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Der Mechaniker Beatrice

Sie sind Italiens erstes verheiratetes Frauenpaar: Beatrice und Marianna.

Schon bei ihrem Eintritt in den Saal des Teatro Studio des Auditoriums von Rom tobt die Menge. Die Premiere des Dokumentarfilms „Fuoristrada“ steht an und die Hauptprotagonistin schreitet in einem glänzenden, blauen Kleid über den roten Teppich. Kurz erinnert sie mich an ein verpacktes, wandelndes Osterei. Eine blonde Frau hält sich an ihrem starken Arm fest und schützt dann ihre nackte Schulter ganz schnell mit einem schwarz-weißen Wollumhang vor der Kälte. Beatrice heißt die 60-Jährige (pardon, ich weiß, dass es nicht besonders galant ist, das Alter einer Dame zu verraten), und es ist kaum vorstellbar, dass Beatrice normalerweise ihre Zeit in einer blauen Latzhose in ihrer Werkstatt in Rom mit Motoren und Karosserien verbringt.


Doch das ist bei weitem nicht alles, was diese Mechanikerin zu erzählen weiß. Ihre große Leidenschaft gehört den Geländewagen. Rallyes mit viel Schlamm und Erde sind ihre Spezialität, je steiler oder höher es rauf geht, umso glücklicher düst Bea über Stock und Stein. Hürden überwinden, das kann sie am besten. Die größte Hürde hat sie 1995 überwunden, als sie den Mut aufbrachte, zu Beatrice zu werden. Beatrice war bis dahin der Mechaniker und Rallyefahrer Pino. Doch irgendwann hat sie den Mut gefunden, ihr Leben so zu leben, wie sie sich fühlte. Als Mann war sie im falschen Körper, auch wenn sie auf ihr männliches Geschlecht nicht verzichten will. Eine Operation kommt für sie nicht in Frage, denn nicht eine Vagina mache eine Frau zur Frau, sondern ihre Identität, erzählt sie strahlend.


Viele Kunden ihrer Werkstatt haben den Übergang von Pino zu Beatrice nicht akzeptiert und sich einen anderen Mechaniker gesucht. Doch mittlerweile hat Beatrice wieder einen festen Kundenstab, der ihr die Treue hält. Kaputten Fahrzeugen ist es schließlich egal, von wem sie repariert werden, solange sie dann wieder problemlos fahren.


2003 trifft sie der Pfeil Amors, als sie die neue Pflegekraft bei einem Besuch ihrer Mutter sieht. Liebe auf den ersten Blick ist es auch für Marianna. Die Rumänin hat keine großen Fragen gestellt und liebt Bea so wie sie ist. Als die beiden Frauen vor einigen Jahren vors Standesamt eines Dorfes in der Nähe von Rom ziehen, weigert sich die Bürgermeisterin, die beiden Bräute zu trauen. Doch den Papieren nach heißt Beatrice noch Giuseppe della Pelle, Geschlecht männlich, und so hilft auch kein bigotter Protest der Politikerin, diese Hochzeit kippen zu wollen. So werden Beatrice und Marianna de facto zum ersten verheirateten Frauenpaar des Stiefelstaates.


Diese kraftvollen Frauen, die mit ihrer herzlichen Ausstrahlung im Handumdrehen das Premieren-Publikum des Festivals für sich erobert haben, lachen nach der Vorführung mit Tränen in den Augen. „Dank dieses Films konnten wir unsere Liebe öffentlich machen und allen zeigen, dass es uns gibt und dass wir glücklich sind“. Tosender Applaus und dutzende Nachfragen, wo die kaputten Autos und Motorini der Festivalbesucher in Zukunft zur Reparatur gebracht werden können.

Gustav Hofer

lebt und arbeitet als Journalist und Filmemacher in Rom, doch ein Koffer steht immer abreisefertig. Was er dort mag: die Schönheit der Stadt, das Licht, die Menschen. Was er vermisst: die frische Bergluft, die Mehrsprachigkeit und den Apfelstrudel seiner Mutti.
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