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Der Volksaufstand

Der Neue ist noch nicht lange im Amt, schon schlittert er von einer Krise in die nächste. Zum Glück kann er aber auf seinen pelzigen Berater zählen.

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Bild: Flickr/gedankenstuecke

Es war wieder eine dieser kurzen Nächte. Um eins kam der Landeschef erst in die Kiste. Das Bett war wie fast jede Nacht mehr als halbvoll mit Kindern. Der Schlaf entsprechend unruhig. Und um 5 Uhr morgens wachte der Neue mit einem Druck auf der Brust auf. Ein 8 Kilo schweres Murmeltier ist nicht ohne. Er dachte zunächst schon an ein akutes Herzleiden. Was kein Wunder gewesen wäre nach diesem Albtraum. Der wenige Schlaf war mit heftigen konfusen Träumen beschwert. Da war ein Auftritt bei Bruno Vespa der nicht mal den Namen des Landeschefs aussprechen konnte. Da war plötzlich ein Volksaufstand gegen alle und jedem aus seinem Umfeld und keiner kannte sich mehr aus, worum es eigentlich ging.

Schweißgebadet blickte der schnell alternde Jung-Landeshauptmann auf ein Murmeltier das auf seiner Brust stand, ihm tief in die Augen schaute und einen Keks knabberte. „Shit, Anton … Kekse im Bett, das geht gar nicht!“ schnauzte er das Tier an. Die First-Landes-Lady, die sich an den äußersten zwölf Zentimetern der Matratze vor einem Absturz zu bewahren versuchte, blickte ihren Mann etwas verstört an und dachte: Mein Gott, wo soll das noch hinführen.

Krisenmanagement beim Frühstück
Anton hingegen dreht auf der Brust des Landeschefs mit den Worten um: „Ich hab‘ einen Vorschuss auf das Frühstück gebraucht.“ Wie immer halbarrogant seinen Hintern schwingend verschwand er in Richtung Küche. Der Landeshauptmann folgte ihm über den Flur und über etliche Legosteine, auf die er fluchend trat. In der Küche angekommen freute er sich aber schon wieder, weil Anton entgegen seiner sonstigen Gepflogenheiten, ein grandioses Frühstück hergerichtet hatte. Sein Mensch konnte nicht umhin zu sagen: „Du erstaunst mich immer wieder!“

Worauf Anton kurz und knapp sagte: „Hätte also doch das Zeug zum Politiker.“ Nach einer kurzen Kunstpause führte er weiter aus, dass das aber kein erstrebenswerter Job mehr sei. Sein Mensch konnte dem verschmitzt dreinschauenden Murmeltier weder widersprechen noch böse sein. Bei Marmeladebrot und Kaffee ging es nun ans Eingemachte. Nachdem Anton auf eine halbe Semmel eine zwei Zentimeter dicke Schicht Butter und darüber ein ganzes Glas Marmelade gelehrt hatte, tauchte er das Brot in seine Salatschüssel voller Kaffee. Begleitet mit den Worten: „Nun, du musst aufpassen, dass sie dich nicht miteintunken.“

Der Anblick war für den sonst so geschmeidig dreinschauenden Landespapi – so nannte ihn sein Jüngster neuerdings – alles andere als angenehm. „Wir haben da eine wilde Soß‘ beieinander. Glaubst du eigentlich auch an die Medien-Verschwörungstheorie?“, wollte der Landespapi vom Murmeltier wissen. Anton blickte zwar in seine Richtung, es fühlte sich aber an als ob er durch sein Gegenüber hindurch blickte. Er schien angestrengt nachzudenken. Plötzlich tauchte es seinen ganzen Kopf in die Kaffeebrühe vor ihm. Es spritzte durch die halbe Küche und natürlich auch aufs Pyjama seines Menschen.

