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Das demokratische Fast-Food-Dilemma.

Big Mac

Alle Pommes sind gleich und alle Pommes sind gut – und warum Amis die wahren Demokraten sind.

Von Falco stammt der Satz, das Schönste an der amerikanischen Flagge seien deren rot-weiß-rote Streifen. Daran muss ich kurz denken, während ich in Wien Linien aus Ketchup und Mayo über meine McDonalds-Pommes ziehe und in den fetten Burger beiße, in die 250 Gramm fleischgewordenen amerikanischen Traum.  

Gepflegte Food-Fetischisten schimpfen ja meist gern auf den gemeinen Burger – zu fett, zu fad, und auf Plakaten meist zu foodgestylt. Der letzte Punkt mag richtig sein, denn natürlich hält die Wirklichkeit nie das, was die Pin-Up-Version auf Plakaten verspricht. Darüber ärgere ich mich auch, ganz kurz, als das eine kraftlose Salatblatt aus beiden Brothälften fällt und damit von der angekündigten Tomaten-Salat-Garnitur kaum noch etwas übrig ist. Neben mir lädt eine Frau ein neues Facebook-Profilfoto hoch, das der Realität nur annähernd entspricht. Ich bin umzingelt von der ungeschönten Wirklichkeit, die aus salatlosen BigMacs und nicht-photogeshopten Menschen besteht.  

In solchen Momenten vermisse ich Wanderungen und das Essen danach. Grüne Wiesen, Sonne, das Essen im Freien unter blauem Himmel und das gute Gefühl, sich jeden Bissen davon verdient zu haben, weil der Weg dahin doch so weit und anstrengend war. Aber daran ist heute nicht zu denken, denn BigMacs muss man sich nicht verdienen. Die amerikanische Essensdemokratie: Reiche und Arme, Fleißige und Faule, alle essen dasselbe, oder können es zumindest. Während man uns Europäer für unsere Weine kennt, die je nach Budget an Qualität gewinnen, ist das Wahrzeichen verpönter US-Kulinarik die eine und einzige Coca-Cola. „Du kannst vor dem Fernseher sitzen und siehst Coca-Cola, und du weißt, dass der Präsident Coke trinkt, Liz Taylor Coke trinkt, und denkst daran, auch du kannst Coke trinken. Eine Coke ist eine Coke, und kein Geld der Welt kann dir eine bessere Coke kaufen als die, die der Penner an der Ecke gerade trinkt. Alle Cokes sind gleich und alle Cokes sind gut. Liz Taylor weiß es, der Präsident weiß es, der Penner weiß es und du weißt es.“ Andy Warhol hat das gesagt, und ich lass es langsam bleiben mit den Zitaten.  

Ich möchte jetzt gerne erzählen, wie und wann ich meinen ersten Burger gegessen habe, oder irgendeine andere kulinarische Erweckungsgeschichte. Aber leider bleiben mir die Dinge beim ersten Mal selten im Gedächtnis, oder vielleicht sind sie da einfach noch nicht so besonders gut, als dass man sich unbedingt daran erinnern müsste. Sushi hatte ich zum ersten Mal auch in Wien gegessen. Ich mochte es nicht, was ich mir heute nicht mehr ganz erklären kann. Vielleicht lag es daran, dass ich etwa 12 war, für Reis und rohen Fisch noch nicht viel übrig und mir über proteinreiche und gesunde Ernährung noch keine Gedanken gemacht hatte. Es war die Zeit, in der man noch eine ganze Tüte Chips essen konnte, mit nur mäßig schlechtem Gewissen.  

Das war auch ungefähr die Zeit, als eine Bekannte auf komplett salzloses Essen umstieg. Das bringt natürlich viel Arbeit mit sich. Sie macht sich seitdem ihr eigenes ungesalzenes Brot und nimmt das auch ungeniert in einer Tupperdose mit zu salzgeschwängerten Hotelbuffets, die ihren Ansprüchen nicht genügen. Konsequenz verträgt sich nicht mit Kompromissen, auch wenn die meist die gesellschaftsfähigere Variante sind.   

Der Salzverzicht geht so weit, dass sie bei einem McDonalds-Besuch vor einiger Zeit (ich gehe dort nicht so oft hin, wie das jetzt vielleicht klingen mag) die Pommes ungesalzen haben wollte. Die Frau am Schalter war leicht perplex, und erörterte dann sehr liebenswert die beschränkten Möglichkeiten einer salzfreien Zubereitung von einzelnen Produkten inmitten einer Fast-Food-Kette. Mir war das etwas peinlich. Ich bestellte schnell und ohne jede Extrawünsche an einem anderen Schalter und zog mich feige mit meinem fetten gesalzenen Chicken Nuggets an einen Tisch zurück, während meine Begleitung allein den Kampf um individualisierte Essensänderungen austrug, und natürlich auch verlor. Das ist das Dilemma an der Demokratie, die alle Gaumen gleich behandeln will. Alle Pommes sind gleich und alle Pommes sind gut. Liz Taylor weiß es, der Präsident weiß es, der Penner weiß es, und du weißt es.  

Vera Mair am Tinkhof

mag die deutsche Sprache, kämpft daher unermüdlich gegen notorische "besser als wie"-Sager. Barfüsslerin der ersten Stunde.
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Endlich wieder eine Story! alle Pommes sind gut!

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