Anzeige

Der Kaffee-Komplex

Schnell einen Kaffee? Das geht in Berlin nicht. Der Geschmack der Heimat – Teil 2

5867895267_0b95db28e6_b.jpg

Bild: Flickr, INeedCoffee.com

Letztens am Flughafen von Verona. Der Papa von einem Freund, der auch in Berlin lebt, holt uns ab. Der Papa sagt ein paar Worte, bei denen ich sofort merke, so, jetzt bist du wieder zu Hause. Er sagt: „Hallo, griaßt enk. Dai, gean mr schnell an Kaffee trinken.“ Wir stellen uns also an die Bar, bestellen „tre caffè“, was ganz selbstverständlich bedeutet, dass wir Espresso meinen, zwei Schlücke, das war's. Willkommen in der Heimat.

In Berlin ist das komplizierter. Viel, viel komplizierter. Einfach schnell irgendwo einen Kaffee trinken, das geht hier nicht. Es gibt hier zwar überall Kaffee, aber fast nirgends schmeckt er mir. Mittlerweile habe ich in jedem Stadtviertel eine Espresso-Bar ausfindig gemacht, wo er mir halbwegs schmeckt, die Suche hat aber sehr lange gedauert. Wenn die Berliner Kaffee trinken wollen, dann lange und viel. Es gibt Berliner, die bringen ihren Kaffee morgens in einer Thermoskanne mit zur Arbeit und trinken ihn dann tagsüber. Sie trinken mehr Kaffee als ich Wasser trinke. Es gibt Berliner, die setzen sich einen ganzen Tag lang ins Café, bestellen einen Cappuccino und arbeiten acht Stunden lang mit ihrem Mac an ihren sogenannten Projekten.

Als ich noch in Bozen gearbeitet habe, war ich irgendwann kaffeesüchtig. Weil man im kleinen Bozen anstatt lang zu telefonieren sich lieber in der Sportler-Bar auf einen „schnellen Kaffee“ trifft. Ich habe mich bald über zehn Mal am Tag mit irgendwem auf einen „schnellen Kaffee“ getroffen und konnte nachts nicht mehr schlafen. Nach einiger Zeit musste damit Schluss sein, deshalb habe ich von da an abwechselnd Kaffee und Spuma bestellt, das hielt sich dann die Waage. (Spuma! Übrigens auch so ein Heimatgeschmack. Irgendwann habe ich hier in Berlin im Supermarkt Almdudler entdeckt. Das schmeckt zwar nicht genauso wie Spuma, aber zumindest so ähnlich. Almdudler ist mein Spuma-Valium.)

Meinen Kaffee-Komplex habe ich von meiner Mutter. Wenn meine Mutter bis spätestens um elf Uhr vormittags keinen Espresso getrunken hat, ist sie den ganzen Tag nicht ansprechbar. Meine Mutter kennt in jedem Bezirk in Südtirol die Bar, in der der Kaffee am besten schmeckt. Sie weiß in meinem Heimatdorf, welche Bar welche Kaffeebohnen benutzt. Meine Mutter fährt manchmal auf die Autobahn rauf, um an der Raststätte ihren Kaffee zu trinken. Da schmecke er am besten, sagt sie, weil die Maschine rund um die Uhr läuft. Raststätte rein, schnell einen Espresso im Stehen, weiterfahren.

Zwei Schluck Kaffee im Stehen, das verstehen die Berliner nicht. Sie wollen sich hinsetzen, mindestens eine Stunde sitzen, dazu trinken sie einen „Latte Matschiatto“, einen Chai Latte oder einen Cappuccino mit Schaum, alles wahlweise mit Sojamilch oder koffeinfrei. Wenn ich hier einen Espresso bestelle, dann kostet der meistens zwei Euro, die schwarze Brühe ist lauwarm, dafür ist die Tasse bis oben hin gefüllt. Wahrscheinlich meint es der Typ hinter der Bar gut mit mir. So wenig Kaffee für zwei Euro, dann mache ich ihm zumindest die Tasse bis oben hin voll.

Es ist ein Graus.

