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Das Ziel ist das Ziel

Berlin ist die schnellste Stadt der Welt – auch Südtiroler laufen hier Marathon.

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Bild: Flickr, mike.kaden
Am vergangenen Wochenende hat der Kenianer Wilson Kipsang in Berlin einen neuen Marathon-Weltrekord aufgestellt. Nach zwei Stunden, drei Minuten und 23 Sekunden ist er durchs Ziel gelaufen.
 
Vor ein paar Jahren bin ich auch den Berlin Marathon gelaufen. Ich habe eine Stunde und noch ein paar Minuten länger gebraucht als Kipsang. Es war sehr heiß damals und sehr anstrengend. Der Weg ist das Ziel, haben sie mir vorher gesagt. Genieße einfach die Strecke, haben sie gesagt. Und: Wenn du einmal einen Marathon gelaufen bist, willst du immer wieder einen laufen. Stimmt alles nicht. Spätestens nach der Hälfte des Weges wollte ich einfach nur noch eines: endlich im Ziel sein. Noch einen Marathon laufen? Muss nicht sein. 
 
40.000 Teilnehmer waren am vergangenen Wochenende in Berlin wieder am Start, eine Million Zuschauer feuern selbst die Läufer noch an, die Stunden nach den schnellen Kenianern ins Ziel kommen. Das ist eigentlich untypisch für Berlin. Berliner lassen sich normalerweise nicht so schnell aus der Ruhe bringen. Begeisterung für etwas zeigen, das ist nicht unbedingt die Berliner Art. 
 
Diese Berliner Zurückhaltung, das lieben zum Beispiel Promis so sehr an dieser Stadt. George Clooney oder Brad Pitt flanieren hier einfach so die Straße lang, und keiner schert sich darum. Letztens saß ich mittags in einem Lokal, am Tisch nebenan saß Micheal Stipe von R.E.M., der in einem Plattenhochhaus eine Penthouse-Wohnung hat. (Plattenhaus-Penthouse-Wohnungen, in denen früher Stasi-Mitarbeiter in den Westen rüber spähten, sind gerade total en vogue in Berlin, nicht zu unrecht, man hat dabei einen phantastischen Blick über die Stadt.) Micheal Stipe saß also am Tisch gegenüber, löffelte eine vegane Karottensuppe und wurde von keinem einzigen Dürfte-ich-vielleicht-ein-Foto-mit-Ihnen-machen-Menschen belästigt.
 
Beim Marathon, wie gesagt, ist das anders. Da sind die Berliner voller Emotion dabei. Keine Ahnung, warum. Die Berliner stehen irgendwie auf Marathon. Es macht Spaß, einfach nur die Strecke entlang zu spazieren und den Zuschauern beim Anfeuern zuzuschauen. Der Berliner Marathon ist gemeinsam mit dem in New York einer der beliebtesten der Welt. Außerdem gilt die Strecke als besonders schnell, weil man anders als in New York über keine Brücken laufen muss. Die Berliner Strecke ist total flach. 
 
Damals, vor ein paar Jahren, bin ich gemeinsam mit der Südtiroler Lauflegende Toni Ritsch angetreten. Toni ist mittlerweile 75 Jahre alt, 41 Marathons ist er in seinem Leben gelaufen. 1970 wurde er Italienmeister, zwei Mal hat er den Marathon in München gewonnen. 
In Berlin ist Toni bei der Hälfte der Strecke ausgestiegen. Ihm war es zu heiß, er brauchte niemandem mehr etwas zu beweisen, er hat in einem Biergarten bei einem Weißbier auf mich gewartet. 
 
Wie gut es tut, so wie damals mit Toni, ab und zu ein paar Stunden Dialekt zu sprechen. Am nächsten Morgen ist er zurück nach Verona geflogen, mich hat mein Berliner Alltag wieder eingeholt. Nach zwei Tagen war dann auch der Muskelkater endlich weg. 

Lenz Koppelstätter

fühlt sich too old to young und too young to old. Außerdem lebt er in Berlin, wo er für Zeitungen und Magazine und an Buchprojekten arbeitet.
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865 Kilometer

Rund 865 Kilometer sind es von Bozen nach Berlin. Lenz Koppelstätter, Südtiroler in Deutschlands Hauptstadt, geht dorthin, wo was los ist und schreibt dort davon, was kurios ist. Kurz: Er berichtet über den ganz normalen Wahnsinn der Großstadt.

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Hinterlasse einen Kommentar

Hallo Lenz !
Super Artikel, konn mi no erinnern , wor pearig mit dir und Toni domols in Berlin.
Mochs guet und vergiss insern dialekt nit !
Servus Alfred

Hallo Alfred,
danke! Schön von dir zu hören.
Beste Grüße und grüße mir alle Lauffreunde,
Lenz

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