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Das liebe Kreuzchen

Deutschland hat gewählt. Ich nicht. Ich wähle lieber in Südtirol.

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Bild: Glyn Lowe Photoworks
CDU, fast absolute Mehrheit. Deutschland, fast Südtiroler Verhältnisse. Die Bundesrepublik hat gewählt. Ich nicht. Ich warte auf den Brief im Briefkasten für die Briefwahl für Südtirol. Komisch irgendwie: Den Bundestag, der nur wenige Kilometer Luftlinie von meiner Wohnung entfernt liegt, wähle ich nicht. Den Südtiroler Landtag, fast 900 Kilometer entfernt, wähle ich.
 
Ich bin sehr politikinteressiert. Freunde von mir sind im politischen Journalismus und in Parteien tätig. Ich habe Politik studiert. Am Wahlabend – bei den ersten Prognosen um 18 Uhr – sitze ich selbstverständlich vor dem Fernseher. Meine Freundin sitzt neben mir. Ob es mich störe, nicht wählen zu können, fragt sie mich. Nein, komischerweise stört es mich nicht. Komischerweise würde es mich mehr stören, wenn ich bei der Landtagswahl oder den italienischen Parlamentswahlen nicht wählen dürfte. Ich kann nicht erklären, warum das so ist. Es ist einfach so ein Gefühl. Ich lebe seit zehn Jahren in Deutschland, trotzdem würde es sich komisch anfühlen, hier zu wählen, in Italien nicht mehr zu wählen. 
 
Ich sage immer noch „ihr“, wenn ich die Deutschen meine. Ich sage immer noch „wir“, wenn ich Südtirol meine. Viele meiner deutschen Freunde sagen, das sei halt ein bisschen Attitüde von mir, ich sei doch ein ganz normaler Deutscher nach all den Jahren, sie verstehen das nicht. Meine Mutter sagt manchmal, ich sei so deutsch geworden, wenn ich zu Hause bin und über irgendetwas schimpfe. Das gefällt mir gar nicht, dass sie das sagt. Ich will nicht deutsch geworden sein. Aber natürlich bin ich das. 
 
Während der Berlusconi-Ära in Italien habe ich mich hier in Deutschland jahrelang dabei ertappt, wie ich versucht habe, das zu erklären: warum in Italien Berlusconi regiert. Ich habe immer nur versucht, es zu erklären, aber es hat sich oft angehört, wie eine Rechtfertigung.
Mir ging das immer auf die Nerven. Natürlich wollte ich Berlusconi nie verteidigen. Ich wollte mir aber auch nicht von den Deutschen ständig anhören müssen, wie man das nur machen kann als Italiener, immer diesen Berlusconi zu wählen. Ich bin doch gar kein Italiener, kam es dann manchmal aus mir heraus. Obwohl ich das eigentlich nicht sagen will. Aber es ist halt manchmal schon recht einfach, dann Italiener zu sein, wenn es einem passt (Essen, Mode, Dolce Vita) und dann keiner zu sein, wenn es einem nicht passt (Berlusconi, Mafia). 
 
Wie ist denn das in Südtirol mit den Parteien, fragt mich manchmal einer meiner Freunde aus Politik oder Journalismus. So wie in Bayern, erkläre ich immer in Kurzform. Die SVP ist wie die CSU.
 
Deutschland hat gewählt. Ich nicht. Weil ich keinen deutschen Pass besitze. Ich könnte ja einen beantragen, aber das will ich nicht. Ist ja nur ein Pass, könnte man argumentieren. So sehe ich das aber nicht. Ich finde, ein Pass ist auch ein Stück Identität. Vor ein paar Jahren habe ich mich hier in Berlin ins AIRE eingetragen. Nun habe ich einen braunen Personalausweis, nicht mehr meinen grünen aus Südtirol. Den vermisse ich ein wenig. Italienischer Pass, Südtiroler Ausweis, deutscher Führerschein. Das finde ich eine schöne Mischung.

Lenz Koppelstätter

fühlt sich too old to young und too young to old. Außerdem lebt er in Berlin, wo er für Zeitungen und Magazine und an Buchprojekten arbeitet.
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865 Kilometer

Rund 865 Kilometer sind es von Bozen nach Berlin. Lenz Koppelstätter, Südtiroler in Deutschlands Hauptstadt, geht dorthin, wo was los ist und schreibt dort davon, was kurios ist. Kurz: Er berichtet über den ganz normalen Wahnsinn der Großstadt.

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