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Das falsche Hofbräuhaus

Authentisch? Klischee? Typisch deutsch? Alles eine Frage der Perspektive.

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Bild: Flickr, swimparallel

In München steht ein Hofbräuhaus. In Berlin steht auch eins. Vor ein paar Jahren haben sie eines beim Alexanderplatz hingestellt. In Berlin gibt es ein paar schöne Plätze. Den Savignyplatz im Westen der Stadt, der mit den vielen kleinen Restaurants und den netten Cafés ein wenig an Paris erinnert. Den Gendarmenmarkt in Mitte, der mit dem Deutschen Dom und dem Französischen Dom sowie mit dem Konzerthaus an eine italienische piazza erinnert. Und dann gibt es noch den Alexanderplatz. Der Alexanderplatz ist sehr hässlich. So hässlich, dass es fast wieder, na ja, irgendwie authentisch wirkt. Authentisch für Berlin, für diese Stadt, die sich an vielen Ecken einen Dreck darum schert, ob man sie für schön hält oder nicht. 

An diesem hässlichen, grauen, konzeptlosen Alexanderpatz, da steht jetzt also seit ein paar Jahren das Berliner Hofbräuhaus. Draußen das kalte Grau, die Menschen, die an so einem Ort schlecht gelaunt und mit grimmigen Gesichtern über die Straßen gehen. Drinnen warmes Licht, warme Luft, bayerische Ziehharmonikamusik, bisschen was zum Mitsingen, „Sierra Madre" von den Zillertaler Schürzenjägern, Bedienung im Dirndl, Bedienung in Lederhosen, der Geruch von Weißwurst, Schweinebraten, süßem Senf und abgestandenem Bier in der Luft. 

Da sitzt man jetzt also, im Berliner Hofbräuhaus, man hat einen Schweinebraten gegessen, grade die zweite Maß bestellt und man fragt sich, was das eigentlich alles soll. Man schaut sich die Touristen an, die um einen herum alles bestaunen, diese bayerische Folklore inmitten von Berlin, die Italiener, Japaner, Amerikaner, wie sie Fotos machen und filmen. Man stellt sich vor, wie sie diese Fotos und Filme zu Hause ihren Verwandten und Freunden zeigen. 

Schweinebraten, Ziehharmonikamusik, Dirndl und Lederhosen. München, Berlin, Europa, Zillertal, Sierra Madre. Die Italiener werden Zuhause sagen, dass das Berlin sei. Die Amerikaner werden sagen, das ist Deutschland. Und die Japaner glauben vielleicht sogar, das sei hier typisch Europa. Und dann kapiert man, wenn man eine Weile so nachdenkt, dass das alles nur eine Frage der Perspektive ist. Dass, je weiter man von der eigenen Heimat entfernt ist, sich alles zu einem großen, zusammengewürfelten Klischee aus Irgendetwas vermischt. So, wie wenn ich mich in Tokio in irgendein Teehaus setze und davon ausgehe, dass das jetzt ein authentisches Teehaus ist. 

Tokio, Japan, Teehaus – passt irgendwie. Berlin, Deutschland, Hofbräuhaus – passt irgendwie. 

Ich sitze also da im Berliner Hofbräuhaus mit ein paar Freunden. Noch eine Maß. Und wir kommen auf Südtirol zu sprechen. Und ich erkläre, wie das so ist mit diesem Südtirol und wo das genau ist, dieses Südtirol, und irgendwann sagt der eine Freund neben mir, das wisse er doch alles, das brauche ich ihm doch nicht zu erzählen, Südtirol, das sei doch da im Süden von Österreich neben Kärnten, da wo auch der Minnesänger Jürgen von der Vogelheide herkomme. Und ich lache und ich weiß, dass der Freund neben mir aus dem Münsterland kommt, aber so genau weiß ich ja auch nicht, wo das Münsterland ist, und die Japaner knipsen immer noch die Ziehorgelmusiker, und die Amerikaner haben noch eine Schweinshaxe bestellt und einer der Italiener ist gerade tanzend von der Festbank gefallen. 

Schönes, zusammengewürfeltes Irgendetwas. 

Lenz Koppelstätter

fühlt sich too old to young und too young to old. Außerdem lebt er in Berlin, wo er für Zeitungen und Magazine und an Buchprojekten arbeitet.
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865 Kilometer

Rund 865 Kilometer sind es von Bozen nach Berlin. Lenz Koppelstätter, Südtiroler in Deutschlands Hauptstadt, geht dorthin, wo was los ist und schreibt dort davon, was kurios ist. Kurz: Er berichtet über den ganz normalen Wahnsinn der Großstadt.

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