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Brennerdoktor Dr. Brenner

Was ist ein Doktortitel noch wert? Ein Sprung von Österreich nach Südtirol.

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Bild: flickr/Alessandro M.

Wenn Herr Doktor Brenner nach seiner erfolgreichen Promotion an einer österreichischen Universität stolz – weil er gerade vom Magister zum Doktor geupgraded wurde – sein Südtiroler Heimatdorf besucht, wird er blöd schauen: All seine früheren Bekannten, die sich von ihren kurvigen Sekretärinnen Doktor nennen lassen. Seit Jahren schon streichen sie satte Gehälter ein, während er dem Doktortitel seine Nächte opferte. Und er, der echte Doktor, ist südlich des Brenners nicht besser als all die BA’s und MA’s und Mags.  

Studieren ist heute en vogue: Um Erfahrungen zu sammeln, um sich ein paar Jahre auszuleben und natürlich für den Titel, schmucke Namenszierde als Eintritt in die Berufswelt. Spätestens seit der Bologna-Reform ist ein Bachelor nicht mehr als eine Matura mit Sternchen. Das hat damit zu tun, dass sich heute mit geringem Aufwand fast jeder den BA an den Namen hängen kann. Der Umstieg vom Diplomstudium auf den kürzeren Bachelor hat auch den Titel entwertet. So zumindest sieht man das in Österreich. In gewissen Kreisen muss schon ein MA folgen, gekrönt von der Königsdisziplin: dem Doktor. Ein steiniger Weg nach oben, den man mit Respekt und Anerkennung honoriert.

Hätte Doktor Brenner nicht sechs Jahre seines Studiums im titelnärrischen Österreich verbracht, dem Land der über 900 Titelbezeichnungen, hätte er wohl nicht so viel auf seinen Doktor gegeben. So aber ist er über die Jahre auch ein wenig titelverliebt geworden und lässt keine Gelegenheit aus, den Doktor wie ein Schmuckstück vorzuführen. Kaum hatte er den Doktor in der Tasche, mussten Pass und Personalausweis geändert werden. Und seit das „Dr. Brenner“ an der Haustür prangt, grüßt auch der Herr Diplomingenieur von gegenüber freundlich. Die Titelhierarchie, ja in Österreich lebt sie und geliebt wird sie erst recht.

Nur in Südtirol, da ist dieser Doktor nichts wert. Die italienweite Unterscheidung zwischen dottore, dottore magistrale und dottore di ricerca wird oft gönnerhaft übergangen und der dottore durch ein generalisiertes Doktor ersetzt. Passiert man den Brenner, werden BA und MA und Mag. zum Doktor. Solche Wunder vollbringt nur das heilige Land Südtirol. Was ist ein Titel also noch wert, dies- und jenseits der Brennergrenze? Südtirol entwertet den Doktor dank Titelinflation, Österreich nimmt am elitär-hierarchischen Denken der Donaumonarchie Maß. Was ist besser: Der strenge österreichische Titelkodex oder die laxe Südtiroler Übersetzungspolitik?

Für Herrn Dr. Brenner ist klar: In einem Land voll mit Brennerdoktoren, da ist kein Platz für die wahren Helden universitären Intellekts. Südtirol, das muss der eitle Doktor einsehen, ist ihm über die Jahre zu klein geworden.

