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Kommentar zum Massentest

Corona ist unsere Entscheidung

Die zweite Corona-Welle hat sich zum Tsunami entwickelt. Wir haben es jetzt in der Hand, ihn zu brechen.

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Ein Covid-19-Schnelltest, wie er am kommenden Wochenende für die Massentestung der Südtiroler Bevölkerung zum Einsatz kommt.

Lizenz: CC by-nc (bearbeitet)
Bild: Medakit Ltd

Am nächsten Wochenende, vom 20. bis 22. November, soll ein Großteil der Südtiroler Bevölkerung auf Corona getestet werden. Das wirkt auf den ersten Blick etwas verzweifelt. Aber diese Aktion hat das Potential, diesem tristen und nervenzehrenden Corona-Winter einen Hoffnungsschimmer zu verleihen. Und wenn man sich die Corona-Situation in Südtirol aus statistischer Perspektive anschaut, dann ist Verzweiflung zwar ungünstig, aber verständlich. Denn: Die Lage ist ernst, sehr ernst. Ernster als in Österreich, in Deutschland, im restlichen Italien, viel ernster als im Frühjahr. Die Corona-Pandemie ist in Südtirol außer Rand und Band.

Seit Wochen zeigen die Zahlen an, dass etwas so richtig schiefläuft in Südtirol. Im Verhältnis zur Einwohnerzahl ist Südtirol im November bei den Neuinfektionen italienischer Spitzenreiter. Täglich steigen die Infektionszahlen in rasantem Tempo, es werden Negativrekorde gebrochen und Krankenhäuser rufen dazu auf, nur mehr bei Lebensgefahr in die Notaufnahme zu fahren. Zur Einordnung: Südtirol hat zurzeit (Stand 14.11.2020; Anm. d. Red.) eine 7-Tage-Inzidenz von 814. Bei diesem Indikator bezieht man die Summe der Neuinfektionen der letzten sieben Tage auf 100.000 Einwohnerinnen und Einwohner und kann auf diese Weise auch gut die Situation Südtirols mit anderen Regionen vergleichen. So weist Italien eine 7-Tage-Inzidenz von 392 aus, Österreich von 543 und Deutschland von 141.

 


Wie überwältigend die zweite Welle in Südtirol ist, wird noch deutlicher, wenn man sie mit der ersten Welle im Frühjahr vergleicht. Wir erinnern uns: Trotz Lockdown gab es im Frühjahr so viele Corona-Erkrankte, dass die Krankenhäuser aus allen Nähten geplatzt sind. Es sind unzählige Menschen gestorben – konkret sind im März und April ganze 67 Prozent mehr Menschen gestorben als im Durchschnitt der vergangenen Jahre. In Menschenleben bedeutet das, dass anstelle von ungefähr 350 Personen 600 pro Monat verstorben sind. An Corona erkrankte Personen sterben meist erst einige Wochen nach dem Auftreten der ersten Symptome, weshalb zurzeit noch nicht gesagt werden kann, wie hoch derzeit die Übersterblichkeit ist. In den letzten Monaten sind die Behandlungsmöglichkeiten dank intensiver Forschung zwar deutlich besser geworden, aber die hohe Zahl an täglichen Neuinfektionen lässt leider ähnlich hohe Todeszahlen für die zweite Welle erwarten.

Die Pandemie einfach laufen zu lassen, bis eine Herdenimmunität erreicht ist, ist keine Option.

Die Pandemie einfach laufen zu lassen, bis eine Herdenimmunität erreicht ist, ist deshalb keine Option. Das zeigt der Fall Schwedens, wo dieser Weg zunächst zwar eingeschlagen, dann aufgrund der deutlich höheren Todesraten und ähnlich starken Wirtschaftseinbußen jedoch wieder verlassen wurde. Durch ein Gewährenlassen der Pandemie sind die Krankenhäuser innerhalb kürzester Zeit überbeansprucht und füllen sich in beängstigender Berechenbarkeit – zwischen 5 und 20 Prozent aller Erkrankten müssen im Krankenhaus behandelt werden, etwa ein bis zwei Prozent kommen auf die Intensivstation. Sobald wir eine bestimmte Anzahl an Neuinfektionen pro Woche überschritten haben, führt dies automatisch zur Überfüllung der Krankenhäuser.

