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Der Runde Tisch

Wie „zwei Dinger“ der Schwammelpartei beim Runden Tisch zum Verhängnis werden und der Agenturchef langsam aber sicher die Nerven verliert.

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Bild: iStockphoto, bearbeitet
Nachdem nun endlich die Kandidatenliste mit allen 35 Namen feststand, konnte man die Vorkampagne der Schwammelpartei starten. Als der Agenturchef zum wöchentlichen Meeting über den Brenner kam, nahm er für einen Teil der Strecke die Landstraße, um zu sehen, wie die Sichtbarkeit des Lust-Sujets war. Mit jedem Plakat, dessen zentrale Elemente ihm fast in den Wagen hüpften, wurde Jungmayer zufriedener. Er bekam fast Lust, seinen Freund Walter auf der Alm zu besuchen, um die Sache gebührend mit Schwammelreis zu feiern. 
 
„Jetzt brauch ich nur noch einen coolen Sound“, dachte er und ließ den Sendersuchlauf seines Autoradios starten. Den ersten Sender kickte er sofort raus, das hörte sich wie diese Schmalthaler an. Der zweite Sender klang nach öffentlich-rechtlichem Morgenmagazin: „Die Parteien rüsten zum Wahlkampf. Als erste plakatiert die Mehrheitspartei ein ‚Lust auf Südtirol’. Das Bild dazu ist für die einen gut gewählt, aber für viele mehr als schlüpfrig. Jetzt hagelt es Proteste. Wir wollen der Sache auf den Grund gehen und laden zum Runden Tisch. Heute Abend diskutieren Frauenrechtlerinnen, Medienvertreter und der neue Landessekretär. Also schalten Sie ein um 20:20 Uhr."
 
„Oh!“, dachte Jungmayer, „das pfeift ja schneller als erwartet.“
Gleichzeitig mit dem Klingeln seines Handys dachte Jungmayer daran, dass der Landessekretär wohl intensiv gebrieft gehöre. Am Handy war dann auch ein Vorsitzender mit kalten Füßen zu hören, der genau dieses Briefing anmahnte. Der Agenturchef dachte aber sofort an die aphrodisierende Wirkung des Parteisekretärs und war damit eigentlich beruhigt über den Ausgang der Fernsehdiskussion. 
 
Die abendliche Live-Sendung
 
Am Abend war Jungmayer sehr genervt. Die vier Stunden Briefing, um zu erreichen, dass der TV-Duellant drei zentrale Botschaften intus hatte, waren energetisch ein Schlussverkauf. Deshalb machte es sich Jungmayer nun auf der Hotelcouch mit einem Glas von diesem leckeren Lagrein und seinem Tablet-PC gemütlich, um die Reaktionen in den Sozialmedien im Auge zu behalten.
 
Es lief noch ein Stück der Hauptabendnachrichtensendung, die auf den Agenturchef den Eindruck machte, als würde sie aus einem bulgarischen Schuhkarton ausgestrahlt. Der Moderator leitete gerade in getragener, fast schon zeremoniell staatstragender Art und Weise auf den nachfolgenden Runden Tisch über. Er machte dies im astreinen Norddeutsch aus dem Eisacktal und mit einem lausbübischen Lächeln, so als wüsste er mehr über dieses Land. Mehr als er hier je verkünden würde. Zum Abschied tippte er einhändig noch "sdrefdg" in die Tastatur, während sich das Studio abdunkelte.
 
Jetzt wurde es aber erst richtig heftig: Eine strohblonde Dame im schweinchenfarbenen Business-Zweiteiler begrüßte die Zuschauer, als ob sie eine Blutsverwandte des Parteivorsitzenden wäre. Nach einer kurzen, schon etwas weniger stockenden Begrüßungsrunde richtete die Moderatorin Herta Töpfer die erste Frage an den geladenen Zeitungsherausgeber: „Die Plakataktion der Mehrheitspartei soll – laut Pressebüro – die Lust der Bürger auf politisches Engagement und den Stolz auf das Erreichte bewusst machen. Wie sehen Sie das?“
 
„Naja“, antwortete der Herausgeber, begleitet mit nasaler, ausschweifend gestikulierender Noblesse. „Wenn das die Partei glaubt, wird es schon so sein. Auf jeden Fall sehe ich da nicht die ganzen Probleme, die viele zu sehen glauben. A bisschen mehr Lust und Frivolität kann ja nie schaden. Früher hat man das ja auch gezeigt mit den prallen Dirndl-Ausschnitten und den Burschen mit ihren kurzen knackigen Lederhosen. Das waren noch schöne Zeiten. Wobei es ja jetzt langsam wieder kommt, bei den Jungen. Mir wäre die Sache ja nicht einmal aufgefallen, wenn da nicht unser Chefredakteur so einen Pallino hätte mit diesen Sexualgeschichten. Aber alles kein Problem."
 
