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Das Komitee

In dieser Folge der Satire: Der Parteichef will mit einer ausgeklügelten Wahlkampfidee Punkte gutmachen, die Aktion wird aber ein Griff ins Klo.

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Bild: Flickr/pedrosimoes7

Von weit hinten am Horizont strahlte die Sonne direkt in die Augen von Harry Jungmayer, dem smarten Agenturchef auf seiner Mission des Wahnsinns. Als Jungmayer sie öffnete, sah er nur den Sonnenaufgang, der ihn blendete. Die zwei Bergkameraden waren verschwunden. Totalabsturz vor der Stimmenauszählung, dachte Jungmayer und senkte seinen Kopf. Dabei entdeckte er die zwei Spitzenexponenten, wie sie rücklings am Boden lagen. So, wie man liegt, wenn man gerade mit seinem Gesäß hart auf Stein aufschlug.
Erleichterung machte sich auf Jungmayers Gesicht breit. Wo hätte man auch so schnell zwei Exemplare wie die herbekommen? Nach kurzem Jammern standen der große Vorsitzende und der Kronprinz auf und bewegten sich auch schon Richtung Abstieg. Noch deutlich steifer als gewöhnlich, aber immerhin, sie konnten gehen.

Wieder unten im Tal, rief der Vorsitzende Jungmayer an und verlangte umgehend ein durchschlagendes Kampagnenelement, das ihm persönlich – und nur ihm persönlich – stark nutzen und viele Vorzugsstimmen einbringen sollte.
Jungmayer musste passen. Denn wie eine Aktion das hinkriegen sollte, war ihm völlig schleierhaft. Der Agenturchef bat um kurze Bedenkzeit. Als nach der vereinbarten Stunde Jungmayers Handy wieder klingelte und der Name des Vorsitzenden am Display blinkte, kroch Panik in ihm hoch. Völliges Ideenvakuum. Das war ihm noch nie passiert. Er musste wohl dem Vorsitzenden sagen, was los war, und hob ab.
„Herr Jungmayer!“,schnalzte es geradezu aus dem Telefon, „ich hatte gerade ein sehr gutes Gespräch mit einem jungen Mann, Kommunikationsoffizier bei den Tunnelpfadfindern, guter Mann. Einfach großartige Leute haben wir in diesem Land, da können selbst Sie noch was lernen! Jedenfalls meinte er, man könne wohl nur eine Leadershippsuscht...sass...tinabel Dings machen mit Teschtimonials.“
Trotz des minderbrillanten Schulenglischs des ehemaligen Lehrers verstand Jungmayer auf Anhieb. Da hatte dieser kleine Pressefuzzi doch zweimal gegoogelt und dem Vorsitzenden der Regierungspartei den Einsatz einer Unterstützergruppe empfohlen. So wie es in den Neunzigern bei kleinen Kommunalwahlen Usus war.

Jungmayer erklärte dem Vorsitzenden, dass er kein Freund solcher Personenkomitees sei, da immer die Gefahr bestehe, dass sie eine gewisse Eigendynamik entwickeln. Der Vorsitzende blieb Feuer und Flamme, woraufhin Jungmayer ihm erklärte, dass er selbst als spindoctor mit dieser Sache absolut nicht in Verbindung gebracht werden dürfe, sonst gebe es ein Schlachten in den Medien. Der Parteichef verstand das und beruhigte den Agenturchef: Er hatte bereits den Landessekretär mit der Operation beauftragt. „Ja dann ...“, sagte Jungmayer und verabschiedete sich.

Eine Pressekonferenz in Kino und Klo

Bereits einige Tage später fand die Präsentationspressekonferenz statt. Da es sogar der Vorsitzende verstand, dass seine Anwesenheit albern aussehen könnte, begab er sich schon eine halbe Stunde vorher zum Veranstaltungsort. Mit hochgestülptem Kragen und dunkler Sonnenbrille betrat er das Foyer des Kinos und versteckte sich umgehend auf dem Klo. Hervorragend, dachte er, Menschen,die sich für mich einsetzen, in einem Kino zu präsentieren, hat was Episches, Heroisches. Er dachte an Hollywood und war sicher, dass es den Presseleuten auch so gehen würde. Und er war froh, dass man auf dem Klo sitzend, jedes Wort hören konnte, das im Foyer gesprochen wurde. Er war irgendwie glücklich.