Irina Ladurner

lebt und studiert in Wien. Ausgezogen, um die Welt kennen zu lernen. In Wien die (Südtiroler) Heimat gefunden. Mag den Südtiroler Exotenbonus, das Wiener Dorf und die Rückkehr in die eine oder andere Heimat.
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Für mich ist diese laxe Übersetzungspraxis von "Magister" auf "Dottore" zurück auf "Doktor" eigentlich ein Scheinproblem, das ganz andere Problematiken überdeckt.
Natürlich mutet es seltsam an, falls man- kaum dass man seinen Wohnsitz nach dem Studium wieder über den Brenner nach Südtirol verlegt- pötzlich in schriftlicher Korrespondenz nicht mehr als "Frau/Herr Mag." sondern "Frau/Herr Dr." tituliert wird, wie mir selbst geschehen.
Dass Südtirol für "echte" Doktoren zu klein wird, hat aber wohl weniger mit der Titelhörigkeit der Österreicher, bzw. mit der Handhabung der Titel in Italien zu tun, als damit, dass "echte" Doktoren im Wesentlichen an der Universität gebraucht werden und nicht einmal dort in großen Mengen.
Es ist meiner Ansicht nach tatsächlich ein großer Fehler, einen Doktor nur deswegen zu erlangen, um dann aus der Masse an Universitätsabsolventen hervorzustechen, falls man nicht wirklich eine universitäre Karriere anstrebt. Der "dottore di ricerca" wird in Italien in erster Linie ja auch nicht erlangt, um sich von all den "dottori" abzuheben, die es gibt, sondern um einen ersten Schritt hin zu einer Universitätslaufbahn zu machen. Falls dies nicht klappt, dann hilft auf dem Arbeitsmarkt auch ein "dottore di ricerca" wenig.
Ich finde es grundsätzlich nicht unbedingt erstrebenswert, dass mehr auf den formalen Titel und das damit verbundenen "Ansehen", als auf das geachtet wird, wozu er einen substantiell befähigt. Der "Doktor" soll bezeugen, dass jemand zu vertieften, wissenschaftlichen Arbeiten fähig ist; seine Erlangung verlangt sicherlich viel Fleiß, ist aber eben nur für jene sinnvoll, die mit der entsprechenden Fähigkeit dann auch etwas anfangen können.
Um zu verhindern, dass viele einen doch hohen Aufwand betreiben, der ihnen dann nicht den erwünschten Erfolg bringt und der Akademikerschwemme entgegen zu wirken, wäre es wohl angebrachter, in gewissen Bereichen vermehrt zu Beginn der Ausbildung auf Aufnahmetest zurückzugreifen und nicht die "Magister" dazu anzuspornen, weiter zu studieren; dies führt nur zu einer Verzögerung des Berufseintritts und zu Doktoren, die ihre erworbenen spezifischen Fähigkeiten gar nicht wirklich umsetzen können, weil sie keine entsprechenden Arbeitsstellen bekommen.
All dies ändert natürlich nichts daran, dass man als Akademiker mit Magisterabschluss in Südtirol korrekterweise einfach keine Übersetzung durchführen und nur den "originalen" Titel vor dem eigenen Namen anführen sollte (wenn man seinen Titel in Italien anerkannt hat und benötigt, entweder "Mag." oder "dott.").

Hallo Lena

ich teile Deine Einwände nicht, denn ein "Dr." ist und bleibt ein geschützter, akademischer Titel, der eine Promotion voraussetzt. Um diese zu erlangen muss man der Universität beweisen, das man über Fähigkeiten verfügt, die weit über denen liegen, die für einen MA/BA/Dipl./Mag. benötigt werden. Auch auf dem Arbeitsmarkt verdient ein echter "Dr." im Schnitt immer mehr als ein tieferer, akademischer Grad (http://www.zeit.de/karriere/beruf/2013-02/promotion-karriere-einkommen). Wenn ich dann sehe, das Südtiroler "Doktoren" sich den "Dr." auf die Visitenkarten drucken lassen, weil sie wissen, das sie z.B. in Deutschland dadurch bessere Chancen haben an Aufträge zu kommen, dann graust es mir. In Deutschland erfüllt dieses Verhalten den Straftatbestandes des Betruges (http://de.wikipedia.org/wiki/Missbrauch_von_Titeln,_Berufsbezeichnungen_...). In Deutschland ist es kaum bekannt, das die Südtiroler den "dott." lax mit "Dr." übersetzen und sich so in Wahrheit einen Titel erschleichen.