Dass es zu einer solchen Überlastung kommt, kennen wir nicht aus unserer Erfahrung: So etwas ist in unseren Lebzeiten nie geschehen, weil es seit einem Jahrhundert keine Krankheit mehr gab, für die es in der gesamten Bevölkerung keine Immunität gab und die zudem einem hohen Anteil der Erkrankten so zusetzt, dass sie im Krankenhaus behandelt werden müssen. Der häufig zu lesende Vergleich von Corona mit der Grippe ist aus vielen Gründen unzutreffend, in erster Linie aber deshalb, weil ein Großteil der Bevölkerung gegen die Grippe immun ist – und gegen Corona nicht. 

Das Problem, vor dem Südtirol zurzeit steht, verschärft sich dadurch, dass es eine sehr hohe Dunkelziffer der Erkrankten gibt. Dies kann man an der Positivrate der Tests erkennen: Solange circa ein Prozent der getesteten Personen einen positiven PCR-Test erhalten, kann man davon ausgehen, dass man so gut wie alle Corona-Erkrankten erkennt. Das war im Sommer der Fall. Seit Oktober stieg allerdings der Anteil der positiv getesteten Personen auf mittlerweile unglaubliche 67 Prozent. In Deutschland liegt im Vergleich dazu die Positivrate momentan bei circa 8 Prozent.

 


Diese unglaublich hohe Zahl in Südtirol erklärt sich damit, dass seit der Teststrategie-Änderung vor zwei Wochen hauptsächlich jene Personen einen PCR-Test (nur diese werden offiziell als Neuinfektionen gezählt) unterlaufen, die bereits vorher von ihrem Hausarzt oder ihrer Hausärztin mit einem Schnelltest getestet wurden. Diese Testmethodik bedeutet, dass der Sanitätsbetrieb nur mehr Leute testet, von denen bereits bekannt ist, dass sie mit hoher Wahrscheinlichkeit das Virus in sich tragen. Da nur der Sanitätsbetrieb eine Quarantäne-Anordnung erlassen darf, befinden sich diese Personen allerdings in der Zwischenzeit nicht in Quarantäne. Zurzeit benötigt der Sanitätsbetrieb circa 5 bis 8 Tage bis zur Ausstellung einer Quarantäneverordnung – also so lange, dass sie teilweise schon gar nicht mehr notwendig wäre. Eine Änderung dieser Praxis wird zwar angestrebt, wird aber einige Zeit dauern, da sie auf eine staatliche Regelung zurückgeht. Zusätzlich zu den nicht isolierten positiven Fällen gibt es aber einen noch weitaus größeren Faktor der Dunkelziffer, der die Positivrate auch vor der Änderung des Teststrategie stark erhöht hat: Die asymptomatisch positiven Personen, die zwar ansteckend sind, aber nichts davon wissen.

Flächendeckende Tests als einzige Alternative zum harten Lockdown

Womit wir bei der landesweiten Testaktion am kommenden Wochenende sind: Auch wenn die Landesregierung dafür viel Kritik eingefahren hat, ist eine verpflichtende Testung zurzeit die einzige Alternative, die Südtirol zu einem circa zweimonatigen harten Lockdown hat. Nur so können wieder alle Erkrankten isoliert werden und die Neuinfektionen soweit gesenkt werden, dass ein halbwegs normales Leben bis zur Impfung möglich ist. Denn, da kann über eine Skisaison fabuliert werden, wie viel man möchte: Erst wenn sich weniger als 50 Personen in einer Woche auf 100.000 Einwohnerinnen und Einwohner neu infizieren, wird Südtirol nicht mehr als Risikogebiet eingestuft und kommt damit überhaupt wieder als Urlaubsdestination infrage. Und noch viel wichtiger: Erst bei einer 7-Tage-Inzidenz von unter 50 Neuinfektionen wird der Sanitätsbetrieb es wieder schaffen, alle Erkrankten schnell und effizient zu testen, in Quarantäne zu schicken und Kontaktpersonen nachzuverfolgen.

Der Knackpunkt ist allerdings: Dafür müssen sich alle testen lassen, die in den letzten beiden Wochen Kontakt zu anderen Menschen hatten. Also einfach alle. Eine freiwillige Testung wird aber mit großer Wahrscheinlichkeit nicht dazu führen, dass man alle Erkrankten findet. Der Grund dafür ist eine statistische Verzerrung, die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler bei jeder Stichprobe beschäftigt: Bei freiwilligen Untersuchungen machen jene mit, die sich dafür interessieren. In diesem Fall wahrscheinlich also jene, die vorsichtig sind und Corona bereits als eine große Gefahr einstufen. Diese Personen sind aufgrund ihrer Vorsicht aber mit geringerer Wahrscheinlichkeit positiv. All jene hingegen, die Corona als harmlose Grippe abtun und denken, dass das sowieso alles übertrieben ist, halten sich weniger an Abstand, Maske und sonstige Hygienemaßnahmen und sind deshalb auch tendentiell häufiger positiv. Wenn genau diese Personen nicht getestet werden, wird der landesweite Test ein Fehlschlag werden, weil weiterhin zu viele positive Personen unterwegs sind, die ihre Mitmenschen anstecken. Die Aktion wird dann viel Geld, Aufwand und Nerven kosten und im schlimmsten Fall ein trügerisches Gefühl der Sicherheit vermitteln.

