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Das rote Häuschen

Junge Aktivisten bieten eine Alternative zu einer Gesellschaft, die in Angst lebt.

An einem dieser heißen römischen Sommertage, an denen das Thermometer locker die 40 Grad im Schatten erreicht, suchen jene, die nicht das Glück hatten, die Stadt zu verlassen, Orte auf, die die Hitze vergessen lassen. Zuletzt bin ich im einstigen Arbeiterviertel „Garbatella“ gelandet, einer Wohnanlage aus den 1920er-Jahren mit riesigen Innenhöfen, um die herum die Wohnungen der Arbeiterfamilien erbaut wurden.

Angrenzend in einem kleinen Park steht die „Casetta Rossa“, das rote Häuschen. Der Name ist Programm. Unter Schatten spendenden Pinien scharen sich bunt bemalte Tische im Freien, Kinder laufen entzückt daran vorbei, während die Erwachsenen in der Warteschlange stehen. Wer hier essen will, der reiht sich ein. Die Atmosphäre ist heiter, die Gesprächsbereitschaft der Gäste groß – Schlange stehen gehört hier zum Gesamterlebnis.

Die jungen Aktivisten, die das Areal rund um die „Casetta Rossa“ seit einigen Jahren autonom verwalten, wollen mit ihrem Projekt die Welt verändern. Hier machen sie Kultur, zeigen Filme unterm Sternenhimmel oder pflanzen Gemüse und Obst an, die sie dann in der kleinen Küche zu Köstlichkeiten verwandeln. Sie stellen sich gegen eine Gesellschaft, die in Angst lebt. Als Alternative dazu fördern sie die Grundidee einer Gesellschaft, die Geselligkeit, das Sich-begegnen und das Kennenlernen in den Vordergrund stellt.

Als ich in der Warteschlange stehe, spricht mich eine junge blonde Frau an. In der Hand hält sie einen Block, auf ihrem weißen T-Shirt klebt ein „Rifiuti-Zero“-Sticker. Sie erklärt mir, dass sie seit April in ganz Rom Unterschriften für eine Gesetzesinitiative sammelt, um den Staat zu einer neuen Politik im Bereich der Müllentsorgung zu zwingen. Die überladenen Müllhalden dürften – so verlangt es auch die EU – nicht mehr erweitert werden und es brauche endlich eine strickte Mülltrennung, auch in Rom. Über 50.000 Unterschriften seien italienweit bereits gesammelt worden.

Ich unterschreibe ihren Appell natürlich und denke mir nur, wie tragisch, dass wir darüber immer noch diskutieren müssen. Dann bin ich an der Reihe, das Warten ist vorbei und ich darf bestellen: Vermicelli alle vongole e una macedonia. Dafür zahle ich gerade mal acht Euro.
Ich setze mich, drehe die Plastikgabel im Plastikteller, löffle den Obstsalat mit einem Plastiklöffel aus einem Plastikteller. Das kühle Bier trinke ich aus einem Plastikglas. Schade, denke ich, dass eine Zukunft mit weniger Müll nicht auch Teil des „Casetta-Rossa“-Projektes geworden ist.

Gustav Hofer

lebt und arbeitet als Journalist und Filmemacher in Rom, doch ein Koffer steht immer abreisefertig. Was er dort mag: die Schönheit der Stadt, das Licht, die Menschen. Was er vermisst: die frische Bergluft, die Mehrsprachigkeit und den Apfelstrudel seiner Mutti.
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