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Bozens Schandfleck

Der Bozner Bahnhofspark erhitzt die Gemüter. Die Süd-Tiroler Freiheit fordert in einer Pressemitteilung seinen alten Glanz zurück – und verbreitet dabei steile Thesen.

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Der Frosch-Brunnen am Bahnhofspark Bozen, der bald in einem rechtsfreien Raum stehen wird – sollte die Süd-Tiroler Freiheit Recht behalten.

Lizenz: CC by-nc-nd
Bild: "Brunnen am Bahnhof in Bozen", Axel Magard

Wir wollen den Politikern genau auf die Finger schauen und in die Haut ihrer früheren Deutschlehrer schlüpfen. Ausdrucksfehler, Argumentationslücken oder mangelhaftes Faktenwissen: Hier geht es den Pressemitteilungen an den Kragen, denn wir setzen den Rotstift an. 

Teil zwei der Textkritik befasst sich mit einer Pressemitteilung der Süd-Tiroler Freiheit. Am 12. Mai versandte die Partei einen Text mit dem Titel „Bozner Bahnhofspark: einst Augenweide, heute Schandfleck“ an die Medien. Ein Text, in dem der Autor sich nicht nur selbst zitiert, sondern dabei auch noch steile Thesen verbreitet.

 

Bozner Bahnhofspark: Einst Augenweide, heute Schandfleck.

  • Überschrift gut gelungen: Das Thema wird sofort klar, die Richtung, in die der Text argumentiert, auch.

 

„Mit Zierpflanzen, vielen edlen Coniferen und grünen Wiesenflächen, den wohlthuendsten Anblick gewährend.“ So beschreibt der Kurarzt Carl Höffinger im Jahr 1887 in seinem 650 Seiten umfassenden Reiseführer „Gries-Bozen in Deutsch-Südtirol“ den Bozner Stadtpark – heute als Bahnhofspark bekannt. Die einstige Schönheit des Parks wurde von Fotografen auch in Bildaufnahmen festgehalten, von denen einige koloriert sind.“

  • Zu viele unnötige Details: Welchen Mehrwert erhält der Leser durch die Information, dass der Reiseführer 650 Seiten lang ist? Und welchen dadurch, dass die Bildaufnahmen koloriert waren? 

 

Cristian Kollmann, Bozner Ortssprecher der Süd-Tiroler Freiheit, zieht einen Vergleich zwischen früher und heute: „Der Bozner Stadtpark war einst das Entrée Bozens, eine Augenweide, deren Anblick die Reisegäste beim Heraustreten aus dem Bahnhof unverzüglich entzückte. Heute ist der Bahnhofspark zu Bozens Schandfleck verkommen und löst Entsetzen statt Entzücken aus!“

  • Warum wird an dieser Stelle der Autor des Textes zitiert? Mara, Redakteurin beim Online-Magazin Barfuss.it, betont: „Auch wenn es üblich ist, Meinungen in Form von Zitaten im Text unterzubringen, macht dies keinen Sinn, wenn der Autor sich dabei selbst zitiert.”
  • Wenn Aussagen wie „Heute ist der Bahnhofspark zu Bozens Schandfleck verkommen und löst Entsetzen statt Entzücken aus!“ getroffen werden, sollten sie auch belegt werden. Diese Behauptung teilt beispielsweise das bekannte Reisemagazin Merian nicht. Das Magazin schreibt: „Etappe 4: Bahnhofspark. Biegen Sie nun in die Raingasse ab und dann weiter in die Bahnhofsallee. Wenn Sie diese Straße durchgehen, gelangen Sie direkt in den Bahnhofspark von Bozen. Angrenzend befindet sich der Bahnhof Bozens, der einen wichtigen Verkehrsknotenpunkt in der Hauptstadt Südtirols darstellt. Im Bahnhofspark selbst finden eine Reihe an Veranstaltungen statt, die mit Sicherheit Ihr Interesse wecken werden [...].” Warum sollte ein Reisemagazin einen Schandfleck als Sehenswürdigkeit vorstellen? 

 

Der Bozner Stadtverwaltung wirft Kollmann vor, den Park Jahrzehnte lang sträflichst vernachlässigt zu haben. Dadurch sei er zum Verweilen für Einheimische absolut unattraktiv, ja sogar gefährlich geworden, denn, so Kollmann wörtlich: „Die einzigen Menschen, die im Bahnhofspark verweilen, sind Afrikaner. Für sie ist der Park zu einer Art Ersatzheimat geworden, und er droht, vor den Augen der Öffentlichkeit zu einem rechtsfreien Raum zu mutieren.“

