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Das Fenster zur Provinz

Wie in einem Hitchcock-Film sitze ich an meinem Fenster und beobachte meine Nachbarn.

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Bild: Irina Ladurner

„Mami, i hon fertig“, höre ich den Nachbarsbuben rufen. Ich sitze an meinem Schreibtisch und stelle mir vor, wie er auf dem Klo sitzt und brav auf seine Mama wartet. Suspense breitet sich aus. Hier in Südtirol nimmt man am Leben seiner Nachbarn unmittelbar teil. Hier wird man mit der Nase voraus ins Privatleben seiner Mitmenschen gestoßen. Das ist wie „Bunte“ lesen, nur viel, viel näher dran.

In der Großstadt ist das nicht anders, nur, dass die Gesichter da unbekannt bleiben. Wenn ich in meiner alten Wiener Küche stand und spülte, unterhielt mich durch den Abzug der Ehekrach der Nachbarn. Dieser Schlagabtausch hätte jede Seifenoper aus dem Ring geworfen, so lebensecht und nah an meinem Gehör war er. In meiner neuen Wohnung werde ich mit orientalischer Musik beschallt, dass die Papierwände reißen. Die dazugehörigen Nachbarn haben es aber verpasst, mich bei meinem Einzug willkommen zu heißen. Das ist vielleicht in den Wisteria Lanes der braven Wiener Vorstädte üblich. So kenne ich Playlisten und Beziehungsprobleme, Namen und Gesichter sind mir aber fremd.

Am Wiener Schreibtisch verstellt mir ein mehrstöckiges Haus die Sicht und konfrontiert mich mit Beton und verschlossenen Rollläden. Triste Aussichten. In Südtirol habe ich über den Sommer unterm Dach Posten bezogen und genieße den erhabenen Blick. Über mir der Himmel und die Berge ergießt sich eine wahre Flut an Einfällen auf meine Tastatur. In Wirklichkeit nutze ich jede Ablenkung und beobachte: Eine viel zu junge Frau mit Kinderwagen – ein Wunschkind? Die Nachbarin, die Salat pflanzt. Besser wäre, sie würde den Rasen mähen. Der junge Mann von gegenüber, neuerdings mit Freundin – keine gute Wahl. Diese Eindrücke sind die Ausbeute eines unaufgeregten Vormittags und ich bin für jeden der einseitigen Begegnungen dankbar. Das ist Reizüberflutung auf Provinzniveau.

Was ich hier vor der eigenen Haustür betreibe, findet sein Pendant in der Südtiroler Medienwelt. Was für ein Spektakel, wenn der Landeshauptmann seine Tore öffnet und die Medienvertreter zum sommerlichen Plausch trifft. Einen Blick auf seine Terrasse erhaschen, exklusiv die Wachstumsschübe seiner Greta beobachten und endlich wissen, was Durnwalders bei so einem Event auftischen. Doch auch ein weltmännischer Lokalmatador wie Richard Lugner lässt tief blicken und tourt mit Mausi, Katzi und ihren tierischen Nachfolgerinnen durch die österreichische Fernsehlandschaft, dass die Fremdscham an die Toleranzgrenze stößt. Und die Leute sind hier und dort ganz heiß darauf.

Eigentlich verurteile ich Menschen, die sich für Ausgehzeiten, Partnerwechsel und Ehestreits ihrer Nachbarn interessieren. Und doch sitze ich hier und schrecke auf, wenn sich auf der Straße vorm Haus etwas bewegt. „I hon feeeertig“ – zum zweiten Mal ruft der Nachbarsbub. „Jo i kim glai!“ Endlich wird er nicht länger sitzen gelassen. Ich fühle mit. Denn ich bin nicht besser als meine Mitmenschen. Um ehrlich zu sein, schau ich auch in Wien in jedes offen stehende Wohnhausfenster und drehe das Radio leiser, wenn die Nachbarn streiten. Provinz ist überall.
 

 

Irina Ladurner

lebt in Wien. Ausgezogen, um die Welt kennen zu lernen. In Wien die (Südtiroler) Heimat gefunden. Mag den Südtiroler Exotenbonus, das Wiener Dorf und die Rückkehr in die eine oder andere Heimat.
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