Lautsprecher, keine Musik, keine Parolen. Nur die Nacht, das matt erleuchtete Brandenburger Tor, türkische Fahnen, deutsche Fahnen. Pace-Fahnen, Israel-Fahnen – und die Stimme des Präsidenten. Er sagte: „Die Terroristen wollten uns spalten, erreicht haben sie das Gegenteil. Sie haben uns zusammengeführt.“ Er sagte auch: „Wir schenken Euch nicht unsere Angst. Euer Hass ist unser Ansporn.“ Alle applaudierten. Nicht laut. Leise. Fast andächtig. 
Und dann sagte er noch: „Wir alle sind Deutschland.“ Und der türkischen Frau neben mir, sie musste so um die vierzig sein, liefen Tränen übers Gesicht.

Normalerweise fühle ich mich nicht als Deutscher. Ich habe keine deutsche Staatsbürgerschaft, ich brauche und will auch keine. Auch wenn ich schon seit zehn Jahren in Deutschland lebe: Als Deutschland im Sommer Weltmeister wurde, habe ich nicht mitgefeiert. Ich fühle mich als Südtiroler. Als meinen Präsidenten – ob mir das passt oder nicht – empfinde ich den italienischen. Aber an diesem Abend war das anders. An diesem Abend sprach Joachim Gauck auch für mich – als mein Präsident. Und ich war stolz auf mich, zum Brandenburger Tor gegangen zu sein. Und ich war froh, in dieser Stadt zu leben. In diesem Land. Inmitten dieser Menschen.

Lenz Koppelstätter

fühlt sich too old to young und too young to old. Außerdem lebt er in Berlin, wo er für Zeitungen und Magazine und an Buchprojekten arbeitet.
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Auch schon 30

Ab wann ist man eigentlich erwachsen? Wenn man mitternachts müde wird? Wenn einen 17-jährige Mädchen siezen? Wenn einen ständig die Sehnsucht packt, nach der Provinz, aus der man mal geflohen ist? Wenn alle um einen herum Kinder kriegen? Wenn man sich manchmal denkt: Scheiß doch auf alles, ich haue jetzt einfach ab! Unser Kolumnist Lenz Koppelstätter berichtet über die Tücken des Ü-30-Alltags.

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