  • Formal: „Jahrzehnte lang” wird zusammen und klein geschrieben: „jahrzehntelang”.
  • Woher rührt die Annahme, dass der Park gefährlich ist? Gibt es dafür irgendwelche Belege? Quellen sollten offengelegt werden, insbesondere bei solch zentralen Argumenten.
  • Warum muss unterstrichen werden, dass Kollmann das folgende Zitat „wörtlich” so gesagt hat? Ist es etwa derart delikat, dass sich der Autor des Textes (also Kollmann selbst!) davon distanzieren möchte?
  • Das Zitat an sich beinhaltet grobe Argumentationslücken:
    • Woher weiß Kollmann, dass sich im Park nur Afrikaner aufhalten? Immerhin ist er ja keiner, wie konnte er diese Beobachtung dann machen?
    • Wie wird die angebliche Bedrohung begründet, gibt es dazu irgendwelche Daten? Laut Aussagen der Polizei ist der Bahnhofspark eine der am besten überwachten Gegenden Bozens (ja, an dieser Stelle ist keine Quelle angegeben – was wohl nun der Wahrheit entspricht? Wer weiß, wer weiß ...)
    • Auf den Punkt gebracht stellt das Zitat die Verbindung „Afrikaner = rechtsfrei” her. Woher wird dieser Zusammenhang abgeleitet, etwa aus einer genetischen Disposition?! Wenn ja, steile These, da haben sich schon ganze Generationen die Finger daran verbrannt! Bei Ableitung aus sozialen Umständen: ebenfalls schwierig, Quelle nachreichen!
  • Tipp: Zitate, die derartige Argumentationslücken aufweisen, sollten im Folgenden vom Autor eingeordnet und kontextualisiert werden. Ansonsten gewinnt der Leser den Eindruck, dass der Autor Fake News verbreitet.

 

An die verantwortlichen Politiker der Gemeinde Bozen und des Landes Südtirol erhebt Kollmann die Forderung: „Lasst im Bozner Bahnhofspark wieder Recht und Ordnung einkehren und gebt ihm seine einstige Schönheit zurück!“

  • Wieder sehr schwieriges Zitat:
    • Recht und Ordnung kann nur wieder hergestellt werden, wenn diese nicht mehr besteht. Da weiter oben im Text diese Behauptung nicht ausreichend argumentativ aufgebaut und bewiesen werden konnte, ist dieses Zitat an dieser Stelle relativ schwach.
    • Auch das Wort „Schönheit” ist problematisch: Was würde für Kollmann Schönheit nun bedeuten? Nur Weiße im Bahnhofspark? Nur Personen, die über ein Einkommen verfügen? Oder sollten etwa einfach mehr Blumen gepflanzt werden? Und wenn dies gemeint sein sollte, warum wurde dann bisher andauernd nur vom „Afrikaner-Problem” gesprochen?
  • Großes Manko des Textes: Er endet hier. Für eine Pressemitteilung ist es notwendig, dass Lösungsvorschläge formuliert werden, ansonsten sind sie nichts weiter als ein Beschwerdebrief und die sollten vor allem ein Instrument der Bürger, nicht aber der Parteien sein. Deren Aufgabe sollte es viel eher sein, Lösungsvorschläge für bestehende Probleme zu formulieren. An dieser Stelle rächt sich zudem die lückenhafte Argumentation des Textes – bei einer konsequenten Weiterführung der bisherigen Argumente müssten nämlich folgende Lösungsansätze formuliert werden:
    • Aufenthaltsverbot für Afrikaner im Stadtpark – müsste dann durch Verbotsschilder, beispielsweise an Bänken, bekannt gemacht werden.
    • Zusätzlich stellt sich die Frage: Würde ein eventuelles Aufenthaltsverbot nur für Afrikaner, also Personen, die in Afrika geboren sind, gelten oder für alle Personen mit schwarzer Hautfarbe, auch wenn sie in Südtirol geboren und aufgewachsen sind? Wie soll zwischen diesen Personen unterschieden werden?
  • Last but not least: Aktualität beachten! Welchen Sinn hat diese ganze Pressemitteilung, wenn der Bahnhofspark sowieso bald eine Benko-Baustelle wird?

 

Gesamturteil: Interessanter Einstieg, guter Sprachgebrauch. Die Argumentation lässt aber sehr zu wünschen übrig: viele Gedankensprünge, pauschalisierend, nicht belegte Grundannahmen, wenig konsequente Weiterentwicklung der Gedanken. Besonders schwer wiegt die Tatsache, dass keinerlei Lösungsvorschläge vorgebracht werden, sich der Autor (ausschließlich) selbst zitiert. Insgesamt klingt der Text mehr nach berechnender Anklage als nach einer Pressemitteilung: Die Textsorte wurde damit verfehlt! 

Mara Mantinger

durchforstet als Soziologin mit Freude Statistiken und liebt es, die Geschichten hinter den Zahlen zu erzählen. Gerne in der Ferne, schaut aber noch lieber von einem Südtiroler Berggipfel in die Welt.
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Wenig schwarz, viel rot: Manche Schüler bereiten ihren Lehrern viel Arbeit und Kopfschütteln. Mit Grammatik- und Rechtschreibfehlern, akuten Matheschwächen, verfehlten Themen ... Heute sind einige dieser ehemaligen 5er-Schüler in der hohen Politik und bereiten immer noch viel Arbeit und Kopfschütteln – bei Journalisten. Darum wollen wir in die Haut ihrer Deutschlehrer schlüpfen und ihnen mal genauer auf die Finger, das heißt auf die Pressemitteilungen schauen: Ausdrucksfehler? Argumentationslücken? Mangelhaftes Faktenwissen? Hier wird alles rot angestrichen. Und gnadenlos bewertet ;-)

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