Herta Töpfer sah dem Zeitungsherausgeber zutiefst perplex ins Gesicht, weil all ihre vorbereiteten Vertiefungsfragen wohl ins Leere gehen würden. Sie versuchte die Kurve zum Chefreporter eines Wochenmagazins zu kratzen. 
 
„Herr ..." Ihr fiel der Name partout nicht ein. Harry Jungmayer, der noch wegen dem Statement des Zeitungsherausgebers fest am Grinsen war, erkannte ihn aber vom Leitartikel vergangener Woche wieder. Der Chefreporter preschte in seiner stürmischen Midlife-Crisis-geprägten Art vor, ohne dass eine Frage nötig war: „Da haben sich die Parteistrategen sicher gedacht: Wir brauchen so etwas wie positive Ablenkung. In Wirklichkeit merkt man, dass hier ein System kollabiert und immer, wenn ein System kollabiert, will man es nicht wahrhaben. Das ist hier auch so. Das System versucht jetzt systematisch abzulenken, indem es uns schöne Bilder vorsetzt." 
 
In ein anderes Licht gerückt
 
Plötzlich wechselte nach einem kurzen Blackout komplett das Licht im Studio. Die Lichtanlage musste wohl defekt sein und tunkte alles in ein Rotlicht. Was den Zeitungsherausgeber zu einem schallenden Lachen verleitete: „Das ist jetzt das passende Licht zum Thema!“
 
Die Moderatorin wurde leichenbleich, was man trotz der schwierigen Lichtverhältnisse gut erkennen konnte. Der eben gehörte Satz war für die geladene Grand Dame der Frauenrechte im Land Anlass genug, den Zeitungsherausgeber beim Vornamen zu nennen und maßzuregeln. Ihr Problem in der Diskussion war natürlich die Tatsache, dass sie selbst Abgeordnete der Schwammelpartei war. Jungmayer begann sich köstlich über das Spektakel zu amüsieren. 
 
Frau Oberthaler, die kämpferische Anwältin für alle Frauenbelange, schob alle Schuld der fehlenden Sensibilität der Machos der Parteileitung zu. Dabei setzte sie ihr über Jahrzehnte antrainiertes „Ich-bin-die-verwöhnte-und-stinkbeleidigte-Tochter-eines-Papis-der-euch-alle-kaufen-kann-Gesicht“ auf.
Das Stichwort Parteileitung war ein Rettungsanker für Herta Töpfer. Sie ergriff lautstark das Wort, um es an den Landessekretär zu richten. Dabei wurde ihre Stimme sanfter, fast so als würde sie flirten. 
„Herr Landessekretär, was sagen sie denn zu diesen Vorwürfen? Ablenkung und mangelnde Sensibilität?“
 
Der Parteisekretär räusperte sich zweimal und sprach sehr langsam und bedacht. „Schauen Sie, wir haben zwei ganz klare Vorstellungen in der Partei: Einmal wollen wir, dass es den Menschen gut geht im Land ...“ Jungmayer war richtig stolz auf den von ihm Vorbereiteten. „Und zum zweiten ...", sprach der langsam ins Schwitzen kommende Sekretär weiter, „äh zweitens, wollen wir, dass die Leute einfach wieder Lust kriegen auf diese Dinger."
 
Herta Töpfer hatte just in diesem Moment eine Viertelsekunde lang einen Anflug von Aufdeckungsjournalismus und fragte mit einem unglaublich emotionslosen Gesicht: „Welche Dinger?“
Der Parteisekretär blickte kurz nach oben, dann nach unten, dann nach rechts und nach links. Jungmayer vor dem Fernseher dachte „Bitte Bursche, mach jetzt keinen Schaas“ und krallte seine rechte Hand in ein Sofakissen.
 
Dann sagte der Landessekretär der Schwammelpartei einen einfachen Satz: „Ja, Lust auf diese zwei Dinger halt.“
 
Jungmayer drückte sich das Kissen ins Gesicht, biss mit voller Wucht hinein und schrie sich die Seele aus dem Leib.

Weitere Folgen

Hansi Klein

Hat keinen Bock mehr auf Tagesjournalismus. Nachdem er die Umtriebe der Schwammelpartei im Wahlkampfjahr beschrieben hat, widmet er sich jetzt dem neuen Chef im Land der Blauschürzen.
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Schicksalsjahr der Schwammelpartei

Es ist Wahljahr und die Prognosen sind alles andere als rosig für die Großpartei. Da muss Hilfe her, koste es was es wolle. Der beste Wahlkämpfer aus dem Norden soll die Kohle aus dem Feuer holen: Harry Jungmayer, smarter Agenturchef mit dem Blick aufs Wesentliche. Lest auf BARFUSS Woche für Woche, wie es ihm erging im Land der Blauschürzen.

Wichtiger Hinweis: Es handelt sich hier um reine Fantasie des Autors. Ähnlichkeiten mit real existierenden Personen wären rein zufällig. Beim Entstehen dieser Fortsetzungsgeschichte wurden keine Tiere verletzt.

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