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Der Lausbub

Der schwedische Blondschopf Michel ist im Mai 50 Jahre alt geworden. Mit Schweinchen und Suppenschüssel sorgt er aber immer noch für Lacher.

Wie vom Teufel geritten jagt der Vater hysterisch schreiend den kleinen Michel über den Hof und sperrt ihn im Tischlerschuppen ein – ach wie haben wir uns darüber kaputtgelacht! Der Michel hat nur Unfug im Kopf, das ist weit über sein Heimatdorf Lönneberga in Schweden hinaus bekannt. Was dem Jungen aber auch alles einfällt: Er zieht seine kleine Schwester Ida an dem Fahnenmast in gefährliche Höhe, stülpt sich die gute Suppenschüssel so fest über den Kopf, dass er nicht mehr rauskommt, und schmeißt ein Festessen für die Leute aus dem Armenhaus – und braucht somit die gesamten Vorräte seiner Familie auf. Als Vater kann man sich darüber ja nur schwarzärgern.


Heute würde man den Michel wegen seines Benehmens vielleicht zum Kinderpsychologen schicken. In der 13-teiligen TV Serie „Michel aus Lönneberga“, nach dem Roman der berühmten Kinderbuchautorin Astrid Lindgren hingegen, sammeln die Dorfbewohner Geld, um ihn nach Amerika zu schicken. Das schien Ende des 19. Jahrhunderts, als Michel Svensson mit seiner kleinen Schwester Ida, seinen Eltern, seinem besten Freund Knecht Alfred und der Magd Lina auf dem Katthulthof wohnt, die beste Lösung zu sein. Eigentlich hat der Michel aber nur die besten Absichten und ist ein herzensguter Junge, leider geht dabei so manches schief – und er landet immer wieder beim Holzmännchenschnitzen im Tischlerschuppen.


Den Michel haben wir Astrid Lindgrens Enkel zu verdanken. Um das weinende Kind zu beruhigen, erzählte sie ihm die Geschichte von Michel aus Lönneberga – und es hat funktioniert. Am 23. Mai 1963 notierte sie die ersten Worte über den Lausbub in ihr Tagebuch, und so nahm die Geschichte ihren Lauf. Die Michel-Bücher haben eine Auflage von über drei Millionen Stück erreicht und wurden in 52 Sprachen übersetzt. Im Jahr 1972 wurde die schwedisch-deutsche Fernsehserie „Michel aus Lönneberga“ in Smaland gedreht. Im Original heißt der Michel aber Emil. Aber die deutschen Kinder hatten schon einen Helden mit demselben Namen, nämlich den Emil aus „Emil und die Detektive“.


Zeit ihres Lebens betonte Lindgren stets, dass der Michel einen besonderen Platz in ihrem Herzen habe. Vielleicht lag es daran, dass sie in Michel viele Erinnerungen aus ihrer Kindheit und an ihren Vater steckte. Der Hof Gibberyd, auf dem die Außenaufnahmen der Serie gedreht wurden, ist heute noch original erhalten. Die charakteristischen roten Häuschen, der Tischlerschuppen und die Fahnenstange stehen nach wie vor dort und können besichtigt werden – Souvenirshop inklusive.


Und was machen die Darsteller der Serie heute? Der Michel, gespielt von Jan Ohlsson, hat sich nach zaghaften Schauspielversuchen in seiner Jugend komplett aus dem Showgeschäft zurückgezogen. Er arbeitet heute als Systemtechniker, gibt keine Interviews und möchte nicht mehr mit seiner Kindheitsrolle in Verbindung gebracht werden. Auch Lena Wisborg alias Ida lernte einen handfesten Beruf, sie ist heute Designerin. Die älteren Darsteller der Serie hingegen waren vor und auch nach der Michel-Serie in Schweden erfolgreich im Schauspielgeschäft tätig.

Julia Lanthaler

Hat ihre halbe Kindheit vor dem Fernseher verbracht, ist jetzt ständig online und würde ihre Zwergkaninchen gegen nichts auf der Welt eintauschen.
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