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Kommentar einer Lehrerin

Der Traum von einer Schule...

Wie könnte die ideale Schule ausschauen? Eine Südtiroler Lehrerin lässt uns zum Schulanfang an ihren Gedanken teilhaben.

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Lizenz: CC0
Bild: Pixabay, klimkin

„I have a dream“,
so begann Martin Luther King seine Rede, in der er von seinem Traum erzählte: Von einem Amerika, in dem Schwarze und Weiße gleichberechtigt und friedlich miteinander leben. Leider gilt der Prophet im eigenen Land nichts, und so bezahlte er für seinen Traum letztendlich mit dem Leben, wenn es auch ihm zu verdanken ist, dass sich mit der Zeit Einiges doch zum Besseren gewendet hat.
Auch ich habe einen Traum: Von einer Schule, in der

  • Lehrende und Lernende sich fair und wertschätzend begegnen, egal ob männlich oder weiblich, tätowiert, gepierct, schwarz oder weiß, deutsch oder italienisch oder welcher Muttersprache auch immer;
  • Bewegung, Kunst und Musik gleich viel wert sind wie die anderen, kopflastigen Fächer;
  • die Lehrenden die Stärken der Lernenden fördern, anstatt auf ihren Schwächen herumzuhacken;
  • morgens der Tag mit einer Stunde Bewegung freudvoll beginnt;
  • der Weg das Ziel ist und das Ziel für alle ein bisschen anders sein darf;
  • das Lernen in Form von fächerübergreifenden Projekten ausschließlich an der Schule stattfindet und nicht in Form von Hausaufgaben;
  • Noten überflüssig sind.


Wir sind weit davon entfernt, diesen Traum Wirklichkeit werden zu sehen. Vielleicht bin ich ja nicht die einzige, die diesen Traum träumt, also träumen wir ein bisschen weiter.
Die Schule beginnt am Morgen zwischen 8 und 9 Uhr, mit einer Gleitzeit, wie wir sie mittlerweile aus vielen Betrieben kennen. Diese erste Zeit können die Lerchen unter den Lernenden nutzen, um Bewegungsangebote wahrzunehmen, sich auf ihre Projektarbeit vorzubereiten oder einfach, um sich mit anderen auszutauschen und gemeinsam noch einen Kaffee in der schuleigenen Cafeteria zu trinken. Dann folgen zwei Blöcke von je zwei Stunden Projektarbeit an verschiedenen Themen, die immer mehrere Fächer umschließen. Anschließend haben alle die Möglichkeit, an der Schule ein richtiges Mittagessen einzunehmen – und warum sollten dann z.B. nicht wechselnde Schülergruppen am Projekt „Mittagessen“ arbeiten, mit allem, was dazu gehört: gesunde Ernährung, Einkaufen, Rezepte, Kochen …? Der Nachmittag steht dann soweit möglich im Zeichen praktischer Fächer, die Angebote umfassen wie Bewegung und Sport, Musik, Kunst, je nach Schultyp auch Handwerkliches, an denen Lehrende und Lernende sich gleichermaßen beteiligen können, evtl. mit einer „Pflichtquote“ von zwei Nachmittagen. Die Ergebnisse der Projektarbeiten werden nach Ablauf der vorgesehenen Zeit (z. B. zwei Wochen) präsentiert und diskutiert. Dann beginnt der nächste Zyklus. Oder so ähnlich …

Derzeit ist es doch eher so, dass den Lernenden oft in auch verletzender Weise immer wieder bewusst gemacht wird, wie schlecht sie in dem einen oder anderen Fach seien – und daran werden sie „gemessen“. Was sie gut machen, wird dagegen als selbstverständlich angesehen und nicht wirklich honoriert. Schon Seneca hat richtig erkannt: „Non vitae, sed scholae discimus“, doch der Spruch wurde später ins gerade Gegenteil verdreht und so überliefert.

„Es braucht Mut dazu, die Lernenden die Fächer nach den eigenen Neigungen wählen zu lassen, wie es in anderen Ländern schon der Fall ist.”

Es gibt Wissenschaftler, die davor warnen, alle über einen Kamm zu scheren und so für ein ziemlich nutzloses Mittelmaß zu sorgen: Jede Gesellschaft braucht in jedem Bereich Genies – mit Betonung auf „in jedem Bereich“! Das bedeutet, dass nicht alle gleich gut sein müssen in Mathe oder in Deutsch, weil nicht alle das in ihrem Leben und in ihrem Beruf brauchen werden. Wir Lehrende würden selbst dumm aus der Wäsche schauen, wenn wir heute in allen Fächern Top-Leistungen bringen müssten – zu viel haben wir nach der Matura schlicht und einfach nicht mehr gebraucht und daher vergessen. Dafür haben wir uns andere Fertigkeiten erworben, die wir in der Schule gar nicht gelernt haben. Stichwort „Wissenschaft“: Wozu um alles in der Welt geben wir Geld für wissenschaftliche Studien aus, wenn wir daraus nicht die längst fälligen Konsequenzen für die Praxis ziehen? Warum nicht endlich reagieren auf all die Untersuchungen, die beweisen, dass Sitzen krank macht und Lernen in Bewegung viel besser gelingt als im Sitzen? Wir zwingen unsere Kinder und Jugendlichen immer noch, stundenlang zu sitzen – damit erziehen wir sie in der Schule (!) zu einem äußerst ungesunden Lebensstil und verursachen all jene Krankheiten mit, die wir bezeichnenderweise als „Bewegungsmangelkrankheiten“ kennen!
Wir müssen mehr Mut zur Lücke beweisen. Es braucht Mut dazu, die Lernenden die Fächer nach den eigenen Neigungen wählen zu lassen, wie es in anderen Ländern schon der Fall ist. Damit würden wir die Stunden in der Schule sinnvoll nutzen, hätten motivierte, weil interessierte und vielleicht sogar begabte Lernende und könnten besser, weil entspannter arbeiten. In diesem Sinne träume ich davon, dass wir die Autonomie der Schulen, die immer wieder betont wird, endlich nutzen, um wichtige Dinge zu verändern und nicht nur um Fassadenkosmetik zu betreiben.

von Patrizia Gozzi, Sportlehrerin aus Bozen

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