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Bad der Eitelkeiten

Ein Besuch im Badeschiff – wo die Berliner Hipster wie Sardinen in der Sonne brutzeln.

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Bild: Flickr/Beelaineo

Letztens stand in einer Berliner Boulevard-Zeitung, das Badeschiff sei zur zweitschönsten Strandbar der Welt gewählt worden. Wer da gewählt hat, stand nicht in der Zeitung, nur, dass die schönste Strandbar irgendwo auf einer Insel sei, wo genau, das habe ich schon wieder vergessen. Auf einer Insel, das klingt logisch. Aber Berlin? Berlin ist schon lange keine Insel mehr, West-Berlin war, wenn man so will, eine Insel – aber nur bis 1989.

Das Badeschiff ist ein Schwimmbecken an der Grenze zwischen Kreuzberg und Alt-Treptow. Es liegt im Wasser am Ufer der Spree. Davor ein kleiner Holzsteg mit Liegefläche, ein kleiner Strand und besagte Strandbar. Da liegt man dann also. Der Blick ist überwältigend: die historische Oberbaumbrücke mit ihren historischen Backsteintürmchen, dahinter der Fernsehturm. Ein erfrischendes Bad inmitten der Metropole. Vom nahegelegenen Club der Visionäre her trägt die leichte Sommerbrise wummernde Bässe durch die Luft.

Samstagmorgen, kurz nach neun Uhr: Noch ist es ruhig, das Wummern der Bässe mal ausgenommen. Noch ziehen nur zwei Rentner behäbig ihre Bahnen. Zwei Stunden später ist das hier kein Rentnerort mehr. Gleich ist hier Sehen-und-gesehen-werden angesagt. Gleich sind der Strand, das Becken und der Holzsteg überfüllt mit Hipstern der Stadt – so wie an jedem Sommerwochenende.

Schwenk zurück in meine Südtiroler Kindheit: Im Winter schauten wir „Baywatch  – Die Rettungsschwimmer von Malibu“ mit David Hasselhoff und Pamela Anderson. Im Sommer setzten wir uns im Freibad neben die Bademeister – die waren unsere Helden. Sie saßen cool im Schatten ihrer Sonnenschirme und pfiffen den Bikini-Mädchen hinterher.

Einfach nur cool im Schatten sitzen? Damit ist es im Badeschiff nicht getan. Das reicht nicht, um als Coolster durchzugehen. Chill-Musik hat das Partywummern abgelöst. Ein Blick in die Runde: braungebrannte Fitnessstudiokörper, Latte Macchiatos und Holunder-Bionaden neben den Liegestühlen, Apple-Tablets in den Händen, in die die neuesten kreativen Projekte getippt werden. Oder die E-Mail an Papa, ob der nicht bitte noch etwas Geld für die Miete überweisen könnte.

Die Rentner sind längst geflüchtet. „Gutn Morning! Barbie + Ken!“ hat ein Graffiti-Künstler mit weißer Farbe neben dem Badeschiff an die Wand eines Gebäudes geschrieben. Die Sonne brennt erbarmungslos vom Himmel. Kein schattiges Plätzchen mehr zu finden. Immer mehr Menschen strömen ins Badeschiff. Sardinenbüchsen-Feeling.  „Awesome“, sagt eine der Barbies. „Gorgeous“, antwortet einer der Kens. Dann nehmen beide ihre Smartphones in die Hand, machen Fotos von der Oberbaumbrücke und posten sie auf Instagram.

Lenz Koppelstätter

fühlt sich too old to young und too young to old. Außerdem lebt er in Berlin, wo er für Zeitungen und Magazine und an Buchprojekten arbeitet.
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865 Kilometer

Rund 865 Kilometer sind es von Bozen nach Berlin. Lenz Koppelstätter, Südtiroler in Deutschlands Hauptstadt, geht dorthin, wo was los ist und schreibt dort davon, was kurios ist. Kurz: Er berichtet über den ganz normalen Wahnsinn der Großstadt.

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