In der Slowakei hat die Strategie funktioniert: Die Neuinfektionen sinken deutlich.

Die Slowakei hat genau deshalb bei ihrer Massentestung der Bevölkerung viel drastischer getestet, als es Südtirol jetzt handhaben will: Wer sich nicht testen lassen wollte, musste sich für zwei Wochen in Heimquarantäne begeben. Auch wenn diese Personen also positiv wären, sind sie nach zweiwöchiger Quarantäne nicht mehr ansteckend. Alle, die negativ getestet wurden, durften unter den geltenden Hygienemaßnahmen weiterhin ohne starke Einschränkungen das Haus verlassen, zur Arbeit gehen, Freunde und Verwandte besuchen. Und die Strategie hat funktioniert: Die Neuinfektionen sinken seitdem deutlich. Und während bei der ersten Testreihe noch ein Prozent der Getesteten positiv war, waren es bei der zweiten Testreihe eine Woche später nur mehr 0,6 Prozent. Damit diese Herangehensweise, die nun auch Österreich versuchen möchte, funktioniert, ist es allerdings unabdingbar, dass sich so viele wie möglich testen lassen – und sich bei einem positiven Test sofort isolieren. Denn Südtirol spielt jetzt mit hohem Einsatz: Wenn die Massentestung am kommenden Wochenende nicht dazu führt, dass die Neuinfektionen sinken, bleibt als einzige Alternative nur mehr ein harter Lockdown.

Einen anderen Weg wird es nicht geben. Die vielzitierte Analogie der Infektionswelle trifft es nämlich sehr gut: Wir stehen einer Naturgewalt gegenüber. Die Angst vor dieser Krise, der Untragbarkeit in den Familien, um den eigenen Arbeitsplatz, die kaputten Existenzen und insolventen Betriebe ist berechtigt. Aber gegen dieses Virus hilft nur entschlossenes Handeln. Wir müssen ihm die Möglichkeit dazu nehmen, immer neue Wirte zu finden – erst dann wird diese Pandemie, die uns alle an unsere Grenzen bringt, wieder eingebremst. Am nächsten Wochenende können wir uns entscheiden, dem Virus keine Chance zu lassen. 

Mara Mantinger

durchforstet als Soziologin mit Freude Statistiken und liebt es, die Geschichten hinter den Zahlen zu erzählen. Gerne in der Ferne, schaut aber noch lieber von einem Südtiroler Berggipfel in die Welt.
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Informationen zum Massentest

Zwischen Freitag, den 20., und Sonntag, den 22. November, sollen in Südtirol zwei Drittel der Bevölkerung auf eine Corona-Infektion getestet werden. Dafür werden in 116 Gemeinden rund 200 Teststrukturen aufgebaut. Die Teststationen werden jeweils von 8 bis 18 Uhr geöffnet sein. Es steht bereits fest, dass man sich für den Test registrieren muss. Kinder werden ab einem Alter von 5 Jahren getestet.

Die Corona-Schnelltests, auch Antigen-Tests genannt, werden ähnlich wie PCR-Tests durchgeführt: Mit einem Stäbchen wird ein Abstrich in der Nase genommen. Anschließend wird das Stäbchen kurz in eine Lösung getaucht, wovon einige Tropfen entnommen und in eine Testkassette gegeben werden. Nach etwa 20 Minuten erscheint auf der Kassette das Ergebnis. Die getesteten Personen werden anschließend per E-Mail oder Telefon über ihr Ergebnis informiert. Dadurch können alle, die sich mit dem Virus angesteckt haben und es noch nicht wissen, für 10 Tage in Quarantäne geschickt werden, womit einer weiteren Ausbreitung des Virus vorgebeugt werden kann. Der Sanitätsbetrieb erwartet sich, dass die Reproduktionszahl R auf diese Weise von 1,5 auf 0,6 gesenkt werden kann.

Im Laufe der Woche werden alle Bürgerinnen und Bürger einen Brief mit allen wichtigen Informationen für die Tests in ihrer Gemeinde erhalten.

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