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An die Kosten denken

Muss sich wirklich alles, was wir tun, rentieren? Doch nun wirklich nicht.

Über Geld spricht man nicht, sagt man, und wie bei so vielen anderen Lebensweisheiten hält sich auch an diese keiner mehr – was wirklich schade ist. Denn gesundes Desinteresse an finanziellen Belangen kann auch eine Tugend sein. Sein Tun ständig nur auf den finanziellen Aufwand zu reduzieren, liegt manchen Leuten aber anscheinend in ihrer DNA. Der Reflex, mit dem sie sich nach den Kosten informieren, mutet manchmal geradezu zwanghaft an. Erzählt man, dass man auf einen Kurztrip in London war, dann fragen sie nicht: „Und wie war’s?“, sondern: „Wie viel habt ihr für den Flug bezahlt?“ Wenn man berichtet, dass man umzieht, erkundigen sie sich noch vor dem „Wohin?“ nach dem Preis für den Quadratmeter. Sparsam und bedacht kann man diese Menschen nennen. Spielverderber trifft es manchmal auch.

Nie redet man mehr einander vorbei, wie wenn jemand mit Begeisterung von einer Sache spricht, und der Gegenüber alles Erzählte nur als Kosten-Nutzen-Rechnung begreift. Die Lebensbilanz dieser Humanwirtschaftler ist ein präzises Abwägen zwischen Soll und Haben, in der sich jeder Faktor nur durch sein Preisschild definiert. Vor jedem Tun stellt sich die Frage: Lohnt sich das? Laut dieser Logik ist ein unbezahltes Praktikum okay, solange es den Lebenslauf entsprechend aufwertet. Erfahrungen nur der Erfahrung willen sind dagegen Verschwendung: von Kraft, Geld und Lebenszeit. Alles muss sich auszahlen. Das ist der pervertierte Gedanke des Karmas: Alles kommt irgendwann zu dir zurück – in barer Münze.

Auch der zwischenmenschliche Bereich ist kein Spaß mehr, sondern langfristige Investition: Bekanntschaften werden strategisch auf ihren ökonomischen Mehrwert hin geprüft,  Beziehungen mit Leuten nur deshalb gepflegt, weil man sich auf lange Sicht davon einen Gewinn verspricht. Ehrlichkeit hat beim Netzwerken auch nichts zu suchen. Die Freiheit, jemandem einfach mal zu sagen: „Hör mal zu, ich mag dich nicht“, kann man sich im beruflichen Umfeld gerade in Südtirol kaum erlauben. Hier trifft man sich nicht nur immer zweimal, sondern läuft sich gleich alle paar Meter über den Weg. So wird man nett zu Leuten, die man als Kind aus dem Sandkasten geschmissen hätte.
Das ständige Abwägen von Kosten und Nutzen macht uns aber auch nicht schöner. „Ein Zyniker ist ein Mensch, der von allem den Preis, aber von nichts den Wert kennt.“ Oscar Wilde hat das gesagt, und der hatte meistens Recht. Verschwende dich mal.

Vera Mair am Tinkhof

mag die deutsche Sprache, kämpft daher unermüdlich gegen notorische "besser als wie"-Sager. Barfüsslerin der ersten Stunde.
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Geschichten liegen auf der Straße oder im Radio. One Song One Story – ein Liedtitel und viele Gedanken, die sich zur Geschichte zusammenfügen. 

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