Anzeige

Bye, bye Berlin

Mit Anfang, Mitte 30 stellt sich in der Großstadt die Frage: bleiben oder gehen?

zeitfixierer.jpg

Bild: Flickr, Zeitfixierer

Früher haben wir uns sonntagnachmittags irgendwann verkatert irgendwo getroffen – meistens im Görlitzer Park in Kreuzberg. Da haben wir uns dann erzählt, was letzte Nacht noch so passiert ist, nachdem wir uns alle irgendwie aus den Augen verloren hatten. Dass der mit der, und dass der eine mit der anderen, und dass der Dings schon wieder, und … Dann haben wir noch ein paar Alster getrunken, wie der Radler hier im Norden von Deutschland heißt (außerdem sagt man hier das Radler, wenn man es trotzdem so sagt wie im Süden von Deutschland, und nicht der Radler, wie bei uns ganz im Süden, woran ich mich nie gewöhnen werde). 

Später an den Sonntagnachmittagen sind wir dann immer in irgendeine WG von irgendjemandem von uns, haben uns Sandwiches gemacht und irgendeine amerikanische Serie geschaut. „Sopranos“ oder „Lost“ oder so. Das war die schönste Zeit in Berlin. Wir waren Studenten. Wir verbrachten die Nächte im Monarch am Kottbusser Tor oder in der Hotel-Bar an der Kottbusser Brücke oder im Farbfernseher an der Skalitzer Straße oder im Club der Visionäre am Flutgraben. Alles gleich um die Ecke. Wir hatten montags nichts vor, und die, die montags Uni hatten, die gingen einfach nicht hin. 

Das ist jetzt alles erst ein paar Jahre her, und doch ist nichts mehr, wie es war. Wir sind jetzt alle mit unseren Freundinnen zusammengezogen, ein paar von uns haben schon Kinder. Letztens bin ich an einem Sonntagmorgen auf dem Weg zum Bäcker vier meiner Kumpels begegnet. Sie waren bei den Tischtennisplatten, wo wir früher mit Zigaretten und Bier in der Hand rumhingen. Ich auf dem Weg zum Bäcker! Sie spielten da am Spielplatz mit ihren kleinen Kindern! Ist es das, was uns geblieben ist, vom großen abenteuerlichen Großstadtleben, weswegen wir einst aus der Provinz geflohen sind? Zum Bäcker fahren? Kinderspielplatz? Wir reden heute nicht mehr darüber, wer mit wem Samstagnacht. Samstagnacht existiert für uns nur noch selten. Ich schaue jetzt samstags oft wieder „das aktuelle sportstudio“ und schlafe gegen Ende meistens ein. 

Letztens saßen wir wieder mal alle wie früher am Biertisch zusammen. Links von mir mein Kumpel, dessen Freundin jetzt schwanger ist, rechts von mir der andere Kumpel, dessen Tochter jetzt bald ein Jahr alt wird, der eine versuchte dem anderen zu erklären, auf was er sich jetzt alles einstellen muss, wenn er jetzt Vater wird, es fielen ständig Wörter wie „Windeln“, „Schlafentzug“, „Familiengeld“ und der eine sagte dem anderen, dass es trotz allem doch wunderschön sei, eine Tochter zu haben, Vater zu sein, ein „echtes Glücksgefühl.“ 

Wir nippten an unseren Bieren. Und als jeder sein Bier endlich fertig hatte, bestellten wir kein zweites mehr. Weil der eine ja früh los musste, weil morgen ja Arbeit, und weil der andere auch früh los musste, weil morgen ja Kind in die Kita. Früher hat man im Zweifel immer noch eins getrunken. Heute lieber keins mehr. Das ist der Unterschied. Was ist bloß aus uns geworden? Sind wir jetzt tatsächlich das, was man erwachsen nennt? 

Wir haben uns als Studenten kennengelernt und sind jetzt alle knapp über 30, manche schon Mitte 30. Wir gründen kleine Familien, wir stellen uns die großen Fragen des Lebens, wir überlegen uns, wo wir hingehören, was wir eigentlich wollen. Früher haben wir überlegt, wie wir mit dem bisschen Geld über die Woche kommen, um es am Wochenende rauszuschmeißen. Heute diskutieren wir über Lebensversicherungen und ob man nicht doch vielleicht ein Auto kaufen sollte, einen Kombi mit Kindersitz. 

Die meisten meiner Freunde wollen in Berlin bleiben. Mit ihren Kinder. Sie ziehen in neue Wohnungen. Wohnungen mit Kinderzimmern. In so Wohnungen wie bei mir gegenüber. Da stand jahrelang eine Brache zwischen zwei Altbauhäusern. Seit nach dem Krieg war die da. In Berlin gibt es viele solcher Baulücken. Weil die Stadt so lange geteilt war, weil es keine Wohnungsknappheit gab. Das ist jetzt anders. Berlin ist jetzt hip, hier will jetzt jeder wohnen, sein Glück finden, seine kleine Familie großziehen. Seit einem halben Jahr steht also ein Haus mit neuen Wohnungen bei mir gegenüber. Abends, wenn es draußen dunkel wird und wenn drinnen die Lichter angehen, kann ich meinen neuen Nachbarn beim Leben zuschauen. Big Brother in echt. Sie sind alle so um die Mitte 30. Vater, Mutter, Kleinkind. Es könnten meine Kumpels sein, einer hatte sich tatsächlich mal eine der Wohnungen angeschaut. Es könnte ich selbst sein. 