Draußen begann nun das Spektakel. Ein großformatiger Druck war von einem Leintuch verdeckt und sollte wohl später enthüllt werden. Vor diese Wand stellten sich nun einige Personen in einer Reihe auf. „Allesamt sehr neu und jung“, wie eine böse Journalistenzunge halblaut anmerkte. Es begrüßte der „Tunnelpfadfinderkommunikationschef“ mit ein paar lauwarmen Worten. Er sprach davon, dass Politik von Menschen gemacht würde und dass sie sich verändere, wenn man diese verändere. Den gigantischen Erkenntnisgewinn dieser Worte quittierten die Journalisten mit Gähnen. Nur wenige von ihnen glaubten für einen kurzen Moment, einsamen Applaus aus der Herrentoilette zu vernehmen. Dann war der nächste Unterstützer dran. Für den Agenturchef Jungmayer, der draußenauf dem Gehsteig mit Heino-Perücke und dunkler Sonnenbrille seinen Beobachtungsposten bezogen hatte, sah er aus, wie aus einem Asterix-Band. Er sprach auch so gebrochen Deutsch wie ein römischer Legionärsführer: „I habe allm gesagt, wenn wir amall den Luis nicht mehr haben, brauchen wir wieder einen mit die - wie sagt man? - unter.“ Im Herrenklo war Grinsen allenthalben.

Der Pfadfinder mit der lustigen roten Brille auf der Nase reagierte auf panisches Winken des Landessekretärs, der weiter hinten Stellung bezogen hatte. Er schien Angst zu haben, dass die Statements wieder unter die Gürtellinie rutschen könnten. Er schien dafür eine Nase zu haben. Der moderierende junge Mann mit dem Tunnelblick hatte vorgesorgt und gab das Wort an den Sänger einerbekannten Schnulzentruppe weiter. Dieser hob für kurze Zeit das Niveau, weil er von großen Zukunftsfragen sprach. Fragen, die wir uns noch gar nicht zu fragen trauen würden und davon, dass wir alle froh sein könnten, jetzt IHN zu haben. In der Herrentoilette steckte gerade jemand seine Faust in den Mund, um zu verhindern, dass draußen sein Jubelschrei vernommen wurde.

Die überraschende Enthüllung

Draußen im Saal war der Moderator wieder beruhigt und überzeugt, dass er nun mit einer Grünen Gutmenschin der Sonderklasse den wartenden Journalisten noch ein Gustostückchen servierte. Damit hatte wohl keiner gerechnet. Nicht mal der Parteichef am Klo, der voller Neugier bis an die Toilettenzugangstür schlich, sie einen Spalt öffnete und hinauslugte. Die blonde Dame sprach über ihr persönliches Motiv. „Ich habe einmal ein Gespräch mit ihm gehabt, seither weiß ich, dass er zuhören kann und ich habe ihm gesagt: Pass auf, ich werde der grüne Stachel in deinem knackigen Arsch sein.“
Gelächter erfüllte den Raum und der Hobbymoderator wurde blitzartig nervös, riss das Leintuch von dem Großplakat und zeigte stolz darauf. In fetten Lettern stand da „Wir für IHN.“ Darunter ein Bild des smarten Spitzenkandidaten, wie dieser mit einem Mann in blauer Schürze scherzt.

Die Fotografen zuckten ihre Kameras. Blitzlichtgewitter. Apparateklicken und dann ein Schrei aus dem Herrenklo: „I bring di um!“ Die Tür sprang auf und zur Überraschung aller Anwesenden stürmte der Parteichef durch die Menge in Richtung Landessekretär. Der Parteisekretär seinerseits stürmte vom Kino raus auf die Straße und rannte die Zankgasse hoch. Der Parteichef rammte zunächst einen Touristen, dessen weißblondesToupet und Sonnenbrille durch die Luft flogen. Da der Parteichef deutlich sportlicher war als sein Sekretär, hatte er ihn nach gut 100 Metern eingeholt und kickte ihm gekonnt auf den linken Knöchel. Daraufhin flog der vollschlanke Schönling mitten in ein Straßencafé, dessen Sonnendach mit unzähligen Schildern mit Lebensweisheiten behangen war. Er kam genau unterhalb eines Schildchens zu liegen auf dem stand: „Eines nur ist weise: die Erkenntnis, zu verstehen, wie alles überall gelenkt wird.“
 

Weitere Folgen

Hansi Klein

Hat keinen Bock mehr auf Tagesjournalismus. Nachdem er die Umtriebe der Schwammelpartei im Wahlkampfjahr beschrieben hat, widmet er sich jetzt dem neuen Chef im Land der Blauschürzen.
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Schicksalsjahr der Schwammelpartei

Es ist Wahljahr und die Prognosen sind alles andere als rosig für die Großpartei. Da muss Hilfe her, koste es was es wolle. Der beste Wahlkämpfer aus dem Norden soll die Kohle aus dem Feuer holen: Harry Jungmayer, smarter Agenturchef mit dem Blick aufs Wesentliche. Lest auf BARFUSS Woche für Woche, wie es ihm erging im Land der Blauschürzen.

Wichtiger Hinweis: Es handelt sich hier um reine Fantasie des Autors. Ähnlichkeiten mit real existierenden Personen wären rein zufällig. Beim Entstehen dieser Fortsetzungsgeschichte wurden keine Tiere verletzt.

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