Beim Auftauchen sprach das Murmeltier: „Siehst du, das ist dein Problem! Wer auch immer da dahinter steckt oder nicht, du kriegst die Kleckse ab!“ Der Landespapi begann grantig zu werden und murmelte etwas von: Wer so viele Kalorien verdrückt, könnte eine bessere Hirnleistung erbringen. Anton haute auf den Tisch, sodass nochmal Kaffee überschwappte. „Du musst jetzt endlich hart an die Sache rangehen!“, das Murmeltier spuckte sein Frühstück um sich. „Und komm jetzt bloß nicht wieder damit, dass du die Mehrheit in der Partei brauchst und im Landtag eh schon alles so knapp ist. Das kann ich alles nicht mehr hören!“

„Die Professori müssen her!“
Der Landespapi im Pyjama voller Kaffeeflecken blickte tief nach unten, während sein Chefstratege ihn alle Fehler des ersten Monats seiner Amtszeit schön säuberlich vor Augen führte. Die Situation wurde langsam unangenehm und es brauchte eine Idee, die das Volk im Lande und diesen nicht minder aufgebrachten Nager beruhigte. Nachdem sich der Politiker kurz in seine beschauliche Gemeindestube zurücksehnte, kam ihm plötzlich die italienische Lösung in den Sinn: „Die Professori müssen her!“
Während das Murmeltier mehr als unverständlich blickte, begann der Landespapi seinen Einfall zu erklären: Immer wenn es in Italien Krisen gab, sind die Techniker geholt worden. Uniprofessoren usw. Wir holen uns einfach einen solchen. Der soll es richten und es den Leuten erklären. Anton begann Gefallen an der Idee zu finden. Warum auch nicht?“, dachte er, ist schließlich bisher die einzige Idee. „Der Professor sollte“, führte der weiße Nager aus, „aber recht bodenständig wirken. Am besten wäre einer, der sich mit der Hochdeutschen Sprache schwertut. Der ein bissl redet wie ein Bauer im zweiten Bildungsweg.“

Genau so einer fiel dem Landespapi sofort ein. Das Problem war nur, dass der die ganze Suppe zu einem großen Teil miteinbrockt hatte. Also war die Idee schneller wieder verworfen als sie gekommen war. Das Murmeltier begann sich am Fell zu kratzen und laut aus seinem Wissensschatz zu zitieren: „Die Menschen urteilen im Allgemeinen nach dem Augenschein, nicht mit den Händen. Sehen nämlich kann jeder, verstehen können wenige. Jeder sieht, wie du dich gibst, wenige wissen, wie du bist. Und diese wenigen wagen es nicht, sich der Meinung der vielen entgegen zu stellen.“ Der Landeschef sah verwirrt auf das Murmeltier, dann auf seine Hände. Nicht der Funke von Erkenntnis, wohin sein Stratege hinwollte.

Anton hatte Mitleid und erklärte: „Macchiavelli.“ „Aha…“, bestätigte sein Mensch, kam aber nicht drauf, was sein Tier ihm konkret sagen wollte. Also beschloss er erstmal abzuwarten. Diese Idee fand er so gut, dass er seinen Kommunikationsmenschen – von denen er eine ganze Herde im Büro sitzen hatte – eine Nachricht schrieb: Für den Fall, dass heute einer aus meiner Mannschaft von einem unbezahlten Nebenjob zurücktreten möchte, bitte kommunziert`s, dass ich abwarten will.
Anton begann wegen dem unaufmerksamen Landespapi ein komisches Gefühl im Rückenfell zu bekommen. „Du denkst doch jetzt nicht ans Aussitzen?“
„Nein, auf keinem Fall“, windete dieser sich, „ich habe nur die Mannschaft avisiert: Anweisungen folgen.“ Dabei kam ihm schon langsam vor, dass er ein gutes Krisenmanagement fahre. Anton hingegen führte seinen Plan aus. Es war ein Plan, der von Rachefeldzügen des Wirtschaftsflügels handelte. In Allianz mit einem Medienhaus und der Tatsache, dass man sich das nur zu gut zum Steigbügel in uneingeschränkte Machtsphären machen könne. Sofern man das Richtige mache, lispelte Anton durch seine auffälligen Schneidezähne. Der Landespapi beschloss, zunächst bei seiner Strategie zu bleiben und zuzuschauen, wie sich die Parteigranden erstmal gegenseitig verräumten.

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