Ich stehe also am Fenster, ich schaue ihnen zu, wie sie gemeinsam in der Küche, wie sie gemeinsam am Esstisch, wie sie gemeinsam vor dem Fernseher. Die Männer gehen meistens irgendwann auf den Balkon raus, rauchen eine oder eher nicht. Raucht ja heute keiner mehr mit Mitte 30 und kleinem Kind. Auf dem Balkon atmen sie die Abendluft ein, schauen zu den Sternen hoch. Ich weiß, was sie denken. Sie denken: Das ist es jetzt wohl. Das ist es jetzt wohl, das Erwachsensein. Das ist es jetzt wohl, das, nach dem man irgendwie immer gesucht hat. Das, was man Angekommen-Sein nennt. Sie waschen samstags ihre Autos, die Kombis mit Kindersitzen. Sie laden ihre Nachbarn abends zum Essen ein. Im Winter schöpfen sie gemeinsam Schnee mit den Nachbarn und sie helfen den Kindern beim Schneemannbauen. Im Sommer gärtnern sie gemeinsam im Innenhof. 

Ich habe Angst vor all dem. Und gleichzeitig sehnt man sich doch danach. Ich möchte nicht in Berlin eine Familie gründen. Ich will irgendwann dahin zurück, wo ich hergekommen bin. Bald mal. Immer öfter denke ich daran. Ich habe mich so sehr gesehnt nach der großen Stadt. Ich brauche sie jetzt nicht mehr. Bald nicht mehr. Glaube ich zumindest. Ich werde noch ein bisschen hier bleiben. Ab und zu in einen der Clubs von früher gehen. Ein Bier bestellen, dann noch eins und noch eins. Irgendwann werde ich weg sein. Danke Berlin, aber irgendwann ist gut. Ich will, dass du mir als Stadt in Erinnerung bleibst, in der wir schön gefeiert haben. Nicht als Stadt, in der wir uns über die Qualität von Windeln unterhalten haben. Nicht als Stadt, in der wir uns über die Feiernden beschwert haben, die uns vor die Kinderwagen kotzten. Ein bisschen Berlin noch, ja, aber bald bin ich weg. 

Mit diesem Text endet die Kolumne „865 Kilometer“. Im Juli startet an dieser Stelle Lenz Koppelstätters neue Reihe „Auch schon 30“ – über die Tücken des Erwachsenwerdens. 

Lenz Koppelstätter

fühlt sich too old to young und too young to old. Außerdem lebt er in Berlin, wo er für Zeitungen und Magazine und an Buchprojekten arbeitet.
Anzeige

865 Kilometer

Rund 865 Kilometer sind es von Bozen nach Berlin. Lenz Koppelstätter, Südtiroler in Deutschlands Hauptstadt, geht dorthin, wo was los ist und schreibt dort davon, was kurios ist. Kurz: Er berichtet über den ganz normalen Wahnsinn der Großstadt.

Mehr Artikel
Anzeige

Hinterlasse einen Kommentar

Schön, Lenz. Auf bald in Tramin!

danke lenz!
für diese schöne serie, der ich viel abgewinnen konnte, da ich selbst einige jahre in dieser unglaublichen stadt verbingen durfte. hoffe, die neue serie wird ähnlich amüsant!

Mehr Artikel

 | 
Unterwegs mit der Wasserrettung

Die Etschwächter

Sie ziehen Ertrinkende aus Eisack und Etsch, tauchen stundenlang nach Menschen, für die jede Hilfe zu spät kommt – ein Besuch bei der Bozner Wasserrettung.
0    
 | 
He says, she says

Ist der Weltfrieden weiblich?

In allen Ecken der Welt wird gemetzelt, geschossen, gesprengt. Liegt es daran, dass am Ende der Zündschnur immer Männer stehen?
0    
 | 
HIV und AIDS in Südtirol

Das Leben mit dem Tod

25 Menschen stecken sich in Südtirol jährlich mit dem HI-Virus an. Sicheres Todesurteil ist das keines mehr, aber Garant für Scham und Ausgrenzung.
0    

Resist

Mit „Resist“ legt die junge Rittner Rockband „Last Chance“ ihre erste eigene Single vor. Der Song handelt von Selbstvertrauen und Selbsthass.
 | 
Interview mit Spitzenkoch Roland Trettl

„Ich bin und bleibe Südtiroler“

Roland Trettl über First Dates, seine Hassliebe Südtirol und sein neues Buch „Nachschlag“, in dem er zu allem, was ihm nicht passt, seinen Senf dazugibt.
0    
Anzeige