Auch Dein Einwand, der Titel des Doktors nutze nur, wenn man an der Universität Karriere machen möchte, kann ich so nicht bestätigen. Sicherlich ist es unabdingbar zu promovieren, wenn man eine akademische Karriere anstrebt, aber es gibt auch Menschen, die ausserhalb der Universitäten Karriere machen möchten, forschen möchten, sich selbst weiter entwickeln wollen und/oder sich in der freien Wirtschaft durch den Titel besser behaupten möchten. Das finde ich absolut legitim und gehört akzeptiert und honoriert.

Ein treffender und auf den Punkt gebrachter Artikel. Ich habe in Südtirol wahre Trottel ohne Ahnung oder Allgemeinbildung den Titel "Doktor" tragen sehen. Man macht es sich hier wahrlich sehr leicht, den eigentlich geschützten akademischen Titel "Dr.", vor den Namen zu setzen, obwohl NUR ein BA-Studium an der Uni Bozen oder ähnlich vorzuweisen ist. Eine Schande, passt aber zu einigen Menschen und ihrem Denken hier. Nochmals Danke für den pointierten und treffenden Artikel.

Ich geb dir natürlich Recht, dass man seinen "Dott." nicht als "Doktor" übersetzen sollte und schon gar nicht in Deutschland oder Österreich als Doktor auftreten darf, das ist wirklich Hochstapelei (und wer einen "echten" Doktor hat, ärgert sich zu recht). Nur glaube ich, dass sich das Problem (im Guten und im Schlechten) relativiert, falls sowohl Absolventen als auch Arbeitgeber auf das tatsächliche Profil und die Befähigung schauen, die einem eine Ausbildung verleiht und weniger auf das Prestige. Und leider gibt es für "echte" Doktoren wenigstens in Südtirol nur wenige angemessene Arbeitsstellen (die entsprechend honoriert werden) und dies zu ändern wäre sicherlich wichtiger für sie.

Ich geb dir natürlich Recht, dass man seinen "Dott." nicht als "Doktor" übersetzen sollte und schon gar nicht in Deutschland oder Österreich als Doktor auftreten darf, das ist wirklich Hochstapelei (und wer einen "echten" Doktor hat, ärgert sich zu recht). Nur glaube ich, dass sich das Problem (im Guten und im Schlechten) relativiert, falls sowohl Absolventen als auch Arbeitgeber auf das tatsächliche Profil und die Befähigung schauen, die einem eine Ausbildung verleiht und weniger auf das Prestige. Und leider gibt es für "echte" Doktoren wenigstens in Südtirol nur wenige angemessene Arbeitsstellen (die entsprechend honoriert werden) und dies zu ändern wäre sicherlich wichtiger für sie.

Das stimmt...aber in mir ist auch aufgefallen, das Du als Akademiker in Südtirol keine wirkliche Honorierung in Form eines höheren Gehaltes erfährst. Da hat sich eine Praxis breit gemacht, Akademiker im Gehalt so zu drücken, das es für diese keinen finanziellen Anreiz gibt, hier zu arbeiten. Ich habe für eine Firma gearbeitet, wo am Ende immer weniger auf die Kompetenzen der Mitarbeiter geachtet wurde als auf das, was sie monatlich erhalten. Erst seitdem ich als freiberuflicher Architekt unterwegs bin glaube ich, finanziell grössere Sprünge machen zu können. Aber selbst dann bekommt man es mit Leuten zu tun die behaupten, die wirtschaftlichen Ansprüche von Architekten sollten gesenkt werden...und diese Behauptungen kommen direkt aus dem Munde eins Politikers und Landesfunktionär in Bozen. Warum also als Akademiker in Südtirol bleiben?? Woanders wird ein Abschluss gewürdigt, gesellschaftlich UND finanziell :) Aber ich schweife ab und eröffne ja ein neues Thema

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