Lenz Koppelstätter

fühlt sich too old to young und too young to old. Außerdem lebt er in Berlin, wo er für Zeitungen und Magazine und an Buchprojekten arbeitet.
Anzeige

865 Kilometer

Rund 865 Kilometer sind es von Bozen nach Berlin. Lenz Koppelstätter, Südtiroler in Deutschlands Hauptstadt, geht dorthin, wo was los ist und schreibt dort davon, was kurios ist. Kurz: Er berichtet über den ganz normalen Wahnsinn der Großstadt.

Mehr Artikel
Anzeige

Hinterlasse einen Kommentar

Toller Bericht ;-) , wenngleich er mich sehr amüsiert ...

die meisten Süd-Tiroler trennen sich in der "Heimat" klar ab von der Italienischen Kultur, sind sie dann in Deutschland, dann wollen sie die italienischsten Italiener sein ;-) ...

Ich empfehle "Die Espressonisten" in Potsdam..
da funktioniert sogar der Spruch "tre caffè" und das trinken am "banco"! ;)
Liebste Grüße aus der Nachbarstadt

http://www.espressonisten.de/

Nach einem Jahr Erasmus in Südtirol und gefühlten 20 Espressi am Tag, kann ich dem Autor nur vollkommen zustimmen. Ich lebe mittlerweile wieder in Dresden, aber auch hier gibt's das gleiche Problem. Zwar habe auch ich meine "Inseln der Glückseligkeit" hier gefunden, die den Espressogenuss zu etwas besonderem, weil nicht permanent verfügbar, machen, die deutsche Ersatzdroge bringt mir bis heute aber nicht den in Südtirol erlebten Genuss, sondern lässt mich ähnlich wie die geschilderte Mutter durch den Alltag schleichen. Ich habe mit einem Bekannten sogar schon rumgesponnen, ob eine eigene Espressobar nach südtiroler bzw. italienischem Vorbild Sinn machen und sich rentieren würde, aber Deutschland, mussten wir leider feststellen, hat eine vollkommen andere Kaffeekultur

Umberto Eco hat genau dieses Beispiel in einem seiner Bücher über Übersetzungen und sprachen genannt.

ich hab längere Zeit in Spanien gelebt und hab darunter gelitten, dass es eigentlich keine Kaffees gab in denen man wirklich längere Zeit abhängen konnte. Grad im Winter, wenn es auch in Spanien oft kühl, feucht und ungemütlich ist (auch in den eigenen vier Wänden), hab ich ein angenehm warmes Kaffeehaus sehr vermisst - davon gab es leider kaum welche. Es gab stattdessen jede Menge kleine Kaffees mit mittelmäßigem Kaffee, mit offenen Türen, damit die Leute (und auch die Kälte) auch reinfinden, mit engen Tischen an denen man kaum die Füße ausstrecken konnte, und sobald der Kaffee ausgetrunken war, wurde man vom Kellner schon schief angeschaut, damit man so schnell wie möglich verschwinden möge. Seitdem weiß ich die österreichische (oder nordische) Kaffeehauskultur sehr zu schätzen. Im Grunde vermisst man eh immer das, was man grad nicht hat (Vor allem auch die Kuchen und Torten die es in einem schönen Kaffeehaus zuhauf gibt)

Mehr Artikel

Scream

Dreckig und laut: Die Punkrock-Band „Heating Cellar“ lässt sich vom Grunge inspirieren.
 | 
Interview mit Bergretter

Ein Restrisiko bleibt

Mit jedem Winter folgen Nachrichten über neue Lawinenunglücke. Siegi Patscheider ist selbst begeisterter Skitourengeher und weiß als Bergretter, wo die Gefahren lauern.
0    
 | 
Erinnerung

Pfiati, Opa!

Der Tod eines Familienmitglieds ist in Zeiten der Pandemie eine besondere Herausforderung. Unsere Autorin über den Abschied von ihrem Großvater.
0    

„Du hast nichts mehr im Griff"

Er ist jung und sportlich. Doch nach einer Corona-Erkrankung kommt Daniel Bedin auf die Intensivstation des Bozner Krankenhauses.

„Es fühlt sich an wie ein Extremsport“

Bernd Andergassen ist Facharzt für Anästhesie und Intensivmedizin. Er hilft auf der Covid-19 Intensivstation in Bozen mit. Filmemacher Andrea Pizzini hat ihn mit der Kamera begleitet.
Anzeige